Laufbahn eines Rollenspielers: Am Anfang war das Wort


Aller Anfang ist schwer. Diese Erfahrung macht wohl jeder, der mit einer neuen Tätigkeit beginnt. Sei es nun, dass man das erste Mal auf einem Pferd sitzt, sich mühselig oben hält und jede noch so kleine Ablenkung die empfindliche Balance zerstören könnte, die ersten Akkorde auf einer Gitarre klampft oder bei den ersten Trainingsstunden im Taekwondo gefühlte 1000 Mal auf die Matte geschickt wird, während man das süffisante Grinsen derjenigen ertragen muss, die schon länger dabei sind….

Ob nun bei der ersten Fahrstunde, beim ersten Date oder dem ersten Tag beim neuen Arbeitgeber: egal um was für ein erstes Mal es sich auch handelt, eine gewisse Unbeholfenheit und ungewollte Situationskomik lässt sich bei all diesen Situationen nicht leugnen. Aber wie ist das eigentlich beim Rollenspiel?

Drehen wir die Zeit zurück und denken an unsere ersten Rollenspielmomente. Wie war das noch gleich und wie sind wir eigentlich dazu gekommen? Bei solchen Rückblicken empfehle ich grundsätzlich immer in sepia zu denken. Körniges Bild und dudelnde Stummfilmmusik, gerne aber auch Melodien aus Super Mario oder Tetris, um die Szene zu unterstreichen.

Zuerst fällt mir dabei immer dieser -Heilige Gral- Moment ein, an dem der Fluch seinen Anfang nahm. Der Tag, an dem ich mich eines Tages auf den Dachboden meines Elternhauses schlich und dort in einer alten Kiste unter dem schummrigen Licht der beschlagenen Fenster die (mehr oder weniger) heilige Schrift fand: ein DSA Regelwerk nebst Spielleitermaske. (aufpassen bei den fiesen Gummischnüren)

Ich habe nie erfahren wem es gehörte und warum es dort lag und auch wenn ich es am Anfang noch einige Zeit lang nicht nutzte, so legte es doch die Saat für all die rollenspielerischen Erfahrungen, die ich noch sammeln sollte. Bald war eine Gruppe von Gleichgesinnten gefunden und da das Regelwerk von damals sich auf wenige Seiten beschränkte, dauerte die Charaktererstellung auch nicht gerade lang. (Mal abgesehen von der Wahl des Namens, die erfahrungsgemäß auch heute noch sehr zeitintensiv sein kann.)

Davon abgesehen war die Erstellung zu dieser Zeit natürlich nicht mit dem zu vergleichen, was die Regelwerke der gängigen Spielwelten heute zu bieten haben. Man wurde also innerhalb kurzer Zeit fertig und konnte direkt anfangen zu spielen. Schön und gut soweit.
Wer aber das erste Mal als Anfänger mit Anfängern an einem Tisch sitzt, wird schnell merken, dass es auch hier ohne entsprechende Übung und Erfahrung, die nicht nur von den Charakteren, sondern gerade auch von den Spielern gesammelt wird, nicht besonders weit her ist.

Holprige Dialoge, Szenarien die an den Haaren herbei gezogen sind und die völlige Unmöglichkeit der Trennung von Charakter und Spielerwissen sind nur einige der Stilblüten, die mich erwarteten, als ich noch ganz frisch dabei war. Das wirkt ziemlich abschreckend und auch hier galt wieder: üben, üben und – wer hätte es gedacht – üben!

Man fühlte sich befangen, albern und manche Spieler beschränken sich mit der Zeit leider darauf, nur das optimieren von Zahlen zu trainieren, weil alles andere sehr viel weniger greifbar ist und eine ganz andere Herangehensweise erfordert. Aber warum fällt das eigentliche Rollenspiel (um das es beim Rollenspiel ja gehen sollte) eigentlich so schwer und war dieser Moment auf dem Dachboden vielleicht gar nicht der Anfang der Geschichte?

Ganz sicher nicht. Der Anfang wird schon sehr viel früher geschaffen und zwar bei jedem Menschen anders. Rollenspiel ist die Art von Spiel, mit der wir schon in frühesten Kindertagen konfrontiert werden. Wer kennt es nicht: das Vater-Mutter-Kind Spiel, Cowboy und Indianer, Ritter und Drache und unzählige weitere Variationen, die ausgiebig ausprobiert wurden. Es hat den Anschein, als seien Kinder die perfekten Rollenspieler, die aus der Situation heraus völlig unbefangen in ein Szenario einsteigen können, und sich diesem völlig hingeben können. Eine Eigenschaft, die uns mit der Zeit ein Stück verloren geht.

Irgendwann ist es dann albern und wir sind befangen, obwohl die Fähigkeit uns bis dahin eine ganze Menge vermittelt hat. Empathie zum Beispiel. Dafür ist das Hineinversetzen in andere Menschen nötig und das lernt man vorzüglich so ganz nebenbei. Auch Schauspieler greifen letztendlich auf die selben Talente zurück, auf die es auch beim Rollenspiel ankommt, wenn man ein stimmiges und spannendes Szenario erzeugen möchte.

Hier ein interessanter Vortrag zum Thema: Rollenspiel, Improvisation un co. Gehalten auf der Nordcon 2014.

Wer da noch Berührungsängste hat, sollte sich vielleicht damit auseinandersetzen, dass Rollenspiel sehr viel weniger nerdig und seltsam ist, als es den Anschein hat. Und darüber hinaus eigentlich nur die Fortsetzung einer Tradition ist, die schon viele Jahrhunderte zurück reicht, bis hin zu den Tagen, als sich Menschen am Lagerfeuer stimmungsvoll Geschichten erzählten, weil es sonst keine andere Möglichkeiten der Unterhaltung gab.

Also einfach locker machen und los.

Kurze Anmerkung zum Schluss: Das Artikelbild stammt aus einer Session Myranor Let’s Play von unseren Freunden von Orkenspalter. Ansehen könnt ihr euch das Ganze hier.

Lukas Kebel

Lukas Kebel

Hat sich schon in früher Kindheit mit Rollenspiel infiziert und gilt als Überträger der Stufe 12. Sammelt nun EP in der Prestigeklasse Artikelknecht.
Hauptthemen: Pen&Paper, Games

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