Ein guter Spielleiter Teil 2: Anfängerfreundliche Systeme


Im zweiten Teil meiner Reihe über gutes Spielleitertum möchte ich das Thema Spielsysteme anreißen. Vor allem Anfänger im Pen & Paper-Hobby lassen sich mit einem komplizierten System und einem Charakterbogen voller Zahlen, Tabellen und Formeln großartig abschrecken und gehen uns dann für immer verloren.

Ein anfängerfreundliches Spielsystem ist daher ein wichtiges Mittel, um Rollenspiel zu genießen. Was hat das mit einem guten Spielleiter zu tun? Nun, auch ein guter Spielleiter ist irgendwann mal blutiger Anfänger.

Ich persönlich empfehle für den Einstieg ins Rollenspiel, Systeme mit leichteren Regeln zu verwenden. Je weniger der Spielleiter am Abend nachlesen muss, desto besser läuft der Spielfluss. Auf Spielerseite wirken zu viele Regeln abschreckend. Erfahrene Spieler wollen es genießen, die Werte ihres Charakters/Abenteurers/Helden/Investigatoren stundenlang zu erarbeiten, für einen Rollenspiel-Einsteiger ist ein direkter Start sinnvoller. Narrative Systeme bieten sich dabei am direktesten an: Weder Spieler noch Spielleiter müssen viele Regeln lernen und das Ganze ist näher am kollaborativen Geschichtenerzählen, als an Zahlenspielereien und undurchsichtigen Würfel-Orgien.

Jede Form des Rollenspiels hat ihren Platz. Spieler, die nicht von einem PC- und Rollenspiel-Hintergrund kommen vergessen allerdings manchmal, wie befremdlich das Jonglieren von Zahlen auf Charakterbögen für Neulinge sein kann. Einige Systeme ohne Charakterbogen und Werte sind da eine gute Einstiegslösung:

Werwolf: Die Einstiegsdroge für Nicht-Rollenspieler. Als Party-Kartenspiel getarnt verbirgt sich hier ein vollständiges Rollenspiel, in dem die Spieler gemeinschaftlich nach Verrätern in ihrer Mitte fahnden müssen. Der Spielleiter übernimmt hier nur die Rolle eines Erzählers und Schiedsrichters und niemand braucht mehr Zettel als seine gezogene Karte. Das Spiel ist mittlerweile so Main-Stream, dass ihr es im gut sortierten Spielwarenhandel findet.

Dread: Ein paar Spieler, ein Spielleiter und ein Jenga-Turm. Ein simples System für Horror-Spiele, die nicht mehr als eine Sitzung dauern und mit dem Tod der meisten Charaktere enden: Alle Charaktere haben grundsätzlich die gleichen Fähigkeiten, müssen Jenga-Steine ziehen um Proben zu bestehen und wenn der Turm umfällt – dann ist es ein Charakter weniger. Einfach, spannend, gut. Online als PDF bestellbar.

Fiasco: Ebenfalls eine gute Einstiegsdroge als Übung für kollaboratives Geschichtenerzählen. Da dieses Spiel keinen Spielleiter kennt, sind alle Mitspieler gleichwertig. Für alte Rollenspielhasen kann Fiasco schwieriger zu spielen sein, als für absolute Neulinge. Es stellt nämlich einen ziemlichen Paradigmenwechsel dar – den unser Hobby durchaus mal nötig hat. Fiasco ist um “Play Sets” für verschiedene Szenarios erweiterbar und ideal für abgeschlossene Spielabende. Online als PDF erhältlich oder hier auf deutsch bestellbar.

Alternativ könnt Ihr Euch auch ein einfaches System selbst ausdenken. Ich empfehle, für Anfänger nicht mehr als fünf Werte auf einem Charakterbogen zu haben, wenn es überhaupt einen geben muss. Auch Gegenstände mit mehr als zwei Eigenschaften sind übertrieben – arbeitet narrativ und mit gesundem Menschenverstand. Viel Spaß beim Spielen!

Marten Zabel

Marten Zabel

Bewertet Dich anhand Deiner Spiele, Serien und Rechtschreibung, wenn er nicht gerade selbst Spiele designt oder von größeren Dingen träumt.
Hauptthemen: Pen & Paper, Games, Brettspiele

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  • Christian Turkiewicz

    Hab mit meinen Kindern bis jetzt HeroKids und Quest: Zeit der Helden gespielt. Beides supersimple Spiele und toll für den Einstieg von Kindern. Für etwas Ältere bietet sich Arborea an. Werwolf, Dread und Fiasco sind sehr unterschiedliche und auf einen Aspekt konzentrierte Spiele, wer eins oder mehrere davon nicht mag sollte sich nicht abschrecken lassen und einfach was anderes ausprobieren.

  • The_Lux

    Quest: Zeit der Helden habe ich mit meiner Pen and Paper Truppe auch mal gespielt.
    Es hat uns sehr viel Spaß gemacht. Vor allem wegen des sehr simplen Spielprinzips. Aber auch, weil es Tabletop ähnliche Aspekte im Kampf hat.
    Da wir fast alle Tabletopper sind, hat uns der Part auch sehr gefallen.

  • Angela Kübler

    Auch gut fand ich vor allem früher einfache ‘Forenrollenspiele’. Ist zwar nichts für einen Abend, sondern erstreckt sich über einen längeren Zeitraum, ist aber ein guter Einstieg.
    Ein oder mehrere SL, die die Story ausarbeiten und dann mit den Spielern als Hauptpersonen umsetzen, dabei natürlich auch immer auf Anregungen der Spieler achtend und generell auf sie eingehend. Manchmal sind sie noch ganz frei, aber es gibt auch Übergangs-RPs, die sich schon Werten und Würfeln bedienen.
    Darüber kam ich damals wirklich zu P&P, nachdem ich anfangs einfach niemanden zum Spielen/Mitspielen fand.