Laufbahn eines Rollenspielers: Wind of Change


Ach wie war das Leben doch schön, damals vor etwa 20 Jahren, als wir Nerds noch als eher kuriose, durchaus gefährliche, aber auch gefährdete Spezies galten. Zu dieser Zeit gab es noch keine Dokus über uns und ein gewisser Sielmann hätte uns wahrscheinlich possierlich genannt, während eine gewisse “Zeitung” sich in ihren Artikeln über die Gefahren unseres Hobbys ausließ. Welch schöne, einfache Zeit…

Im besten Fall schimpfte man uns Nerd (im schlimmsten Dämonenanbeter) und verstand nicht den Sinn hinter den Spielen, an denen wir so viel Freude fanden und die verdächtig mehr Regeln hatten als das staatlich anerkannte und bereits familiär akzeptierte Monopoly oder Mensch ärgere dich nicht.

quelle: "Undependent"

Quelle: “Undependent”

Mag sein, dass diverse Gespräche im Bus nicht unbedingt zum guten Ruf beigetragen haben. Ich denke da an sowas wie: „Mein Meister hat gestern beinahe die ganze Gruppe umgebracht. Ich bin gerade noch so mit dem Leben davon gekommen.“ oder „Dann habe ich mit dem Assassinen den Zauberer gemeuchelt, mir seinen Talisman geschnappt und mir direkt die Krone der Herrschaft genommen.“ Zweideutig ist das wohl kaum, oder?

Zu dieser Zeit war man nur zu oft das Freiwild auf dem Schulhof und musste seine Spiele und Abenteuer im Geheimen zelebrieren. Doch selbst dann lauerte immer die Gefahr, aufzufliegen. Vor dem wütenden Mob mit Fackeln (oder Laserpointern) konnte man sich dann nur noch durch das geschickte Platzieren seiner Würfelsammlung auf dem Boden retten, gefolgt von sehr lebensechten Rettungswürfen, um sich nicht mit den Füßen zu verheddern. Im darauf folgenden Tohuwabohu, ausgelöst durch die krähenfußartigen Eigenschaften einiger gut platzierten W4, suchte man dann sein Heil in der Flucht, um dann von dort aus eine baldige Rückkehr aus dem Exil zu planen und den Pausentisch bei nächster Gelegenheit zurück zu erobern.

Im kleinen Fantasieutopia zwischen Sport und Geschichtsstunde, versuchte man dann wenigstens ein bisschen Stimmung aufkommen zu lassen und jeder wusste zu dieser Zeit eine kleine “ganz und gar nicht” provozierte Schlägerei in der Aula zu schätzen, die man mit geschlossenen Augen auch wunderbar als einfallende Goblinhorden im gerade laufenden Szenario ausgeben konnte. Schon dort zeigte sich der begabte Spielleiter…. außerdem war jede Form von Ablenkung etwas Gutes und man schätzte jede ungestörte Minute.

Wohl dem, der in seinen Nerdkreisen mindestens einen Menschen kannte, der besonders groß und kräftig war. Bei so jemandem nahm man dann auch Powergaming, Schummeln und so gut wie fast jede erdenkliche Art anderer Marotten in Kauf. Denn es schien einen direkten Zusammenhang zwischen dessen körperlich bedrohlicher Ausstrahlung und der daraufhin entspannten Spielatmosphäre in der Pausenhalle zu geben. Und genau das war so gut wie unbezahlbar.

Genau genommen war das Leben vielleicht doch weniger schön als stressig und als Spielefreund oder Rollenspieler hatte man es  nicht immer leicht. Aber die Zeiten ändern sich. Und Rollenspiele –  wir wussten es damals schon längst und sehen uns jetzt als Avant Garde –  kommen nun mitten in der Gesellschaft an. Zumindest ein bisschen.

Gesellschafts- oder Rollenspiele bieten einen leichten Einstieg und beinahe grenzenlose Freiheiten. Alter, Geschlecht und körperliche Fitness spielen keine Rolle und so kann jeder mitmachen, der die Regeln versteht. Ein Trend der sich längst ausgebreitet hat und hoffentlich nicht mehr aufzuhalten ist.

Die Gruppen von Heute haben mit dem Klischee von damals nichts gemeinsam. Man trifft sich nicht in finsteren Kellerräumen (außer es wäre der Stimmung dienlich), sondern in Gemeinde- und Vereinshäusern, Schulen und Unis, um der Verspieltheit zu fröhnen. Der einsame Nerd von damals, ist längst ein Mensch mit vielfältigen sozialen Kontakten geworden. Ein Mensch der weiß, dass sich all die Verzweiflung und Verfolgung gelohnt hat, denn endlich gibt es mehr als nur ein Funkeln am Horizont. Unsere Zeit ist da.

Genau darum soll es in meiner  Serie Die Laufbahn eines Rollenspielers gehen, die fortan alle zwei Wochen hier an diesem Platz anzufinden sein wird. Dies soll eine ganz persönliche Erfolgsgeschichte zum Mitmachen werden. Denn ich habe in meiner “Nerd-Laufbahn” viel erlebt und erfahren. Und ich hoffe, auch von euch Anekdoten zu lesen.

Kurze Anmerkung zum Schluss: Das Artikelbild stammt aus einer Session Myranor Let’s Play von unseren Freunden von Orkenspalter. Ansehen könnt ihr euch das Ganze hier.

Lukas Kebel

Lukas Kebel

Hat sich schon in früher Kindheit mit Rollenspiel infiziert und gilt als Überträger der Stufe 12. Sammelt nun EP in der Prestigeklasse Artikelknecht.
Hauptthemen: Pen&Paper, Games

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  • Schiggus

    Oh hatte da nie Probleme. Freunde waren und sind begeistert, leider fehlt die Zeit um mal einige Samstage mit Würfeln und Gezanke zu verbringen weil man sich total falsch verhält oder nicht abspricht. Die Massen an 20er Würfen bei DSA endeten in Affenhaus ähnlichen Zuständen.