Laufbahn eines Rollenspielers: Ignoranz


Der lange Tunnel mündete in einer gigantischen Kaverne und in der Ferne konnte die Gruppe das Lichtermeer der Zwergenstadt sehen. Nur noch eine große Brücke trennte die Helden von dem Ort, von dem sie schon so viel gehört hatten – und der Aufgabe, die sie zu erfüllen hatten. Die Last der Verantwortung lastete schwer auf ihren Schultern, als ihre Schritte über dem Abgrund hallten.

„Wir gehen also zum König, übergeben die Nachricht und sind in einer Woche wieder zurück an der Oberfläche. Problem gelöst, würde ich sagen.“, Björn strahlte eine Gelassenheit aus, die ich für nicht ganz angemessen hielt. Auch Mark war alles andere als begeistert. Ihm saß etwas quer, aber trotzdem machte er einfach weiter. Er hatte zu viel Zeit investiert, um sich jetzt noch vom Kurs abbringen zu lassen.

Das Tor der Stadt ist weit geöffnet und ihr habt den Eindruck, als wüssten die Zwerge nichts von der nahenden Bedrohung. Zwei Wächter blicken mürrisch in eure Richtung. Erhabene, lange Bärte in vergrämten Gesichtern und Augen, die schon zu viel gesehen hatten. Einer der Zwerge baut sich vor euch auf und hebt die Hand. Sein Barthaar reicht fast bis zum Boden, sein Kettenhemd wirkt so gut gepflegt, wie die Axt in seinem Waffengurt. Er mustert euch misstrauisch und hebt seine Stimme.
„Ä…“

„Wie breit ist die Brücke?“
„Etwa 10 Meter.“
„Ich gehe seitlich an dem Zwerg vorbei und in die Stadt hinein.“
„Sollten wir nicht vielleicht erst mit den Wachen reden? Ich habe Diplomatie und kann ein paar Fetzen zwergisch.“ warf Kevin ein.
„Das würde so ewig dauern. Zum einen, weil sie uns kaum verstehen, zum anderen, weil wir mit diesem Fußvolk nichts zu bereden haben. Ich sage wir gehen gleich zum König und klären die Sache dort, also… Alantir geht an dem Zwerg vorbei und in die Stadt. Klar soweit?
Thorsten nickte zustimmend und griff nach dem letzten Pizzastück.
„Was er sagt.“
„Also wie geht es weiter?“
Mark sah für einen Moment so aus, als würde er keine Luft mehr bekommen. Sein Gesicht nahm eine ungesunde Farbe an.

Alantir und Palendro gingen wortlos an der Zwergenwache vorbei, während der Schurke Glenn entschuldigend mit den Schultern zuckte. Die Wache konnte die Dreistigkeit der Fremden kaum fassen und packte Alantir am Schlafittchen, bevor dieser noch einen Schritt weiter tun konnte. Auch dem anderen Zwerg war das Geschehen nicht entgangen und er rief etwas in seiner seltsam tiefen Sprache.

„Hat er das gerade wirklich gemacht? Versucht dieser mickrige Zwerg gerade Alantir aufzuhalten?“ Björn hatte seine Fassung eingebüßt und zog seine Würfel. „Das kann er gerne so haben. Welche Stufe wird dieser Zwerg wohl haben? Bei der Größe dieser Ansiedlung vielleicht 2 oder 3? Ist ja gerade einmal eine bescheuerte Torwache. Ich wirke Schlaf auf die beiden und gehe einfach weiter.
„Weiß ja nicht ob das so eine gute Idee ist.“, höre ich Linda von hinten rufen. Sie war zwar heute das erste Mal in der Gruppe, überzeugte aber schon jetzt durch eine gewisse Geistesgegenwart.

Mark starrte einen kurzen Augenblick aus dem Fenster und es schien mir fast so, als würde er gerade wieder eine seiner Entspannungsübungen durchziehen. Dennoch wanderte sein Blick kurz zum Pizzamesser, bevor er dann bei Björn landete.

Seufzen
Würfeln
Als Alantir mit einer Geste den Zauber aussprach, wirkte dieser beinahe unmittelbar. Einem der Zwerge gelang es noch eine Warnung zu brüllen, doch schon gingen sie beide zu Boden und versanken in tiefen Schlaf. Die Gruppe betrat die Stadt und machte sich auf den Weg zum Thronsaal der Zwerge, um den Zwergenkönig endlich vor der Gefahr aus dem Osten zu warnen. Dieser wäre ihnen mit Sicherheit zu großen Dank verpflichtet, denn er könnte sich rechtzeitig auf die plündernden Horden vorbereiten.

