Das Mädchen mit den Killerhandschuhen


Wenn man an Comics denkt, denkt man an Superhelden, die den Superbösewicht davon abhalten, die Herrschaft an sich zu reißen. Der Comic Battle Chasers von Autor und Zeichner Joe Madureira ist da ganz ähnlich – nur das Setting ist etwas ungewohnt.

Aramus, der Typ auf dem Pferd, ist der große Held der Nation und letztlich schuld an dem ganzen Schlamassel.

Aramus, der Typ auf dem Pferd, ist der große Held der Nation und letztlich schuld an dem ganzen Schlamassel.

Der zugrunde liegende Kern der Geschichte ist Aramus, der mächtigste Held der Welt, der auf mysteriöse Weise verschwunden ist. Seiner Tochter Gully fallen per Zufall die Handschuhe ihres Vaters in die Hände. Diese Handschuhe werden aber bereits von Werwölfen gesucht und  das kleine Mädchen muss fliehen.

So begegnet sie dem 500 Jahre alten Magier Knolan, der sie gemeinsam mit dem Kriegsgolem Calibretto, einer Art Kampfroboter, vor ihren Verfolgern rettet.

Ihr merkt schon, dass es sich hier nicht um das gewohnte Setting handelt. Denn die Welt, in der Battle Chasers spielt, ist eine Fantasy-Welt mit teils steampunkigen Zügen. Wikipedia bezeichnet es gar als ein arcanepunk Setting. Wobei ich nicht das Gefühl habe, dass dieser Begriff nun für alle eindeutig die Welt beschreibt, in der der Comic spielt.

 

Hat jemand nach einem Krieger gerufen?

Das Cover des Gesamtwerks mit den vier Protagonisten. Von hinten: Calibretto, Knolan, Garrison und

Das Cover des Gesamtwerks mit den vier Protagonisten. Von hinten: Calibretto, Knolan, Garrison und Gully.

Eine Fantasy-Geschichte wäre aber keine richtige Fantasy-Geschichte, wenn sie nicht einen echten Krieger hätte. Deshalb stößt recht bald Garrison zu der illustren Truppe. Garrison war einmal Elitesoldat und hat auch an der Seite von Aramus gekämpft. Aus diesem Grund fühlt er sich auch für Gully mit verantwortlich.

Ich bin übrigens sehr froh, dass Garrison kein zweidimensionaler Krieger-Charakter ist, sondern tatsächlich – ganz untypisch – Tiefgang hat… zumindest ein bisschen. Er hat die Armee aus Liebe zu seiner Frau verlassen, da nur sie  ihm die Kampfwut austreiben konnte, die ihn von einem Kampf zum nächsten getrieben hatte. Und nur für sie hat er geschworen, nie wieder sein Schwert zu nutzen. Wir wissen, dass das nicht ganz klappen kann, aber egal. Nachdem seine Frau gestorben ist, hat er seinen Schwur aufrecht erhalten. Ihren Tod hat Garrison dabei nie überwunden. Erst viel später, als er weiß, dass er Gully beschützen muss, greift er zu seinem Schwert und stellt sich den Feinden (wir wussten es).

Der Magier Knolan bleibt im Gegenzug zu Garrison leider etwas blass. Man erfährt zwar, dass er große Macht und mächtige Feinde hat. Mehr leider nicht. Er bleibt ein komischer alter Kauz, der durch Magie wahrscheinlich fast alles machen kann und dennoch Furcht vor noch mächtigeren Wesen empfindet. Ein typischer Magier also.

Calibretto dagegen ist eine sehr erfrischende Figur. Der Kriegsgolem ist die Verbindung aus Magie und Maschine. Da er allerdings schon sehr lange existiert, beschäftigt sich Calibretto auch mit Gefühlen. Er will erlernen, wie er menschlicher wird und ist dadurch meist ungewollt ein absolut liebenswerter Kerl.

Kleines Mädchen oder Kampfmaschine?

Kommen wir zur Hauptperson Gully. Nach kurzer Zeit erkennt sie, dass sie mit den Handschuhen ihres Vaters unbändige Kraft erhält und fast unverwundbar wird. Schmerzen spürt sie zwar noch, aber es entstehen eben kaum Wunden. Man fragt sich dank dieser Handschuhe öfters, ob nun der Magier, der Golem und der Krieger Gully beschützen oder umgekehrt.

Gully ist ein kleines Mädchen, das immer wieder versucht auch ein Mädchen zu sein. Dies ist natürlich nicht besonders einfach, wenn man die wahrscheinlich mächtigste Waffe der Welt an den Händen hat, die natürlich sämtliche machthungrigen Menschen und Kreaturen haben wollen. Aber irgendwie schafft es Gully  doch, trotz der Kämpfe Kind zu bleiben

Calibretto in Action und kennzeichnend für den Comic. Denn es geht hier von einem Kampf in den nächsten.

