Notizen einer Papierkriegerin 1 – Wo sind meine Latex-Ohren?


Auszüge aus den Abenteuern als Rollenspielerin – in ihrer neuen Serie berichtet Jenny, was in einer Pathfinder-Runde so alles passieren kann. Aber fangen wir von vorne an, nämlich mit den gängigen Reaktionen von Nicht-Rollenspielern auf das noch immer etwas obskure Hobby…

Wenn man jemanden neu kennenlernt, sind die Fragen früher oder später immer die selben:

Wie heißt du?
Wie alt bist du?
Was machst du so beruflich?
Was sind deine Hobbys?

Nach über 10 Jahren habe ich mich daran gewöhnt, dass ich gerade bei der letzten Frage doch etwas tiefer Luft holen muss, um sie zu beantworten. Bei Aussagen, wie Pen & Paper, Tabletop oder LARP kriegen die meisten Leute große Augen. Sagt man schlicht „Rollenspiel“, gibt es genau zwei Antwortmöglichkeiten:

1. „Ah, so was wie DSA?“ (Ouh! Ein Nerd!)
2. *anzügliches Lächeln* „So im Schwesternoutfit aus Lack?“

Selbst in Zeiten von Big Bang Theory kann immer noch nicht jeder etwas mit dieser Freizeitaktivität anfangen. Und da soll mal einer sagen, Fernsehen bildet nicht! Aber auch die Reaktionen, wenn ich mein Hobby dann erkläre, sind sehr unterschiedlich. Von höflichem Interesse bis zum Abstempeln als Freak ist wohl schon alles dabei gewesen. Die lustigste Situation erlebte aber eine gute Freundin, die tatsächlich von ihren Schwiegereltern gefragt wurde, ob sie sich dann da auch verkleiden würde.

Natürlich! Klar!

Jeden Mittwoch klebe ich mir die langen Latex-Elfenohren an, schnüre mich in meine Brustplatte und reite in meinem quietschroten Seat Arosa in die Schlacht! Ich glaube, unser Leiter würde ziemlich komisch schauen, wenn wir da plötzlich alle gewandet säßen, wobei es ihn nicht sonderlich schockieren würde, da er schon seit Jahren LARPER ist.

Natürlich ist es niedlich, wenn man so was von einem etwas naiven, älteren Ehepaar gefragt wird, das mit diesem Thema noch nie etwas am Hut hatte. Dann erklärt man es auch gerne mit einem Schmunzeln. Tabletop, zum Beispiel, erklären wir immer anhand von Schach. Das kennt jeder, ist leicht verständlich und nachvollziehbar. Naja, meine Oma denkt immer noch, ich gehe einmal die Woche zum „Spieleabend“, weil sie auch trotz Erklärung damit nichts anfangen kann, aber das sei ihr in ihrem Alter verziehen. Trotzdem sind nicht alle Reaktionen so offen und freundlich.
Ich habe schon mitbekommen, dass sich einige Rollenspieler zurückziehen, nicht gerne darüber reden und sich missverstanden fühlen. Sie wollen dann keine neuen Leute in der Gruppe haben, weil sie Angst haben, dass man sich über sie lustig macht. Das finde ich ziemlich schade, denn so wird es eine festgefahrene Situation. Der Rollenspieler hat Angst vor Ablehnung und Spott und der andere jongliert mit Vorurteilen, weil er es nicht besser weiß. Dabei ist uns allen bewusst, dass Bildung beim Abbau von Vorurteilen hilft. Wusstet ihr, dass es in skandinavischen Schulen teilweise Tabletop-AGs gibt, wo sie basteln, bemalen und spielen lernen? Natürlich sind die meisten von uns Geeks und Nerds, aber diese Kultur mach wesentlich mehr aus, als diese Vorurteile hergeben.

In unserer Gruppe ist es deswegen nicht unüblich, dass wir Gäste haben. Zum einen freuen wir uns immer darüber, Leuten unser Hobby zeigen zu können – denn zeigen funktioniert meist besser als erklären. Zum anderen mögen viele unserer Gäste auch die Atmosphäre – denn wenn wir ehrlich sind, ist es nichts anderes als eine gemütliche Märchenstunde. Manche Gäste sind einfach nur zufrieden mit dem Gesehenen als Erklärung, andere kommen gerne wieder, um uns zuzusehen und ein anderer Teil fängt sogar selbst mit dem Spielen an. Gerade das freut uns sehr, vor allem wenn die Person vorher nichts mit Pen&Paper anfangen konnte. Wir sind da etwas wie die Borg. Widerstand ist zwecklos!

Mich persönlich freut es ja immer, wenn sich jemand für das, was ich mache, interessiert. Ob es dann für denjenigen selbst etwas ist, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Aber in meinen Augen, ist Pen&Paper-Rollenspiel viel mehr als ein paar Freaks, die an einem Tisch sitzen und mit Püppchen spielen, und ich werde auch nicht müde, das zu erklären.

Rollenspiel …

… ist gesellig.
… fördert Kommunikation, Teamfähigkeit, Kreativität und das Aufnahmevermögen.
… lehrt logisches Denken und das Einhalten von Regeln.
(… lässt einem an allem Zweifeln, was man jemals über Statistik gelernt hat.)
… schafft Helden.

Naja, zumindest Helden im Herzen.
Aber dazu in den nächsten Teilen dieser Serie mehr. Denn jetzt suche ich erstmal meine Latexohren!

Wer mag dieser mysteriöse Gastautor sein? Ist es der Typ da drüben, die Frau da hinten oder gar du? Wenn du Interesse hast, auch mal Gastautor zu spielen, dann melde dich einfach bei uns.
Haupttehmen: Alles

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