Erstellung eines One-Shot – Teil 3: Charaktererschaffung für One Shots


Einige Dinge, die bereits im zweiten Teil dieser Reihe angesprochen wurden, sind ebenfalls für die Charaktererschaffung wichtig. Umgekehrt müssen einige Dinge aus diesem Teil bei Abenteuern berücksichtigt werden. Dazu gehört auch der oftmals “übersprungene” Teil der Charaktererschaffung, bei dem es um den “frei gewählten” Hintergrund des Charakters geht.

Leider ist es oft so, dass 99 Prozent der Zeit in die “regeltechnische” Charaktererschaffung fließt und nur ein Prozent in die Frage, woher die Charaktere stammen und wo sie hin wollen. Aber lasst uns vorne beginnen.

One Shot- vs. Kampagnen-Charaktere

“Aber ich mach das doch immer so…”

Bei der Charaktererstellung solltet Ihr stets berücksichtigen, ob der Charakter für einen One Shot oder für eine Kampagne erstellt werden soll.
Während der Spielercharakter beim One Shot komplett auf das eine (!) Abenteuer ausgelegt werden kann, muss er bei einer Kampagne unterschiedliche Abenteuer bestehen können. Dies führt dazu, dass One Shot-Charaktere auf viele Dinge verzichten können und sehr spezialisiert sind.

Da Ihr Euch aber selbst bei Demo- und Promorunden nie sicher sein könnt, dass die Charaktere später nicht doch noch für ein weiteres Abenteuer herhalten werden, solltet Ihr auch hier den Allround Aspekt in Grundzügen berücksichtigen. Hinzu kommt, dass im Vorfeld nicht klar ist, wer den vorbereiteten Charakter spielen wird und wie dessen Spielstil ist. Obendrein sind One Shots in der Regel blutiger und es bleiben auch gerne mal einige Charaktere auf der Strecke. Um diese Lücken schließen zu können, sollte es nicht nur einen Spezialisten für ein wichtiges Aufgabengebiet des One Shots geben.

Die Abenteuer Gruppe

“Wie? Ihr habt auch alle einen Berserker gebastelt?”

Da selbst in einem One Shot bereits viele Aufgaben-Bereiche abgedeckt werden müssen, ist es unumgänglich sich innerhalb der Gruppe abzusprechen. Es mag zwar auch Abenteuer geben, in denen alle Spieler blutgierige dumme Berserker erstellen sollten, aber das übliche Abenteuer beinhaltet mehr Facetten als Hack and Slay.

Da der One Shot das einzige Abenteuer der Charaktere sein wird kann und sollte der Spielleiter vorab genau sagen, welche Rassen, Klassen und Aufgabenbereiche zwingend (!) abgedeckt sein sollten. Es ist für die Spieler auch hilfreich zu wissen, dass bestimmte Fähigkeiten und Fertigkeiten für das Abenteuer wichtig oder unwichtig sind. Es gibt nichts ärgerlicheres als einen Charakter zu haben, dessen Spezialgebiet nicht im Abenteuer benötigt wird. Also lasst eure Spieler nicht im Dunkeln tappen und gebt ihnen genügend Hilfestellung – sie werden sie brauchen.

Die Aufgabenbereiche

“Dein riesiger vollgepanzerter Troll schleicht voraus und versucht sich hinter einer Obstkiste zu verstecken…“

Wie bereits im One Shot Leitfaden erwähnt wurde, ist es sinnvoll, wenn jedes Mitglied der Gruppe über ein Spezialgebiet verfügt. Dies wäre beispielsweise eine grobe Einteilung:

Spezialisierung Beispiele
Kampf Krieger, Barbar, Paladin, …
Magie Kampfmagier, Heiler, Beschwörer, …
Interaktion & Unterstützung Barde, Kleriker, Hexenmeister, …
Heimlichkeit & Überleben Schurke, Waldläufer, Beastmaster, …
Wissen & Handwerk Alchemist, Druide, Zauberer …

Ein guter Charakter hat mindestens einen Haupt-Aufgabenbereich, sprich, eine Spezialisierung. Da der Kampf ein elementarer Bestandteil jedes Rollenspiels ist, sollte jeder Charakter in diesem Bereich bewandert sein oder die Gruppe im Gefecht auf seine Weise unterstützen können.

Aber auch ein auf den Kampf spezialisierter Charakter sollte zu Interaktionen fähig sein und seinen Teil zu diesem Bereich beisteuern können. Darüber hinaus sollte er aus mindestens einem weiteren der oben genannten fünf Bereiche weitere Fähigkeiten aufweisen, die den Charakter abrunden.