Calibretto in Action und kennzeichnend für den Comic. Denn es geht hier von einem Kampf in den nächsten.

und auch immer wieder die Unbeschwertheit eines Kindes an den Tag zu legen. Und dann wird sie innerhalb eines Augenblicks wieder zur Kampfmaschine. Eine beeindruckende Eigenschaft, die wahrscheinlich die Seelenwelt eines solchen Kindes nicht zu 100 Prozent widerspiegelt. Aber wir sind in einer Fantasy-Welt, da ist das eben etwas anders.

Und wenn wir gerade schon bei den Kämpfen waren: Der Titel Battle Chasers verrät es ja schon, aber ich möchte es dennoch nochmals hervorheben: Hier wird viel gekämpft. Wirklich, sehr viel. Mit Magie, mit Schusswaffen, mit Schwertern,  Zähnen, Klauen, Messern, den Händen und den Waffen einer Frau (mit unrealistisch großen Brüsten und einer daraus folgenden etwas ungesunden Figur).

Die Kämpfe sind allesamt sehr gut Panel für Panel inszeniert und ich kam als Leser nicht nur gut mit, sondern habe schon fast die Schläge und das Kampfgeschrei gehört. Das ist zum einen der guten Inszenierung der Kämpfe geschuldet, aber auch dem wirklich guten Zeichenstil, der manchmal sogar einen leichten Manga-Einschlag hat.

Ich habe euch in die Falle gelockt, also Frontalangriff!

Die Geschichte von Battle Chasers dagegen ist nicht der größte Wurf der Comic-Geschichte. Zwar merkte ich beim Lesen, dass in der Welt irgendwie jeder einen Hintergedanken hat und intrigiert, aber letztlich schien es fast immer nur auf einen finalen Zweikampf rauszulaufen. Die Bösen gehen clever vor, locken ihr Ziel aus dem Versteck um dann frontal anzugreifen. Wirkt manchmal etwas unglaubwürdig. Aber die Helden gehen da auch nicht anders vor. Alles schreit geradezu nach dem Titel des Comics.

Dies tut der Unterhaltung zwar keinen Abbruch, aber eine tiefer gehende Story wäre in diesem Fall wirklich nett. Ich möchte gerne die Welt besser kennenlernen, würde gerne mehr über Nebencharaktere erfahren und unsere Protagonisten auch gerne einmal in Situationen sehen, die sie nicht mit einem Kampf beenden.

Wie, es ist schon zu Ende?

Vielleicht wäre dies in späteren Ausgaben noch gekommen, allerdings gibt es leider von Battle Chasers nur neun Folgen plus ein Präludium. Glücklicherweise hat Cross Cult einen Sammelband mit allem herausgebracht, aber dennoch ist es schade um den plötzlichen Abbruch der Geschichte. Eigentlich sollte Battle Chasers eine fortlaufende Geschichte werden. Das merkt man auch, denn das Buch endet wirklich mitten an einer spannenden Stelle.

Und es ist sehr wahrscheinlich auch nicht nur ein genialer Cliffhanger. Denn der neunte Band ist 2001 in den USA  erschienen, das Gesamtwerk zehn Jahre später. Ich vermute also, dass wir nicht auf ein würdiges Ende der Comics beziehungsweise der Serie hoffen dürfen.

Dafür ist der Sammelband mit den ersten Skizzen zum zehnten Heft und zahlreichen Artworks zu den Charakteren und den Covern abgeschlossen. Sehr schön, wenn man die Entwicklung sieht und erkennt, dass sich der Schöpfer der Reihe in der Regel auch wirklich für das beste Design entschieden hat.

Fazit

Trotz des abrupten Endes ist Battle Chasers ein Comic, den ich als unterhaltsam einstufen würde. Vor allem der Zeichenstil und die Inszenierung der Kämpfe sind großartig. Ein Hardcore-Comicfan sollte Battle Chasers bei sich im Regal stehen haben. Und falls ihr (Comic-)Zeichner seid, solltet ihr auch zum Gesamtwerk greifen. Denn für Inspirationen ist das Buch wirklich gut geeignet. Für alle anderen: Wenn ihr mit einer leider unvollständigen Story leben könnt, auf etwas andersartige Fantasy steht und gerne Kämpfe seht, dann wäre Battle Chasers auch für euch etwas. Ich jedenfalls fühlte mich von der illustren Truppe unterhalten.

Battle Chasers: Ultimative Edition

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4.2 von 5 Sternen (6 customer reviews)

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Felix Mohring

Jahrelanger Pen&Paper-Spieler und -Leiter. War mal in der Gamesbranche tätig. Leitet als Chefredakteur NonPlayableCharacters inhaltlich.
Hauptthemen: Games, Pen&Paper

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  • Shane

    Dumm nur das niemals Band bzw vol 10 erschien habe alle comics hier rumliegen