Ein Nachruf auf Terry Pratchett


Einer der bedeutendsten Fantasy-Autoren der Welt ist heute gestorben: Sir Terence David John Pratchett starb im Alter von nur 66 Jahren im Kreise seiner Familie – Zuhause in Buckinghamshire. Sein Tod kam nach mehreren Jahren fortschreitender Krankheit nicht gänzlich unerwartet, aber dennoch überraschend und sorgte bei Fans in aller Welt für Momente der Bestürzung.

Wenn es um das zwanzigste Jahrhundert und Fantasy-Literatur geht, gibt es eigentlich nur drei wirklich große Namen zu erwähnen, deren Werke weltweit und über die Grenzen von Randgruppen hinaus Resonanz gezeigt haben. Im Gegensatz zum sehr jung gestorbenen Robert E. Howard und dem Gottvater moderner Fantasy Tolkien (und Rowling würde ich eher ins 21. Jahrhundert setzen) hat Terry Pratchett allerdings weder seine Figuren noch seine Welten, allen voran die Scheibenwelt, je zu ernst genommen.

© Luigi Novi / Wikimedia Commons

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Terry Pratchett hat in fast allen seinen Büchern mit Klischees und Slapstick für Humor gesorgt, den das Fantasy-Genre bis dato schmerzlich missen lies. Alleine die mehr als dreißig Scheibenwelt-Romane persiflieren nicht nur die gängigen Konventionen von Conan dem Barbaren und Tolkiens Zwergen, sondern spiegeln auch Probleme und Seltsamkeiten der modernen Welt wieder. Anders als in den Machtfantasien anderer Autoren waren es bei Pratchett auch fast immer unwahrscheinliche, häufig ungeschickte Helden, die als Identifikationsfiguren und Hauptdarsteller fungierten. Cohen der Barbar war immer nur eine Nebenfigur, während Rincewind als inkompetenter Zauberer (oder Zaubberer) in vielen der Bücher das Zentrum darstellt.

In den Scheibenwelt-Büchern, für die Pratchett wohl auch in Deutschland (trotz meiner Meinung nach etwas alberner Titel-Übersetzungen) am berühmtesten geworden ist, ging es aber nie nur darum, Lacher zu ernten. Bei Terry Pratchett gab es in fast jedem Buch ein Thema, durch das der Leser praktisch zwangsläufig etwas über die richtige Welt lernen konnte. In Making Money (zu Deutsch: Schöne Scheine) wird in der Fantasy-Stadt Ankh-Morpork ein Währungssystem eingeführt und das abstrakte Konzept von Geld durchleuchtet. In Der fünfte Elefant sind die ersten Züge des Internets (und die ersten Hacker) in Form eines mechanischen Telegrafensystems zu finden.

Der wohl größte didaktische Clou in Pratchetts Werk dürfte allerdings in der Kooperation mit den beiden Wissenschaftsautoren Ian Stewart und Jack Cohen liegen: In der The Science of Discworld-Reihe erforschen die Zauberer der Scheibenwelt unser, für sie fremdes Universum. Als humorvoll-anarchistisches Universalbildungswerk ist diese Reihe nur zu empfehlen – ob Physik oder Evolution, fast alles kommt darin zur Sprache.

Trinity College Dublin

(c) Trinity College Dublin Drei große Geister vereint.

 

Trotz seines Humors war Pratchett allerdings auch immer ein politischer Autor. Die meisten Fantasy-Werke sind in ihrem Kern radikal konservativ. Es geht beispielsweise bei Tolkien immer darum, einen Status quo aufrechtzuerhalten oder eine idealisierte Vergangenheit zurückzuholen. Pratchetts Welten waren immer im Fluss: Ankh-Morpork bekam immer modernere Züge und die Geschichte der Teppichvölker wurde vom Autoren selbst im Nachhinein noch einmal völlig überarbeitet. Pratchett hat einmal geschrieben, er habe mit höherem Alter realisiert, dass gute Fantasy nicht von großen Schlachten handele, sondern davon, eben diese zu verhindern.

Auch aktuelle Politik fand immer wieder ihren Weg in Pratchetts Romane: Zwerge, die als Immigranten mit der lockeren Kultur Ankh-Morporks kollidieren und mit Selbstmordattentätern und Burkas reagieren; ein ewiger, von der Obrigkeit auferlegter Krieg, der aus kontrollpolitischen Gründen niemals enden wird und dem sich auch die Charaktere in Monstrous Regiment nicht entziehen können; die ewige Kleptokratie des Patriziers.

Pratchett war ein unglaublich produktiver Autor. Kaum jemand sonst konnte so viele Bücher in so guter Qualität produzieren. Vermutlich hätte er noch einige Geschichten erzählen wollen, dennoch hat er in 66 Jahren mehr produziert als viele andere Autoren in 80. Sein Werk wird den Mann lange überdauern und wohl noch Generationen zum Lachen und Nachdenken bringen. Dem begeisterten Hut-Fan zolle ich hiermit meinen ganz großen Respekt: Hut ab, Sir Pratchett! Hut ab.

Marten Zabel

Marten Zabel

Bewertet Dich anhand Deiner Spiele, Serien und Rechtschreibung, wenn er nicht gerade selbst Spiele designt oder von größeren Dingen träumt.
Hauptthemen: Pen & Paper, Games, Brettspiele

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