“Jeder hat einen Sender, aber das ist unser Sender”


Budi, Etienne, Nils und Simon. Die vier Moderatoren von GameOne sind wohl jedem Gamer ein Begriff. Kurz vor Weihnachten verordnete Viacom, das Unternehmen hinter MTV und Viva, dem Format eine “kreative Pause”, was faktisch das Ende für die vier ehemaligen GIGA-Leute bei GameOne war. Nun haben sie am 15. Januar RocketBeansTV auf Twitch gestartet und haben viel mit ihrem eigenen Sender vor. Wir haben Nils und Etienne dazu interviewt.

NPC: Ihr habt am 15. Januar euren 24/7 Web-Channel RocketBeansTV auf Twitch gestartet. Was ist da geplant?

Nils: Es werden großteils Inhalte sein, die man schon von unserem YouTube-Channel kennt, wie zum Beispiel Almost Daily, Kino+ oder Pen & Paper, aber auch vermehrt Let’s Play-Strecken. Also letztlich werden wir Inhalte bieten, die Abbilder unserer Interessen sind. Dazu zählen Serien, Gaming, Fußball, Internet, Popkultur… All diese Dinge, also fast alles,…

Gamer kennen und lieben sie: Nils Bomhoff (links) un Etienne Gardé.

Gamer kennen und lieben sie: Nils Bomhoff (links) und Etienne Gardé.

Etienne: Außer Naturwissenschaften. Wobei, selbst die kann ich mir vorstellen.

Nils: All diese Dinge wollen wir in unserem gewohnten Slang abbilden. Dabei wollen wir nicht nur auf uns selbst und unsere Dinge zurückgreifen. Wir sind auch mit Leuten in Gesprächen, die wir cool finden und deren Inhalte wir gerne auf unserem Channel sehen wollen, und mit Leuten, die sich selbst gerne auf unserem Channel sehen wollen (Bewerbungen an deineshow@rocketbeans.de). So sammeln wir Inhalte und hoffen, dass es einfach saugeil wird.

Etienne: Im Prinzip wird es einfach ein Sender, den wir immer schon gerne selbst gehabt hätten. Wir können sowohl inhaltlich alles selber machen, als auch anderen Leuten die Chance darauf geben, auf die wir auch Bock habe. Für mich wird damit auch ein Traum wahr. Wir sind plötzlich alle auch Programm-Chefs von unserem eigenen Nerd-Channel. Und das ist total geil. Wir können jetzt sagen: Das ist unser Sender und da findet auch nur das statt, was wir selber cool finden. Das kann mal total bescheuert oder auch total professionell sein. Theoretisch könnten wir sogar YouTube-lizenzfreie Filme darauf senden. Wir können uns eben eine Welt so basteln, wie wir sie uns schon immer vorgestellt haben. Und das alles auf diesem Sender. Es ist zwar ein kleiner Sender, aber es ist ein Sender.

Nils: Und es ist unser Sender. Jeder hat einen Sender, aber das ist unser Sender.

Etienne: Selbst ein kleiner Radiosender auf der AM-Welle, die du in deinem Leben noch nie gehört hast, ist ein Sender. Das kann uns keiner nehmen. Ob der nachher geschaut wird, ist eine andere Frage. Wir gucken ihn.

NPC: Dann habt ihr immerhin schon zwei Zuschauer.

Etienne: Mindestens. Bei unseren Mitarbeitern ist es vertraglich festgeschrieben, dass sie ihn gucken müssen. Also 20 Zuseher hat er mindestens schon.

“Der Sender ist unser aller Traum.”

NPC: Landen eure eigenen Formate weiterhin als Video on Demand auf YouTube?

Nils: Wir wollen unseren YouTube-Abonnenten nichts wegnehmen. Sie sollen weiterhin ihr gewohntes Programm bekommen. Wir werden nicht jedes Format da drauf hauen, denn sonst wäre das ja auch irgendwann Spam. Wir werden ausgewählte Sachen, die schon jetzt dort hochgeladen werden, auch weiterhin dort platzieren.

NPC: Was ist euer langfristiges Ziel mit dem Kanal?