Die Spezialisierung eines Charakters sollte nach Möglichkeit in der Gruppe einzigartig sein. Aber natürlich kann man die  grob skizzierten Bereiche auch weiter unterteilen. Manchmal kann es sogar Sinn machen, wenn zwei Charaktere die gleiche Spezialisierung aufweisen und sich erst im Laufe des Spiels differenzieren – in einem One Shot ist diese Konstellation aber eher ungünstig. Hier darf  auch mal auf Allroundfähigkeiten verzichtet und die Charaktere so angelegt werden, dass sich ihre Fähigkeiten nur für den One Shot eignen. Da es aber, wie gesagt, nie absehbar ist, wie der Spieler seinen Charakter ausspielen wird und ob er den One Shot lang genug überlebt, ist es ratsam, die zwingend benötigten Fähigkeiten auf mehrere Charaktere zu verteilen.

Das Charakterkonzept

“Das ist ja cool und das auch! Boaar – warum hat deiner denn so eine coole Fähigkeit…”

Wer die Wahl hat, hat die Qual. Daher ist es gut, dass man sich zuvor überlegt hat, wer welche(n) Aufgabenbereich(e) mit seinem Charakter abdecken soll und will. Dies vereinfacht die Charakterwahl ohne festzulegen, wie man diese(n) Aufgabenbereich(e) ausübt.

Wurde vereinbart, dass der Bereich “Kampf” der Haupt-Aufgabenbereich, sprich, das Spezialgebiet eines Charakters werden soll, so stellen sich folgende Fragen:
-> Kampf (x)
–> Nah- (x) oder Fernkämpfer ( )
—> Waffenlos ( ) oder bewaffnet (x)
—-> Schnitt- ( ), Stich- ( ) oder Hiebwaffen (x)
—–> Einhandwaffe (), Zweihandwaffe (x), …
——> Schwere Rüstung ( ), Leichte Rüstung (x) Ohne Rüstung (x)

Aus dieser Kombination ergeben sich dann bestimmte Charakter-Klassen, die sich für den jeweiligen Spielercharakter besonders gut eignen. Im klassischen Fantasy-System wäre es zum Beispiel der Barbar oder der Krieger.

Es gibt zahlreiche Seiten die anhand bestimmter Fragen die passende Charakterklasse für Euch ermitteln. Manchmal sind die Ergebnisse eher mit einem Augenzwinkern zu sehen, aber oftmals passt zumindest die Richtung ganz gut. Werft einfach mal die Suchmaschine Eurer Wahl an und schaut ob es etwas für das gewünschte Rollenspiel gibt.

Solltet Ihr nicht fündig werden, sucht nach einem vergleichbaren, bekannteren System und übertragt anschließend das Ergebnis. Für One Shots kann es hilfreich sein, sich einen eigenen Fragenkatalog zu überlegen, der die vorgefertigten Charakterklassen beschreibt und so den Spielern einen potentiellen Charakter zuordnet. Diese Herangehensweise eignet sich sowohl für Newbees als auch für alte Hasen, sofern diese denn gewillt sind, die ausgetretenen Wege zu verlassen.

Passende Nebengebiete

“Ich werde wohl einen Waldläufer spielen – aber was für einen?”

Ein Charakter besteht aber in der Regel nicht nur aus Fähigkeiten, die mit dem gewählten “Spezialgebiet” zusammenhängen. Meist deckt ein Charakter weitere Aufgabenbereiche ab, die direkt oder indirekt mit dem Spezialgebiet zusammenhängen. Ein Jäger könnte zum Beispiel Wissen über Tiere besitzen, das Handwerk der Gerberei beherrschen, gut schleichen, selbstverständlich bei der Jagd erfolgreich und ein guter Fallenbauer sein. Dementsprechend müsste der Spieler die entsprechenden Aufgabenbereich zusätzlich abdecken. Ein geschickter SC ist im Handwerksbereich gut aufgestellt – schließlich erhält er hier durch sein Geschick einen Bonus. Es bringt der ganzen Gruppe nur Vorteile, wenn jeder dort wo seine Stärken liegen noch weitere Fähigkeiten bzw. Fertigkeiten hinzufügt. 

Passende Hobbys

“Was? Du willst wissen, was der so in seiner Freizeit macht?”

