Laufbahn eines Rollenspielers: Auf zum GRT


Details sind wichtig. Sie verleihen einer Geschichte Tiefe. Was wäre Mittelerde ohne die ausschweifenden Details gewesen? Auf die ein oder andere Sache hätte man vielleicht verzichten können, beispielsweise auf die Orks. Subtrahiert man diese aus der Geschichte, so wäre das Buch immernoch eine unterhaltsame Biographie voller Anekdoten und Elben über den Popstar-Halbgott-Tom Bombadil. Wenn man aber noch mehr streichen würde, bliebe am Ende nur noch ein trauriger und hungriger Halbling übrig, dessen Geschichte ohne Ring keiner mehr lesen möchte. Wehe dem, der nicht darauf achtet, also auf die Details…

Da wäre zum Beispiel die Gruppe. Diese lebt nicht in irgendeinem Ort der nur in der Fantasie existiert, wie etwa Eldagsen, Neu Wulmstorf oder Narnia. Die Mitglieder der kleinen Rollenspielgesellschaft fühlt sich in Hamburg beheimatet. Und obwohl keiner von ihnen als Einheimischer durchgehen würde, da dafür die urkundlich belegte ortsansässige Abstammung (nachgewiesen bis zur Hansezeit) fehlt, fühlt man sich doch zu Hause. Das mag nur ein kleines Detail sein, es ist aber auch ein großes Problem, denn der Gratisrollenspieltag (GRT) findet in Hamburg nicht statt.

Während also im fantastischen Narnia, welches im übrigen direkt neben Neu Wulmstorf liegt, gerade die Würfel rollen, steht die eher realitätsverbundene Gruppe vor einem unüberwindlichen Problem.

Eine Hand wischt zum zigsten Male an Marks Gesicht vorbei. Dessen Augen wirken durchnächtigt und in weiter Ferne. Im Prinzip nichts ungewöhnliches und irgendwo zwischen Frustration und Hoffnungslosigkeit einzuordnen. Ein Anblick also, der am Spieltisch kaum noch gewürdigt wird und irgendwie früher oder später zum Repertoire jedes Spielleiters gehört.

„Wäre es nicht besser wenn du damit aufhörst?“, mahnt Kevin, ohne es wirklich ernst zu meinen.
„Ich will nur sicher gehen, ob er jetzt endgültig zum Zombie geworden ist.“
„Ich weiß nicht ob man mit einer Hand vor einem Zombie herumwedeln sollte, um zu testen ob er einer ist. Kann mir gut vorstellen, dass das neben Stöckelschuhen die dümmste Art ist, mit einem Zombie umzugehen.
„Kein Paket!“ Ist das da Speichel in den Mundwinkeln? Mark hat die Botschaft wirklich nicht gut aufgenommen.

Der Zustand von Mark kommt nicht von ungefähr, sondern wurde gezielt björnisiert. Björnisiert steht für die Tatsache, dass man jemanden in dem Moment Fakten um die Ohren haut, in dem er nichts mehr an der Tatsache ändern kann, dass er falsch gelegen hat. Anders ausgedrückt: Wenn man auf der Titanic dem Kapitän freundlich mitteilt: “Ist ihnen übrigens aufgefallen, dass wir uns schon seit Stunden einem Eisberg nähern?“, während das Schiff von diesem nur noch fünf Meter entfernt ist, hat man es mit einer Björnisierung zu tun.

Ungefähr um 12 Uhr des 28. März 2015 teilte Björn Mark mit, dass kein Geschäft in Hamburg am GRT teilnehmen würde. Mark, der bis Dato in Rollenspiel und Studienvorbereitungen untergegangen war, nahm dieses kleine Detail höchst dankbar auf und versank spontan in einen Zustand der Schockstarre.

„Du hättest ja auf die Website gehen können.“
„Website“, wiederholt eine tonlose Stimme, irgendwo aus der Tiefe eines vernebelten Geistes.
„Da standen alle teilnehmenden Geschäfte drin und zugegeben, Hamburg ist ja nun auch nicht so groß. Da hätte man drauf kommen können.“
„Kommen können.“
„Und was wird in diesem Paket schon drin sein? Ein paar Würfel und Gratisbeilagen. Vielleicht noch ein oder zwei Sammelkarten. Kann ich dir später sicher genauer erzählen. Ein Freund schickt mir eins zu.“
„Freund…“
„Mark? Du siehst gar nicht gut aus. Wir könnten doch vielleicht nach Hannover fahren und dort eins abholen. Habe gelesen die organisieren da was. Mit dem Bus ist es jetzt auch nicht so teuer“, Kevin greift nach dem letzten Strohhalm und hofft, dass er den Reset-Knopf erwischt hat.
„Abholen…. ja, das hört sich gar nicht so schlecht an. Wenn wir direkt los fahren, sind wir gegen spätestens 15 Uhr in Hannover“, murmelt Mark, der wieder im Leben angekommen war.
„Passt. Meine App sagt mir, dass ich heute noch mindestens 5000 Schritte laufen muss“, fügt Björn hinzu.
„Wir laufen aber nicht. Wir fahren mit dem Bus.“
„Aber wir laufen mindestens bis zur Bushaltestelle. Ich wette da sind ein paar hundert Schritte drin.“

Wie sich heraus stellt, ist es gar nicht so einfach ein Busticket von Hamburg nach Hannover zu bekommen. Vor allem dann nicht, wenn die Frau am Schalter, also die mit den unglaublich langen unechten Fingernägeln, unechten Augenbrauen und unechter Kenntnis vom Verkauf von Bustickets, noch einen – 1 in Zahlen – Kunden vorher abfertigen muss und dafür eine gefühlte halbe Stunde braucht, weil dieser den Sonderwunsch äußerte, sein Ticket erst in einer viertel Stunde abzuholen. Nachdem die Dame sich auf Grund dieser sicher höchst seltenen Anfrage zuerst lautstark bei ihrem Chef über ihr Telefon ausgeheult hat, steht sie schließlich bereit, sich um die Gruppe zu kümmern.

