Laufbahn eines Rollenspielers: Die Gruppe


Diese eine Gruppe, erinnert ihr euch noch? So ungefähr sieht es wohl aus, wenn all die schlechten Erfahrungen die ich über die Jahre gemacht habe am Spieltisch zusammen treffen. Die guten wären auch nicht ansatzweise so unterhaltsam.

Der Drache versuchte Alantir mit allen Kräften abzuwerfen, gewann an Höhe und warf sich beim Aufstieg grunzend gegen die Felswand, wobei der Held nur noch im letzten Moment sein Bein weg ziehen konnte. Mit Hilfe seiner Dolche gelang es Alantir wieder festeren Halt zu finden. Er grub die Waffen tief in die Haut der fliegende Echse und zog sich behände wie ein Bergsteiger an der Felswand nach oben, nur mit dem Unterschied, dass dieser Berg sich bewegte und alles andere als erpicht darauf war, der kleinen und höchst lästigen Kreatur ihren Erfolg zu gewähren. Der Drache drehte sich auf den Rücken und flog mörderische Manöver in der Luft, während irgendwo weit unten das Land und der Canyon im Nebel verschwand.

Alantir zog die Klinge von Beißer aus dem heißen Fleisch und Blut spritzte auf seine Kleidung. Wäre er ungeschützt gewesen, hätte seine Haut mit Sicherheit Blasen geworfen und er wäre in einer Mischung aus Agonie und Schmerz in die Tiefe gestürzt. Aber so konzentrierte er sich darauf nicht den Halt zu verlieren. Wiederum rammte er den Dolch in die Seite von Sorveras, dem König der westlichen Lüfte und der alte Drache quittierte das mit einem markerschütternden Brüllen. Doch diesmal glitt die Klinge ab und fast wäre der tapfere Held gefallen, hätte er nicht im letzten Moment noch mit der anderen Hand halt gefunden. Wehmütig sah er, wie Beißer, diese meisterhaft gefertigte Waffe, in die Tiefe stürzte und aus seiner Sicht verschwand.

Marks Gesicht zeigte eine Mischung aus leichtem Wahn und stellte das Grinsen eines Menschen zur Schau, der schon viel zu viel gesehen hatte. Die Orte die hinter dem Vorhang der Normalität lauerten waren mit der Zeit immer mehr zur alten Vertrauten geworden.  Schweiß tropfte von seinem Ziegenbärtchen, als er so neutral wie möglich auf sein Gegenüber einredete.
„Kritischer Fehlschlag beim Klettern. Der Dolch ist futsch und du kannst dich gerade noch so oben halten.“
Es gelang ihm nicht vollends die Genugtuung aus seiner Stimme zu verbannen.

Obwohl sich der Drache in der Luft aufbäumte, ließ sich Alantir nicht aus der Ruhe bringen. Das Feenblut in seinen Adern und die damit verbundenen Erinnerungen an das Fliegen erwiesen sich als äußerst nützlich. So leicht würde er sich nicht unter kriegen lassen. Verbissen gelang es ihm, sich auf den Rücken des Ungeheuers zu ziehen. Sein Ziel lag klar vor ihm. Der riesige Kopf der Bestie, der wie eine Abrissbirne mal hier hin, mal dorthin schwang und in dem ein Verstand lauerte, der so finster war, wie die tiefste Nacht. Noch ein paar Meter. Kurz vor seinem Ziel umklammerte seine freie Hand den Griff von Samrang und das Wispern des uralten Schwertes klang bedrohlich in der Luft.

