Games sind Kunst – oder doch nicht?


Die Videospielindustrie und zahlreiche Hardcore-Gamer wollen es schon seit langem allen klar machen, dass Games dem Film in Sachen Kunst in nichts nachstehen. Pixel sind Kultur und sollten auch so gefördert werden. Doch sind sie das wirklich? Ein Meinungsbeitrag zu diesem Thema ohne obligatorische Frage am Ende.

 “Videospiele sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen.” Dies ist einer der Lieblingssätze von Journalisten, PR-Menschen und Verbänden, die allen zu verstehen geben wollen, dass Games bedeutungsvoll sind. Irgendwie haben sie damit sogar Recht. Denn fast jede(r) zückt in der Bahn mittlerweile sein (oder ihr) Smartphone und spielt Angry Birds, Cut the Rope, Candy Crush oder ein ähnliches kleines Spielchen. Und ja, Games generieren mittlerweile wahnsinnig hohe Umsätze, bei denen die “klassischen” Medien Buch und Film nur doof aus der Wäsche schauen. Ich sag nur: 500 Mio. $ innerhalb von 24 Stunden für Destiny. What the fuck?!

Warum Games wie Filme behandelt werden wollen

Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung ist also da. Warum holen dann alle ständig immer wieder die “Videospiele sind Kunst”-Keule raus? Weil sie genau das sind – und irgendwie auch nicht. Das Problem ist einmal mehr das “große Vorbild Film”, welches die Videospielindustrie bei den Umsätzen schon lange überflügelt hat.

Symbolbild und Lebensinhalt von Herrn Kaschke

Lebensinhalt von Herrn Kaschke und Förderung für Games: Eine Banane

Das “große Vorbild Film” bekommt von Staat und Land Fördergelder, zumindest in Deutschland. Teilweise sehr viel und gefühlt gibt es keinen Film aus Deutschland, der nicht irgendeinen Film-Förder-Fonds angezapft hätte. Das ist ja in den meisten Fällen auch sinnvoll. Wir in Deutschland haben eben nicht die Jerry Bruckheimers, George Lucases und Steve Spielbergs, die so einen Film einfach mal von ihrem Taschengeld finanzieren. Wenn es diese Förderung nicht gäbe, gäbe es auch ganz viele deutsche Filme nicht. Nun der Grund, warum Filme gefördert werden: Sie sind ein Kulturgut und werden als “Kunst” verstanden.

Zwar lässt sich natürlich bei vielen Filmen darüber streiten, was daran jetzt Kunst sei, aber so ist es nun einmal ausgerichtet. Computerspiele werden übrigens teilweise auch von Land und Bund gefördert. Es gibt sogar einen Geldtopf bei der EU, der dafür genutzt werden kann. Und hier kommt das große Aber und die Erklärung, warum die Videospielindustrie auch Games als Kunst sehen will: Die Fördergelder sind viel, viel geringer. So in etwa in der Größenordnung von: “Du machst nen Film? Klar kriegst du 100.000 € für. Und du? Ein Videospiel? Sicher fördern wir dich. Hier, hast ne Banane.”

Banner Saga: Nicht nur ein großartiges Rollenspiel, sondern auch wirklich als Kunst zu bezeichnen.

Banner Saga: Nicht nur ein großartiges Rollenspiel, sondern auch wirklich als Kunst zu bezeichnen.

Ja, das ist falsch. Aber ist es nicht auch falsch, Videospiele nur wegen der Förderung als Kunst bezeichnen zu wollen? Um gleich euren Shitstorm zu stoppen: Es gibt unfassbar schöne, innovative und vor allem kunstvolle Spiele. Mir fällt da zum Beispiel Banner Saga ein, das einen schönen Zeichenstil, eine großartig düstere Story und glaubwürdige Charaktere mit einer tiefen Spielwelt vereint (hier eine Review von mir bei der Konkurrenz). Übrigens kein Triple A-Titel und eher unter dem Radar vieler Gamer fliegend. Leider.