Etienne: Der Sender ist schon unser aller Traum. Jetzt gilt es dafür zu sorgen, dass er nicht nach drei Monaten wieder abgeschaltet wird. Es gilt, den Sender auf wirtschaftlich gesunde Füße zu stellen und dann immer weiter dran zu schrauben. Er wird am Anfang wahrscheinlich eher aussehen wie der Piratensender Powerplay oder der Offene Kanal. Wir wollen uns aber dahin entwickeln, den so geil und professionell wie möglich zu machen. Ziel ist es also, den Sender zu etablieren und zu einer großen Marke zu machen. Keiner weiß wie in zehn Jahren konsumiert wird. Wir auch nicht. Aber ich würde mich freuen, wenn das Ding lange existiert.

Nils: Wir haben auch einen Sack voller Konzepte, die im Laufe der Jahre entstanden sind. Diese die sind alle sehr schräg und wir finden sie cool. Zum Teil haben wir diese auch bei Fernsehsendern gepitcht. Das wäre schon geil, wenn wir diese Formate irgendwann für unseren eigenen Sender produzieren und umsetzen können. Die sind allesamt etwas aufwändiger, als sich vor die Kamera zu setzen und zu reden. Das sind Formate, die eigentlich Fernsehformate sind. Das ist im Internet schwierig, allein vom Aufwand und der Refinanzierung her. Das ist im Moment einfach noch nicht drin, aber vielleicht in ein paar Jahren. Vielleicht kommen wir irgendwann an den Punkt, dass sich so viele Leute für uns interessieren, dass wir Formate machen können, die etwas aufwendiger und teurer sind. Das ist das langfristige Ziel. Ob wir da jemals hinkommen, weiß ich nicht.

NPC: Wie ist euer Finanzierungsmodell?

Nils: Das steht auf drei Säulen. Wir haben zum einen Partner in der Industrie, die Werbung schalten oder vielleicht irgendwann sogar als Sponsor ganze Formate bezahlen. Dann machen wir nach wie vor auch Auftragsarbeit und produzieren Formate für Kunden. Als dritte Säule haben wir unsere Zuschauer, von denen wir uns erhoffen, dass sie bereit sind uns monatlich zu bezahlen. Das ist für uns ein wichtiger Faktor. Je nachdem, in welcher Größenordnung das alles ausfällt, können wir das Programm entsprechend anpassen. Wenn der Sender ein Riesenerfolg wird, dann wird es sich im Programm widerspiegeln. Das sind im Prinzip die drei Hauptsäulen. Da sind wir in guten Gesprächen und guter Dinge. Wir hoffen, dass es für uns so positiv wie möglich ausfällt.

“Wenn jeder fünf Euro im Monat bezahlt, können wir überleben.”

Bei der Sendung Pen&Paper spielen die vier Moderatoren ein Tisch-Rollenspiel, bei dem die Zuschauer teilweise den Fortgang der Geschichte bestimmen dürfen.

Bei der Sendung Pen & Paper spielen die vier Moderatoren ein Tisch-Rollenspiel, bei dem die Zuschauer teilweise den Fortgang der Geschichte bestimmen dürfen.

NPC: Ihr wart beide bei dem Sender GIGA, der letztlich eingestellt wurde. Was macht ihr besser als GIGA damals?

Etienne: Da wir damals nur angestellte Moderatoren waren, können wir nicht genau sagen, was hinter den Kulissen abgelaufen ist. Ich weiß, dass es einen enormen Kostenfaktor gab. Kabelgebühr und die Senderlizenz sind sehr teuer und für einen kleinen Nischensender kaum refinanzierbar. Es gab einen großen Stab an Leuten, die enorme Kosten verursacht haben. Gleichzeitig war die Reichweite relativ gering, wodurch es schwer wurde, Geld einzunehmen. Natürlich werden wir auf ähnliche Probleme stoßen. Wir haben hohe Fixkosten und wir müssen irgendwie Geld einnehmen. Wir unterscheiden uns aber dabei, dass wir zu den Zuschauern gehen, Crowdfunden und die Leute darum bitten etwas für den Sender zu zahlen. Entsprechend können wir das Produkt wachsen lassen. Trotzdem müssen wir auch Geld verdienen und die Kosten wieder einspielen. Das wird für uns die große Herausforderung sein. Wenn jeder Zuschauer von uns fünf Euro im Monat bezahlt, dann können wir überleben.

