Erstellung einer Kampagne – Teil 3: Bringe den ersten Stein ins Rollen


Das Langzeitziel (in Etappen unterteilt) steht. Nun geht es darum, einen passenden Einstieg in die Kampagne zu finden und den Helden das erste Ziel, das über ein Stück Wurst hinaus geht, schmackhaft machen. Denn jede selbst entwickelte Kampagne beginnt mit dem ersten Abenteuer.Greifen wir zunächst noch einmal das Beispiel für eine Kampagne in fünf Teilen auf:

Beispiel: (1 – Planung) Die Helden beschließen, sich an einem Lakaien des dunklen Herrschers zu rächen. (2 – Hellsehen) Als sie diesen Lakaien besiegt haben hat einer der Helden eine Vision, dass dieser nur auf einen Befehl hin gearbeitet hat. (3 – Orakel) Ein Orakel offenbart ihnen, dass selbst der Dunkle Herrscher nur eine Marionette eines anderen ist – und wie sie ihn besiegen können. (4 – Prophezeiung) Sie erschlagen den dunklen Herrscher und stoßen dabei auf eine Prophezeiung. (5 – Göttliche Vorsehung) Die Helden erfahren, dass sie in den Kampf von Göttern verstrickt wurden und versuchen, mit göttlichen Beistand die Pläne der dunklen Gottheit zu vereiteln …

Ein Aufhänger für die Kampagne

“Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert!” – Hannibal, A-Team

Wir brauchen also für den Einstieg in die Kampagne einen Aufhänger. Warum wollen die Helden sich an dem Lakaien des dunklen Herrschers rächen? Am besten verwebt ihr die Hintergrundgeschichten der Helden miteinander. Anschließend plant ihr den Einstieg so, dass er den Helden den Entschluss für die Rache an diesem Lakaien liefert. Der Lakai könnte zum Beispiel das Dorf der Helden Aufgrund unbezahlter Abgaben den Erdboden gleich machen und seine Bewohner ermorden, hinrichten oder versklaven lassen. Er könnte während einer wunderschönen Hochzeit, einem Sommerfest oder einer religösen Messe (siehe 5) über die unbewaffneten und unvorbereiteten Charaktere herfallen. Die Lage sollte so aussichtslos sein, dass sie nach einem ersten Gefecht vor der Übermacht fliehen müssen und dabei einen ersten Blick auf den Lakeien erhaschen.

Bedenkt dabei aber, dass die Helden noch am Anfang ihrer Karriere stehen und der “Lakai” für sie einen mächtigen, unbezwingbaren Gegner darstellt. Es ist ihnen vielleicht möglich, ihm eine Verletzung zuzufügen, mehr aber auch nicht. Im Gegenzug wird er dafür vielleicht Freunde der Helden oder den Priester des Ortes grausam hinrichten. Der Lakai verfügt vermutlich über eine kleine Armee oder zumindest über eine persönliche Leibwache, deren Fähigkeiten die angehenden Helden nichts entgegensetzen können. Sprich, es handelt sich bei dem Lakaien zum Beispiel um einen regionalen Herrscher, zum Beispiel einen Baron.

Nach diesem Einstieg, der den Helden einen guten Grund für Rache liefern sollte, gilt es vielleicht zunächst, die Freunde der Helden vor der Hinrichtung oder der Sklaverei zu retten. Allein dies wird die Spieler ein wenig beschäftigen und sie bei ihren Erkundigungen und ihrer Planung weitere Missstände aufdecken lassen, die Ihren Hass mehren. Haben sie es geschafft ihre Freunde zu retten, können diese wiederum den nächsten Anstoß und vielleicht sogar einen Plan für eine Rache liefern. Falls die Heldengruppe bestimmte Fähigkeiten oder Ausrüstungsgegenstände noch nicht erworben hat, könnten die geretteten NSCs diese der Gruppe beisteuern und/oder ihnen Zugriff zu den benötigten Ressourcen liefern. Unter Umständen könnt ihr die Spieler aber auch – á la A-Team – die Ausrüstung improvisieren und selbst herstellen lassen. 