Natürlich arbeiten, lernen und trainieren alle Charaktere – nach der Meinung ihrer Spieler – in ihrer Freizeit, um möglichst viel Erfahrung und Geld zu kassieren. Saufgelage, Glücksspiele und sonstige sinnlose Aktivitäten braucht ein Held von Welt doch nicht – oder vielleicht doch?

Oftmals sind es die kleinen unscheinbaren Dinge die einen Charakter liebenswert machen. Darum stellt sich die Frage: “Was könnte dieser Typ, den ich nun ausgearbeitet habe, in seiner Freizeit machen?” Schnitzt er vielleicht aus den Knochen der erlegten Tiere Würfel, Schmuck, Waffen oder Flöten? Oder hat er vielleicht einen kleinen Tick oder eine bestimmte Sammelleidenschaft? Sammelt er vielleicht Trophäen und trägt eine Kette aus Schneidezähnen oder gar die Finger seiner Gegner? Bei manchen Rassen würden sich diese ja sogar als “Fingerfood” eignen…

Natürlich sind die optimierten Werte und super Sonderfähigkeiten, welche die Spieler zusammengestellt haben, toll. Aber erst die kleinen Dinge machen aus einem Krieger mit Schwert einen Conan, der Barbar. Also sorgt dafür, dass eure Spieler das nicht vergessen!

Epische Charaktere

“One Shots sind nichts für mich, da spielt man doch immer nur so langweilige Einstiegsabenteuer”

Ja, One Shots sind in der Regel als Einstieg in ein System angelegt. Daher sind die Charaktere meistens jungfräulich und unerfahren – bei Systemen mit Stufensystem also Level eins. Dies muss aber nicht so sein! Ich bin sogar der Meinung, dass sich Charaktere mit höherem Erfahrungsstand oder Level  deutlich besser eignen, um ein System kennen zu lernen.

Dies setzt aber auch deutlich mehr Vorarbeit voraus, da fortgeschrittene oder gar epische Charaktere deutlich mehr Möglichkeiten und Ausrüstung besitzen. Auch wenn es sich “nur” um einen One Shot handelt muss der Spielleiter bei der Charaktererschaffung in einem solchen Fall sehr aufpassen. Denn selbst bei gleichwertiger Erfahrung und Ausrüstung kann es zu sehr unterschiedlich starken Mitgliedern der Gruppe kommen.

Epische One Shots eignen sich auch, um bei bekannten Systemen, hochstufige Charaktere auszuprobieren. Ein solcher One Shot kann sich ebenfalls dazu eignen die Zeit zu überbrücken bis ein wichtiger Spieler der eigentlichen Kampagne wieder da ist. Außerdem lässt ein epischer One Shot die Herzen der meisten Spieler höher schlagen. Allein die Charaktererschaffung eines solchen Charakters ist für viele Spieler wie ein Sechser im Lotto.

Obendrein lernen die Spieler sehr viel über das System, da sie sich die Entwicklung von Charakteren, welche man sonst über Monate oder sogar Jahre hinweg häppchenweise erledigt, nun in einem Rutsch erarbeiten müssen. Dabei werden schnell auch Kindheitsfehler offensichtlich, die viele Spieler bei der Erschaffung begehen.

Um bestimmte Dinge später erlangen zu können, müssen bei vielen Systemen andere Dinge vorher erreicht werden. Bei Dungeons&Dragons sind zum Beispiel für Prestige-Klassen vorher bestimmte Vorzüge zu erwerben, Fertigkeiten auf ein bestimmtes Niveau zu steigern und ähnliches.

 

Ich habe schon oft erlebt, dass Spielercharaktere komplett umgestrickt werden mussten, da der Spieler nur kurzfristig gedacht hatte. Dadurch konnte er sein geplantes Ziel nicht erreichen. Als Spielleiter steht Ihr dann vor dem Dilemma: Genehmigen oder nicht genehmigen?

Also, wann gönnt Ihr Euch und Euren Spielern mal den Spaß und spielen einen epischen One Shot? Wer weiß, vielleicht macht dieser ja sogar Lust auf eine ganze Kampagne. Falls dem so ist, dann schaut doch mal in meinen anderen Leitfaden rein: Erstellung einer Kampagne

Thomas Klöck

Thomas Klöck

Hat Pen & Paper mit der Muttermilch aufgesogen und mit sieben Jahren das erste Mal als "Game Master" fungiert. Zaubert aus Papier Drachen und Yodas.
Hauptthemen: Pen&Paper

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