Nils: Das ist auch der zentrale Punkt. Letztlich geht es immer um die Finanzierung. Bei GIGA waren damals viele Leute total traurig, dass der Sender eingestellt wurde. Aber niemand hat je einen Cent dafür bezahlt. Die Zuschauer haben erwartet, dass der Sender irgendwie refinanziert wird. Und wenn das nicht klappt, dann ist das scheiße. Jetzt haben die Leute die Möglichkeit, selbst den Wert zu bestimmen. Sie können sagen: “Mir ist das so viel wert, dass ich fünf Euro oder noch mehr im Monat dafür bezahle.” So trägt letztlich jeder selbst dazu bei. Ich finde, das ist eine sehr faire und zukunftsträchtige Art und Weise, etwas auf die Beine zu stellen, wenn sich die Zuschauer auch daran beteiligen können. Ich bezahle selbst auch im Monat Geld für Filme, Musik…

Etienne: …oder eine Zeitschrift. Wenn du an den Kiosk gehst und dir den Kicker kaufst, dann zahlst du auch 2,60 Euro. Das ist doch nichts anderes. Das ist gedruckte Unterhaltung, wir machen gefilmte Unterhaltung. Da sitzt eine Redaktion, die bezahlt werden muss, und hier sitzt eine Redaktion, die bezahlt werden muss. Aus irgendeinem Grund hat sich alles im Internet so entwickelt, dass es komplett umsonst ist. Eigentlich ist es doch selbstverständlich, für Unterhaltung zu bezahlen. Deshalb finde ich es absolut fair und normal, zu sagen, ich zahle für ein Snickers, ich zahle für die Gala, ich zahle für Spotify, ich zahle für ein Ticket vom HSV – selbst dran schuld – und zahle ich auch für RocketBeansTV, weil mir der Sender 24 Stunden Unterhaltung am Tag  bietet. Vorausgesetzt es gefällt mir. Ich erwarte nicht, dass jemand für uns zahlt, der uns scheiße findet. Das ist ja logisch.

Nils: Aber auch da…

Etienne: …aber auch dann wäre es cool. Ich kaufe mir auch nur den Kicker, wenn er mir gefällt. Wenn es mir gefällt, Spaß macht und ich will, dass es das auch weiter gibt, dann bezahle ich auch dafür. Wir wollen nun keinen Pay TV-Sender machen, sondern es kostenlos anbieten, denn nicht jeder kann das gleiche leisten.

Nils: Nicht, dass das jetzt falsch rüber kommt. Das Bezahlen für den Sender ist freiwillig.

Etienne: Aber trotzdem sagen wir auch: “Hey, Digger, wenn du dir einen Kaffee für 5,50 Euro am Tag holst, dann ist vielleicht auch…”

Nils: “…der Kaffee zu teuer.”

Etienne: Dann ist der Kaffee zu teuer. Aber dann ist vielleicht auch drin, 24 Stunden am Tag, 168 Stunden in der Woche und 720 Stunden im Monat Unterhaltung zu supporten. Wenn wir in drei Monaten feststellen, dass nur 500 Euro im Monat rein kommen, dann wird es uns natürlich auch schwer fallen, weiter zu machen. Unsere Aufgabe dabei ist es, dass wir coolen Kram abliefern. Wenn dann die Leute nicht bereit sind Geld zu zahlen, dann haben wir vielleicht einen Traum, der in der existierenden Welt nicht realisierbar ist. Dann müssten wir diese Realität auch akzeptieren. Wenn es einfach nicht geht, dann ist es eben so. Wenn die Nachfrage nicht da ist, dann muss man sein Angebot ändern. Aber da sind wir noch nicht.

 

Felix Mohring

Mit 11 Jahren aus Versehen in die Rollenspielrunde des großen Bruders gerutscht und seither nicht mehr von dem Hobby losgekommen. Gründer und Marketing-Äffchen, Moderator und Formatentwickler der NonPlayableCharacters.
Hauptthemen: Pen&Paper

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