Vielleicht erfahren die Helden von den Geretteten aber auch von einem weiteren Überfall auf eine benachbarte Siedlung, der sie zur Hilfe eilen und von der sie anschließend die benötigten Ressourcen aus Dank erhalten. Dort könnten ebenfalls Verwandte oder Bekannte der SCs wohnen. Dehnt die Einleitung ruhig etwas in die Länge und gebt den Spielern für die Planung und Vorbereitung sowie die Interaktion mit NSCs erste Erfahrungspunkte beziehungsweise erste Stufenanstiege. Gebt ihnen Lehrmeister an die Hand, welche ihre Kampffertigkeiten steigern.  Lasst sie ein Netzwerk an verbündeten NSCs aufbauen, das sie in ihrem Unterfangen unterstützt. Damit sollten sie für das nächste Zusammentreffen mit dem Baron gewappnet sein.

Bedenkt aber auch, dass der Baron nur eine Marionette des dunklen Herrschers (siehe 2) ist und das ihr diesen gegebenenfalls schon einmal am Rande einbauen solltet. Lasst die Rebellen einen ersten Blick auf ihren zukünftigen Gegenspieler erhaschen. Eventuell vereitelt ein Besuch des dunklen Herrschers sogar die ersten Pläne der Spieler oder zwingt sie zur Improvisation. Der dunkle Herrscher könnte zum Beispiel den Tempel seiner Gottheit aufsuchen und dieser einige Freunde der Helden opfern lassen. Vielleicht schickt er auch dem Baron unerwartet Unterstützung gegen die Aufständigen. Er könnte obendrein ein Kopfgeld auf die Köpfe der Spieler erlassen und sie für Vogelfrei erklären. Diese Dinge steigern nach und nach den Schwierigkeitsgrad und heben die Herausforderung passend für die steigenden Fähigkeiten und bessere Ausrüstung der Helden an.

Die Planung und Bewältigung der ersten Etappe

Dies sind natürlich nur ein paar Gedankenspiele. Ihr könnt aber bereits sehen, dass bereits im ersten Abschnitt beziehungsweise der ersten Etappe eurer Kampagne Teilziele für die Gruppe sichtbar werden. Und zwar ohne dass diese überhaupt erkennen muss, dass es sich um einen Ausblick auf weitere Etappen der Kampagne handelt. Schließlich ist der Baron für die Helden derzeit beinahe unantastbar und der Dunkle Herrscher und seine Gottheit stehen noch weit, sehr weit, außerhalb Ihrer Reichweite. Durch die Bewältigung der ersten Etappe wird die Gruppe jedoch an Erfahrung und Ressourcen gewinnen. Sie werden erste Kontakte zu wichtigen NSCs knüpfen und langsam ihr eigenes Netzwerk aufbauen. Sprich, sie sind anschließend bereit für den nächsten Schritt.

Nun, wo ihr die erste Etappe und ihren Verlauf skizziert habt, solltet ihr euch die Antagonisten und die Leute im Hintergrund näher ansehen. Wie ihr gesehen habt ist der “Lakai”  des Dunklen Herrschers viel mehr als ein einfacher Lakai. Er ist in unserem Beispiel von einem einfachen Lakai zu einem Baron aufgestiegen, der für den Dunklen Herrscher die Drecksarbeit erledigt. Da Ihr bereits einen ersten Blick auf den dunklen Herrscher geplant habt und auch dessen Dunkle Gottheit einbauen wollt, müsst Ihr auch diese rechtzeitig ausarbeiten, ihnen Konturen verleihen und Leben einhauchen. Doch mehr dazu im nächsten Teil der Reihe.

 Weiter mit Teil 4: Weiter mit Teil 4

Thomas Klöck

Thomas Klöck

Hat Pen & Paper mit der Muttermilch aufgesogen und mit sieben Jahren das erste Mal als "Game Master" fungiert. Zaubert aus Papier Drachen und Yodas.
Hauptthemen: Pen&Paper

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  • CJT

    “Der Lakai könnte zum Beispiel das Dorf der Helden Aufgrund unbezahlter
    Abgaben den Erdboden gleich machen und seine Bewohner ermorden,
    hinrichten oder versklaven lassen.”

    Der Einstieg vor dem Einstieg besteht darin, einen solchen Ort oder ein solches Szenario sorgfältig aufzubauen. Das Heimatdort, das der Spieler irgendwann als Herkunftsort seines Helden auf seinem Charakterblatt eingetragen hat, eignet sich, um zu erkennen “Aha, der SL will, dass ich mich persönlich betroffen fühle”. Haben alle (!) Helden einen persönlichen Bezug, fühlen sie sich _tatsächlich_ persönlich betroffen.