„Warte, warte, warte“, Kevin gestikulierte wild und unterbrach jäh die Szenerie. Sein dünner Körper warf im Kerzenlicht einen unwirklichen Schatten, ein dünnes Männchen, das sich in starkem Wind hin und her zu werfen schien.
„Du hast nie gesagt das du das Schwert mitgenommen hast, ich bin mir sogar ziemlich sicher…“ Weiter kam er jedoch nicht, denn Björns Hand schoß noch im selben Moment nach oben und jeder wusste, was das bedeutete. Zweifel waren gefährlich.
Es war plötzlich sehr still geworden und so brauchte die Stimme die nun erklang auch kaum Kraft, um alle Ohren zu erreichen.
„Nimmervoller Beutel, an meinem Gürtel.“

Mutlos sanken Kevins Arme nach unten. Wie hatte er das nur vergessen können. Jeder Abenteurer der etwas auf sich hielt, nannte einen solchen Gegenstand sein eigen. Dies war auch der Grund, warum Björn damals sogleich Anspruch auf den Fund erhoben hatte und mit einer langen und breiten Ansprache darüber, dass der Spieler mit den besten Regelkenntnissen die Artefakte der Gruppe aufbewahren sollte, die anderen irgendwie überzeugt hatte. Die Saat des Widerstandes blitzte in Kevins Augen auf.

Alantir zog also das Schwert aus dem Gürtel und schlug wie wild auf den Hals des Drachen ein, der sich in Schmerzen hin und her warf. Wilde Entschlossenheit lag in den Augen des Helden, der sich durch die Zuckungen nicht von seinem Vorhaben abbringen ließ. Der uralte Feind würde fallen und er, Alantir, würde mit seinen Taten in die Geschichte eingehen. Noch einmal langte er zu und das Schwert trennte den Kopf vom Rumpf der Kreatur, während dem riesigen Körper das Leben entwich. Irgendwo ganz weit unten blickten zwei alte, traurige Greise in den Himmel hinauf und seufzten. Der Todesschrei der Bestie erreichte selbst ihre halb tauben Ohren.

Die Zahlen von Björns Würfeln waren im Kerzenlicht kaum zu erkennen. Es mochte auch daran liegen, dass sie sich farblich vom Untergrund kaum abhoben und auf Marks Einwände hin, hatte Björn damals nur darauf hingewiesen, dass er auf Grund des Würfelkarmas nur mit diesen Würfeln spielen könnte. Und das so vehement, dass Mark schließlich aufgegeben hatte. Schließlich hatten die ureigenen Würfel eines Rollenspielers schon fast etwas religiöses an sich und allein der Gedanke, irgendwelche uneingeweihten Neuen zu verwenden, kam dem größten Frevel gleich.
Triumphierend und ruhig verkündete er: “Eine natürliche 20 und bestätigt. Zusammen mit den Modifikatoren macht das dann…“
Ein Murmeln und Raunen ging durch den Raum.

„127 Schadenspunkte. Der Kopf ist ab. Ich habe dir ja gleich gesagt, wir sollten ein vernünftiges System spielen, wo die 1 ein kritischer Erfolg ist und nicht umgekehrt. Aber nun musst du damit Leben, dass ich den großen Endgegner der Kampagne ganz alleine besiegt habe.“ Björns Stimme troff vor Genugtuung.
Mark schien aber ungewöhnlich gefasst und schaffte es dem Blick des Rollenspielgurus einige Sekunden lang zu widerstehen.
„Das Monster hast du zwar erschlagen, und wenn du willst kannst du dir gerne die Erfahrungspunkte aufschreiben, aber viel Zeit bleibt dir dafür nicht mehr.“
Björn blieb gelassen als Mark seine Ausführungen fortsetzte. „Alantir wird den anderen sicher in Erinnerung bleiben, als blutiger Fleck auf dem Boden des Canyons.“

Ein lautes Knallen ertönte, als das 532 Seiten schwere Regelwerk aus geringer Höhe auf den Tisch fallen gelassen wurde und Björn zielsicher Seite 232 aufschlug.
„Lass mich nur noch einmal an deine Worte erinnern. Keine Hausregeln. Hast du selbst gesagt. Das bedeutet, dass wir mit den ganz normalen Fallschadenregeln spielen. Die sind auf ein Maximum begrenzt, mal davon abgesehen, dass mir die Volks- und Klassenkombination des Vampir-Feen-Lich-Kriegers eine Schadensresistenz verleihen. Dazu dann der Schutzfaktor des magischen Schwertes und nicht zuletzt mein Talent des ‘Immer auf den Füßen Landens’. Das macht dann nach Adam Riese 72 Schadenspunkte, bleiben immer noch 25 und….“