„Als ihr die Stadt betretet, seht ihr wie das Volk von der Straße in ihre Behausungen flieht. Offenbar ist das kleine Handgemenge am Tor nicht ganz unbemerkt von sich gegangen.“
„Ich gehe einfach weiter. Sollen sie doch laufen, am Ende werden sie uns bestimmt trotzdem danken und die Sache ist endlich erledigt. Außerdem ist doch gar nichts schlimmes passiert.“
„Glenn wird sich von den anderen absetzen und nach einem Waffenladen umsehen. Du hast doch immer davon gesprochen, dass die Zwergenwaffen einiges wert sind.“

Wenige Minuten Später

Die merkwürdige Ruhe hätte ein Hinweis sein können. Vielleicht hättet Palendro auch die Wachverstärkung nicht mit dem Feuer im Arsenal ablenken sollen, dessen Zerstörung ein Loch in die Ostmauer gerissen hat. Ob Glenn’s Plünderung des Waffenladens zur Entspannung der Situation beitrug ist auch eine gute Frage. Mag auch sein das der verbrannte Bart des königlichen Cousins das Fass zum überlaufen brachte, aber aus irgendeinem Grunde war der König nicht nur nicht mehr bereit mit den Helden der Gruppe ins Gespräch zu kommen. Nein, die darauf folgende Schlacht soll unvergessen bleiben. Am Ende gelang es den überlebenden Abenteurern aber dann doch noch, die wichtige Botschaft zu überbringen, als Alantir sie dem sterbenden Zwergenkönig in die Hand legte.

Wenige Wochen später wurde die altehrwürdige Zwergenstadt vollständig von Dunkelelfen geplündert, die unerklärlicherweise auf kaum Widerstand stießen. Die desolaten Verteidiger, die zwar die Tage bis zum Angriff gezählt hatten, aber bis dahin nicht ansatzweise die verursachten Schäden an Mauer, Moral, Leib und Seele ausgleichen konnten, waren in der Unterzahl und unterlagen schnell. Aber das spielte sich einzig und allein nur noch in Marks Kopf ab, denn für die Spieler, war das Abenteuer schon längst vorbei.

Jeder SL wird die Situation kennen, wenn Spieler und deren Charaktere ihre Umwelt einfach ignorieren und von einem Questziel zum nächsten laufen, ohne sich Gedanken um die Folgen ihres Auftretens zu machen oder die Arbeit die der Spielleiter da reingesteckt haben könnte. Das kann ganz schön frustrierend sein, oder manchmal auch zu makabren Situationen führen. Es ist fatal, den Spielern das Gefühl zu geben, dass sich die ganze Welt nur um sie dreht und ebenso fatal, sie zu bloßen Mitläufern hochstufiger Nsc’s zu machen. Wie geht ihr damit um?

Lukas Kebel

Lukas Kebel

Hat sich schon in früher Kindheit mit Rollenspiel infiziert und gilt als Überträger der Stufe 12. Sammelt nun EP in der Prestigeklasse Artikelknecht.
Hauptthemen: Pen&Paper, Games

Gefällt dir der Artikel? Dann teile ihn mit deinen Freunden

  • „Wie breit ist die Brücke?“ ROFL … wenn der alberne und unwürdige Vogel nicht die ganze Brücke versperrt, einfach vorbei gehen. Ich kann nicht mehr. löl

    Und ja, sowas kenne ich nur zu Genüge. Zwar können so echt erinnerungswürdige Runden in die Geschichte eingehen, aber prinzipiell sollten die Spieler schon die Grenzen und Konsequenzen ihrer “incredible powers” ab und an zu spüren bekommen, damit die Welt sich auch wie ein “Abenteuer” und nicht wie ein “mundfertiger Machthöhenflug” anfühlt 😉

    Aber derartige Arroganz war besonders in jüngeren Jahren ein Problem. Mit den jetzt etwas reiferen Runden kommt sowas kaum noch vor. Der Schabernack, wenn er denn dringend raus will, hat mittlerweile eine andere Methode…

    Grüße von einem Rollenspieler und Fellow Nerd des http://nerd-wiki.de/

  • Tarin vom Goblinbau

    Grundregel: Jede Aktion der SC bringt Reaktionen mit sich. Die SC im Beispiel haben ab jetzt schweres Spiel mit Zwergen, weil sich die Aktion rumspricht. Werden aber gleichzeitig von diversen den Zwergen feindlich gesonnenen Untergrundorganisationen angeheuert, um weitere Sabotageakte vorzunehmen. Man macht sich einen Ruf als Zwergenfeind, die Kampagne dreht sich wahlweise um die Zerschlagung des (meinetwegen) korrupten Zwergenreichs oder um die Reinwaschung der SC. Go with the flow.