„Näch Hännöver oder wie oder was?“
Die Dame vom Ticketstand nuschelt, östelt und berlinert zur gleichen Zeit.
„Ja, Hannover. Drei Tickets.“
„Sie spricht in fremden Zungen. Ich weiß nicht ob man ihr trauen kann“, Björn schlägt vorsichtigerweise ein Kreuz.
„Also mitdemgerade könnsenichfahren, der fährtgradab. Habense janzknapp verpasst. Wänn wollensedenn hin? Mit dem Dreizehndreißicher sindse Fünfsendreißich da, aber das kostetse dann och mähr, alswennse ne Stunde später fahren.”
„Es ist als hätten sich alle Dialekte zu einer unfähigen Person vereint“, flüstert Björn im Hintergrund.
„Wassachtdärfättsackda?“
„Gar nichts, der hat Tourette.“
„Ochso, dannistjaallesjut.“

Eine gefühlte Stunde später sind dann alle in einem Bus, der möglicherweise nach Hannover fährt, eventuell aber auch ganz woanders hin. So ganz eindeutig ging das aus den Aussagen, der Schalterfrau nicht hervor. Der Bus wird allen gängigen Voraussetzungen gerecht. Es ist laut. Es ist stickig. Und kurz vor der Abfahrt steigen noch zwei Kaliber der Marke Neonazi, sowie eine Mutter mit permanent schreiendem Kind ein. Das Geplärr des kleinen Blagen nervt zwar tierisch, überdeckt aber die stumpfsinnigen Kommentare der beiden Bomberjackenträger gnädigst.
„Hör mal , dann nehm ich WÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄH so Faust, Schlag WÄÄÄÄÄÄÄÄH, blutet den Boden voll…WÄÄÄÄÄÄÄÄH“
„Irgendwie kann ich das Kind verstehen“, einhelliges Nicken.

Endlich in Hannover

Wer weiß schon wo sich die Gruppe gerade befindet? Vermutlich irgendwo auf irgendeiner Autobahn. Vermutlich nicht auf dem Weg nach Narnia, aber so langsam müsste man doch am Ziel sein.
Mark reißt Kevin die Kopfhörer aus den Ohren.

„Was hörst du da?“
„Ähm, nichts?“
„Oh nein, das ist nicht nichts. Ich habe es genau gehört. Das war die Titelmelodie von Game of Thrones und die ist auf der Playlist von deiner Ex-Freundin und wenn du die Playlist von deiner Exfreundin hörst, wirst du nur wieder depressiv und wenn du depressiv wirst, versaust du uns den ganzen Tag. Björn, konfisziere seinen MP3 Player!“
Björn lächelt, als er Kevin das kleine Gerät abnimmt und ihm dafür seinen eigenen gibt.
„Was ist das?“
„Dubstep. Wenn du das hörst, denkst du ganz sicher nicht an deine Ex. Dann denkst du gar nichts mehr.“
„Das befürchte ich auch.“

Um halb vier erreicht der Bus endlich Hannover. Die Gruppe hat noch ungefähr eine halbe Stunde bis Ladenschluss und Björn kommt den 5000 Schritten so nah, wie noch nie in seinem Leben. Der Ausstieg aus den viel zu engen Türen hat sicher noch einmal fünf Minuten verschlungen, bis die drei Gelegenheitsabenteurer sich auf ihren schlechten Empfang verlassen, um per Smartphone-Map den schnellsten Weg zum teilnehmenden Geschäft zu finden. Da die Straßenbahn kurz vor der Nase weg fährt, bleibt nichts anderes übrig, als den Rest des Weges zu Fuß zurück zu legen.

„Es ist ein bisschen so, als würden wir gleich den Ring ins Feuer werfen.“
Stille Zustimmung und Keuchen, als die Helden das ferne Funkeln der Ladenreklame wahrnehmen. Nur noch ein paar Schritte, mittlerweile ist es zehn vor vier und das Ziel ist endlich erreicht. Siegessicher betreten Kevin, Björn und Mark das innere des Ortes, der einen wohligen Schauer durch das Rollenspielerherz jagt. Regale voller Miniaturen, Rollenspielen und Büchern. Auslagen mit Würfeln, Anhängern und Karten füllen den Raum.
„Drei Rollenspielboxen zum Gratisrollenspieltag bitte.“
„Ach, die haben wir heute morgen unten an die Spieler verteilt. Das meiste ist schon weg, aber vielleicht liegt irgendwo noch ein Flyer rum.“
„NGNGNGNG.“
„Ist was? