Ein guter Spielleiter Teil 10: Der Spielleiterschirm


Bereits frühe Rollenspielsysteme wurden mit einem Spielleiterschirm ausgeliefert, der dazu beitragen sollte, Informationen von den Spielern fernzuhalten. In diesem Teil meiner Kolumne stelle ich mir die Frage, ob ein derartiges Artefakt noch zeitgemäß ist und welche Informationen Ihr tatsächlich vor der Spielgruppe verstecken solltet.

Um es direkt vorweg zu sagen: Ja, ich benutze einen Spielleiterschirm – zumindest in Teilzeit. Ihr könnt ihn oben in der Titelgrafik sehen. Er ist das selbst gebastelte Monstrum aus Papier, Einklebefolie und Panzertape mit der Aufschrift Master Wand of Doom und einer Strichliste mit getöteten Spielercharakteren. Seit nunmehr einem Jahrzehnt ist das Teil nicht nur mein Schirm, sondern auch Transportbehältnis (auf der Rückseite sind zwei Fächer aus Klarsichtfolie) und vor allem Abschreckungsmaßnahme.

Geheime Lagepläne

Braucht jeder Spielleiter einen Schirm, um seine Notizen oder Würfelwürfe vor den neugierigen Augen der Spieler zu schützen? Natürlich nicht. Aber es gibt einige Situationen, in denen eine klare Sichtbegrenzung äußerst hilfreich sein kann. Wenn Ihr nichts zwischen Euren Notizen und den Spielern habt, sind alle Informationen, die Ihr nicht in Eurem Kopf verwahrt, für die Gruppe offen sichtbar. Das kann in einigen Situationen erwünscht sein, würde aber in meinen persönlichen Stil nicht hineinpassen. Dieser arbeitet sehr damit, dass die Spieler unvollständige Informationen über jede Situation haben.

Ein gutes Beispiel für eine nützliche Anwendung des Spielleiterschirms ist das Labyrinth (oder jedes nichtlineare Dungeon). Habt Ihr etwas vorbereitet, das die Spieler erforschen sollen, wollt aber selbst den Überblick behalten, so könnt Ihr natürlich einen Lageplan hinter dem Schirm verstecken. Ich persönlich ziehe dies einem Freestyle-Dungeon vor (wenngleich ich ein solches immer noch häufig spontan einsetze), da sich so seltener Fehler einschleichen.

In meiner bisher liebsten Kampagne, die in einem futuristischen Knast spielte, hatte ich während der gesamten Spielzeit über etwa ein Dutzend Sitzungen den Lageplan des Gefängnisses hinter meinem Schirm. Klar konnten die Spieler einzelne Abschnitte erkunden, aber hinter den Kulissen gab es natürlich Verbindungswege und Bereiche, die ihnen vor ihrem Ausbruchsversuch nicht zugänglich waren. Außerdem lag hinter meinem Schirm eine ausgedruckte Tabelle sämtlicher Insassen – es war eine meiner besser vorbereiteten Kampagnen…

Würfeln und Schummeln

Das zweite große Geheimnis, das Ihr hinter einem Spielleiterschirm verstecken könnt, sind Würfelwürfe. Zum einen gibt es Würfe, deren Ergebnis die Spieler nicht wissen DÜRFEN. Jeder Wurf bezüglich Überraschungen fällt für mich klar darunter. Klar, Ihr könnt Eure Spieler darauf dressieren, jederzeit mit Aufmerksamkeits-Würfen zu arbeiten, auch wenn gar nichts da ist. Einfacher ist es aber, einfach hinter dem Schirm zu würfeln. Dies hat den netten Nebeneffekt, dass es die Spieler nervös macht – was zur Hölle tut der Spielleiter da hinter seiner Wand?

In ein kleineres Wespennest steche ich eventuell mit der Aussage, dass ein Würfeln hinter dem Schirm es Euch auch erlaubt, zu schummeln. Darf ein Spielleiter das? Ich denke schon, wenn es der Geschichte gut tut. Ich habe noch nie einen Würfelwurf geändert, damit er den Spielern mehr Schaden zufügt (eher das Gegenteil) – bin aber von der diktatorischen Schule und denke, der Spielleiter sollte die volle Macht haben. Diese Macht nicht zu missbrauchen und immer daran zu denken, dass alle am Tisch sitzen, um gemeinsam Spaß zu haben, ist die Verantwortung, welche dies mit sich bringt.

Gegenargumente

Es gibt durchaus auch stichhaltige Argumente gegen einen Spielleiterschirm. Da ist zum einen das Vertrauen: Wer seinen Spielleiter noch nicht so gut kennt, oder aber einfach schlechte Erfahrungen gemacht hat, mag es vielleicht nicht, wenn Würfelergebnisse verheimlicht werden. Ein weiteres Argument ist natürlich, dass es fragwürdig ist, warum man überhaupt würfelt, wenn die Ergebnisse jederzeit zu manipulieren sind.

Ebenfalls gegen den Spielleiterschirm spricht, dass er eine physische Barriere zwischen Euch und Eure Spieler setzt. Ihr trennt den Tisch klar in Euren Bereich und den der Spieler – und versteckt Euch hinter einer Mauer. Dies kann den Eindruck stärken, dass das Rollenspiel ein Gegeneinander von Gruppe und Spielleiter ist, ein Thema, das ich in der allerersten Ausgabe dieser Kolumne angesprochen habe.