In Battlefield knall ich Leute kunstvoll um!

Doch auf der anderen Seite gibt es dann doch auch die Battlefields und Call of Duties, die League of Legends und Smites oder die Assassin’s Creeds und Super Marios, die alle meiner bescheidenen Meinung nach ungefähr so viel mit Kunst zu tun haben wie Filme von Michael Bay oder Roland Emmerich. Ich will damit nicht sagen, dass diese Titel schlecht sind. Absolut nicht. Jeder mag Super Mario, ich habe viele unterhaltsame Stunden mit Assassin’s Creed verbracht und spiele immer wieder sehr gerne mit Freunden Smite (hier unser Test dazu).

Mit Fenrir kann man in Smite viel Spaß haben. Aber Kunst? Kunst des Tötens vielleicht.

Mit Fenrir kann man in Smite viel Spaß haben. Aber Kunst? Kunst des Tötens vielleicht.

Aber genau das ist der Punkt. Wir spielen diese Games, weil sie uns unterhalten und nicht weil sie künstlerisch hochwertig sind. Oder um es mit den Worten von Herrn Kaschke zu sagen: “Manchmal sind Spiele auch einfach nur Spiele.”

Seht es also ein, dass diese ganze “Spiele sind Kunst”-Debatte vollkommen bescheuert ist. Das wäre in etwa so, als würde ich sagen: “Frauen sind blond.” Man kann nicht von einigen sehr schicken (oder blonden) Exemplaren darauf schließen, dass alles Kunst ist (oder eben blond).

Story als wichtiges Kunstelement

Meiner Meinung nach ist die Story ein wichtiges Element in der Kunst. Denn auch Bücher sind (literarische) Kunst. Ein gutes Rollenspiel hat eine gute Story, glaubwürdige Charaktere und eine schön entworfene Welt. Wir Rollenspieler müssen uns also nicht sorgen: Ein Rollenspiel ist irgendwie fast immer Kunst. Und die wenigen Ausrutscher ziehen wir eben einfach mit. Denn auch in der bildenden Kunst entsteht immer wieder große Grütze. Also darf das auch bei uns passieren.

Falls ihr euch übrigens noch fragt, woher das Bild ist, das diesen Beitrag schmückt: Das ist Machinarium. Ein herzliches, kleines Point&Click, das ohne Sprache daherkommt und dennoch eine bessere Story hat als 90 % des Triple A-Zeugs.

Alles in allem ist das Vorbild Film für die Videospielindustrie also gar nicht so schlecht. Aber bitte, lieber Gamesmenschen, seid auch so selbstbewusst. Ja, Guardians of the Galaxy macht Spaß zu schauen (hier unsere Meinung zum Film) und ist keine Kunst. Aber dafür gibt es auch Arthouse-Filme. Games sind da nicht anders. Einige Computerspiele sind Kunst, einige sind eben einfach nur Spiele, die unterhalten sollen. Und das ist auch richtig so.

 

Felix Mohring

Jahrelanger Pen&Paper-Spieler und -Leiter. War mal in der Gamesbranche tätig. Leitet als Chefredakteur NonPlayableCharacters inhaltlich.
Hauptthemen: Games, Pen&Paper

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  • Marten Zabel

    Um hier mal meinen Senf dazuzugeben: Auch Spiele, die als Gesamtwerk ein eher kunstloses Industrieprodukt sind, werden in Teilaspekten von Künstlern gemacht und sind damit aus Einzelteilen zusammengesetzt, die Kunst sind: Pseudohistorische Klamotten, ein Soundtrack und schicke Architektur wollen schließlich auch erst hergestellt werden und sind für sich gesehen sicher Kunst. Das Gesamtwerk ist es dann allerdings nicht zwangsweise, was aber wohl auch im Auge des Betrachters liegt…