Alantir landete sicher auf den Füßen und rollte sich ab, als der Körper des Königs der westlichen Lüfte nur wenige Dutzend Meter weiter auf dem Boden zerschmetterte. Wieder einmal hatte er das Reich vor dem Untergang gerettet und auf Grund dieses Sieges fühlte er sich fast bereit das Geheimnis des ewigen Lebens mit seinen Mitstreitern zu teilen, die sich in sicherer Entfernung vom langen Marsch und ihrer Arthritis erholten. „Achwas“, dachte er sich. „Wer braucht schon mehr als einen Helden, der alles weiß und alles kann?“ Und so zauberte er mit einem Wink seiner Hand ein magisches Pferd herbei, ließ die Beiden stehen und ritt dem Sonnenuntergang entgegen.

Ein paar abschließende Worte

Den ein oder anderen Spieler beziehungsweise Spielleiter habt ihr sicherlich auch erkannt. Künftig werden wir diese Gruppe auf ihren Streifzügen durch ihre Rollenspiel-Abende begleiten. Ehe wir jedoch fortfahren, möchte ich euch die Runde erst einmal in aller Ausführlichkeit vorstellen:

Mark, 24 und SL, ist unendlich ambitioniert und hat viel Zeit an obskuren Orten, bei Lesungen und Walkabouts verbracht, um das perfekte Rollenspielszenario zu kreieren, das dann in der Regel von der Gruppe innerhalb von Sekunden in Einzelteile zerlegt wird. Hat den Dreh einfach noch nicht raus, wie man sich durchsetzt und folgt der Devise “wenn es mal wieder schief läuft, muss eben einfach mehr Zeit für’s Vorbereiten investiert werden”.

Björn, 35 Jahre alter Rollenspiel-Titan, dessen Körperumfang nur ein Zeichen seiner inneren Größe ist. Hat bereits so ziemlich jedes bekannte System gespielt oder bei dessen Entstehung mitgewirkt. Wer könnte sich schon einen besseren Mitspieler vorstellen?

Kevin, 16 und der ewige Neuling. Er ist der Typ, der seinen Charakter immer wieder neu entdeckt. Irgendwer hatte mal gesagt, nach ein paar Sitzungen sollte man die Fähigkeiten seiner Klasse doch langsam beherrschen. Aber Kevin scheint das als Herausforderung zu sehen. Ansonsten hat er ab und an auch die ein oder andere gefährliche Idee.

Thorsten, 27 und diesmal ziemlich still. Hält sich auch sonst eher im Hintergrund, außer bei den Offtopic-Gesprächen. Weiß außerdem, wo es die beste Pizza gibt und welcher Laden wie lange geöffnet hat. Unabdingbar für jeden gelungenen Abend. Stellt sich nicht die Frage, warum er noch dabei ist, oder?

Random/Fandom, Alter unbekannt. Dieser eine Spieler den irgendwer mitgebracht hat, weil eine richtige Gruppe mindestens aus 4 Spielern und einem SL besteht? Darf natürlich nicht fehlen, ruht sich aber gerade auf der Ersatzbank aus. Macht nichts, denn beim nächsten Mal könnte es schon wieder jemand ganz anderes sein.

Und ich, irgendwo dazwischen. Mal in einem, mal im nächsten extrem. Irgendwer muss ja dabei sein, um davon zu berichten.

 

Lukas Kebel

Lukas Kebel

Hat sich schon in früher Kindheit mit Rollenspiel infiziert und gilt als Überträger der Stufe 12. Sammelt nun EP in der Prestigeklasse Artikelknecht.
Hauptthemen: Pen&Paper, Games

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