    Dann sähe die Vorbereitung etwa so aus:

    Die Helden kommen vielleicht zu Geld und kaufen sich irgendwo ein Haus, einen Bauernhof, ein Geschäft. Der Geld wird sauer verdient, der Kauf ausgespielt, vielleicht malt sogar jemand das Haus oder zeichnet einen Grundrissplan, es werden Zeit, Arbeit und Liebe in die Ausarbeitung der Details gesteckt (und nicht nur vom SL). Die Umgebung wird entworfen, NSCs komplett ausgestaltet, mehrere kleine Abenteuerszenarios in der Gegend gespielt, vielleicht spukt es in der alten Mühle, oder es geschieht ein Mord oder Diebstahl, oder es gibt Gerüchte um einen Hexenzirkel, ein Kind wird entführt…
    Genug jedenfalls, um die Spielerhelden für einige Zeit in der Gegend verweilen zu lassen, und sich mit ein paar wiederkehrend auftretenden Dorfbewohnern anzufreunden, die die Abenteuer miteinander verbinden. Der Wirt entwickelt sich zum Ansprechpartner Nummer 1 für Gerüchte, vorlaute Kinder bringen die Helden zum Schmunzeln, die schwerhörige Gemischtwarenverkäuferin macht sie kirre, bis sie im 3. Abenteuer an Herzversagen stirbt, die Nachbarsfamilie lädt die Helden mehrmals zum Essen ein, der örtliche Priester/Geweihte hebt ständig den moralischen Zeigefinger, ein Halbwüchsiger bettelt darum, mal mit den Helden auf Abenteuerreise gehen zu dürfen. Vielleicht gibt es sogar Interesse an Romantik bei den Spielern.

    Jemand, dem man das Leben (oder sein Geld, oder den guten Ruf) gerettet hat, bittet die Helden schließlich zum feierlichen Abschluss des 3. oder 4. Abenteuers, Trauzeuge oder Taufpate zu werden…da hast du dein wunderschönes Fest, auf das dann die Schergen des Bösen einfallen, und jeden gnadenlos niedermetzeln, selbst das Patenkind, das Brautpaar oder die süße neue Freundin des Kriegers, die ihm gerade gestanden hat, dass sie schwanger ist.
    Oder die Helden sind vom adligen Nachbarn zu einer (ausgespielten) Jagd eingeladen, kehren nichtsahnend zurück – und finden das Dorf in Schutt und Asche vor – aber es gibt Hinweise, dass einige Dorfbewohner nicht getötet, sondern verschleppt wurden. Vielleicht gibt es sogar einen überlebenden Zeugen.

    Zu diesem Zeitpunkt könnte sich ein NSC der Gruppe anschließen, der (scheinbar?) die gleiche Motivation teilt. Etwa der/die Adlige, oder der Augenzeuge.

    “Als sie diesen Lakaien besiegt haben hat einer der Helden eine Vision, dass dieser nur auf einen Befehl hin gearbeitet hat.”
    Oder der Lakai eröffnet es ihnen, kurz bevor sie ihm den Todesstoß versetzen. “Ihr habt keine Ahnung, mit wem ihr euch angelegt habt. Ihr könnt mich töten, aber das wird uns (ihn/sie/den Bösen Bund der Bösewichte/meinen Meister) nicht aufhalten!” Diabolisches Lachen nicht vergessen 😉

    Der lang angelegte Verbündete gehört entweder von Anfang an zum Oberbösen Superdunklen HerrscherdesHerrschers, und hat das Massaker veranlasst – zum Beispiel aus der Motivation heraus, einen bestimmten Helden zu erwischen, den der OBSDHDH für irgendwas braucht was aber im ersten Anlauf nicht geklappt hat.
    Der OBSDHDH könnte einen Helden brauchen, weil der eine seltene Blutmischung ist (Halbork-Elf), weil er der letzte seiner Sippe ist (das nehmen ja viele gern als Hintergrundgeschichte), oder weil er einen Gegenstand in seinem Besitz hat, dessen Zweck ihm nicht bewusst ist.
    Oder der vertraute NSC wechselt erst im späteren Verlauf die Seiten und verrät die Helden, z.B. weil ihm zum Lohn versprochen wurde, sein geliebtes Weib oder seine Kinder wieder zu bekommen. Wird ihm der Lohn vorenthalten, könnte er seinen Fehler auch bereuen, und erneut die Seiten wechseln.

    tl; dr: Lass sie erst etwas wirklich kennen und lieben lernen, bevor du es ihnen kaputtmachst.