Psychologische Kriegsführung

Aus Sicht der Spieler mag es hinter Eurem Spielleiterschirm, wenn Ihr denn einen benutzt, einen Haufen Zettel voll Notizen und natürlich Würfel geben. Dies muss nicht notwendigerweise so sein: Eventuell benutzt Ihr den Schirm auch nur zum Bluffen. Vielleicht habt Ihr ja gar nichts vorbereitet, seid (wie ich häufig) direkt von der Arbeit in die Sitzung gestolpert und versucht jetzt, Euch durch die weiterlaufende Kampagne zu bullshitten. Dabei ist ein Spielleiterschirm wirklich nützlich: Er kann die Illusion aufrechterhalten, Ihr seid vorbereitet und die Welt, durch die die Spieler gerade gehen, ergibt als großes Ganzes einen Sinn.

Auch das bereits angesprochene Würfeln hinter dem Schirm kann als reine psychologische Wirkung genutzt werden. Ähnlich wie das GamerBoard könnt Ihr den Spielleiterschirm nutzen, um Eure Spieler zu verunsichern. Und sei es nur, indem Ihr hinter dem Schirm vor Euch hinwürfelt.

Als letzten Faktoren könnt Ihr den Schirm benutzen, um die Spielwelt und ihre Atmosphäre besser herüberzubringen. Mein Schirm ist ursprünglich für ein postapokalyptisches Setting gemacht und mit entsprechenden Bildern (und Materialien) bedeckt. Eine befreundete Spielleiterin hat dereinst für jede Kampagne einen eigenen Schirm gebastelt – inklusive Bildern unserer Charaktere, die vorsichtig in das Design eingearbeitet waren. Das war schick und praktisch, da auf der Rückseite jeweils die wichtigsten Tabellen des Spiels zu finden waren.

Fazit

Ich denke wie gesagt nicht, dass jeder Spielleiter einen Schirm benötigt. Ich nutze meinen normalweise in etwa jeder dritten Sitzung. Vor allem wenn es um Kampf und Heimlichkeit geht, ist er ein gutes Werkzeug. Außerdem hat er mir schon häufig geholfen, über Unzulänglichkeiten meiner Kampagne hinwegzutäuschen. Und man kann dahinter prima einen eigenen Stash an Chips und Süßigkeiten bunkern – ich bin schließlich ein Einzelkind.

Marten Zabel

Marten Zabel

Bewertet Dich anhand Deiner Spiele, Serien und Rechtschreibung, wenn er nicht gerade selbst Spiele designt oder von größeren Dingen träumt.
Hauptthemen: Pen & Paper, Games, Brettspiele

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  • Der OrigamiMann

    Ich nutze ebenfalls ab und an einen SL Schirm. Sowohl um für die SCs
    teilweise tödliche Ergebnisse abzumildern, als auch um nicht offen zu
    legen mit welchem Ergebnis meine NSCs sie treffen etc..
    Ich denke es
    ist aber eine Vertrauenssache ob man einen SL Schirm benötigt oder
    nicht. Karten offen herumliegen zu haben funktioniert natürlich nur
    schwer ohne ihn, aber auch dies kann mit einem SL Schirm unterwandert
    werden – schließlich ist er keine magische Barriere und die Spieler
    stehen immer mal wieder auf und können Blicke dahinter werfen wenn sie
    denn wollen.

    Grundsätzlich kann man den SL Schirm aber auch
    mit wichtigen Infos und Kurzregeln spicken und dadurch das nachsehen in
    Büchern etc. reduzieren. Gerade als SL sieht das immer sehr unschön aus,
    wenn man plötzlich bestimmte Dinge nach blättern muss, wo man doch aus
    Spielersicht ein wandelndes Regelbuch sein sollte.

    Die Methode
    hinter dem SL Schirm zu würfeln um die Spieler zu verunsichern etc.
    funktioniert im Übrigen hervorragend – sofern man nicht zu oft davon
    Gebrauch macht und ab und an auch Tatsachen folgen lässt.

    25+
    SC´s auf dem Gewissen zu haben ist für mich allerdings nichts, was ich
    als Strichliste auf dem SL Schirm eintragen würde. Ist zwar auch eine
    Art dunkler Humor die mir gefällt, aber dies würde ich nicht auf dem SL
    Schirm verewigen. Dies unterstützt nur die “SL VS SC” Perspektive. Davon ab kann ich an einer Hand abzählen wie viele SCs
    bei mir über den Jordan gegangen sind und die haben es wirklich nicht anders gewollt und haben sich teilweise sogar für den Heldentod entschieden 😉

    Lange Rede kurzer Sinn: Ein Spielleiterschirm gehört in jede SL Sammlung. Er ist praktisch, schön anzusehen und hat eigentlich nur Vorteile, also nutzt ihn 😉

  • Markus Sauerbrey

    Der OrigamiMann erwähnt es ja schon: Ein wichtiger Aspekt eines Spielleiterschirms ist das Bereitstellen von wichtigen Tabellen und Informationen. Schade, dass das hier vergessen wurde.
    Und wie es der Zufall will, stelle ich via Vlogtaculum gerade meinen alten/neuen Spielleiterschirm (kurz) vor: http://youtu.be/0XBkKjCKlZk

    • Marten Zabel

      Ahem. Vergessen wurde das nicht, ich habe diesen Aspekt durchaus kurz erwähnt. Ist auch der Hauptgrund, aus dem mein Schirm zwei Klarsichtfächer hat.

  • Adrian

    Hm, das ließt sich so als könnte ein Laptop die Funktion des Schirms auch erfüllen. Man kann unbeobachtet würfeln (also mit realen Würfeln, nicht mit Programmen^^) und Notizen etc. offen haben oder aber es nicht haben aber es die Spieler glauben lassen…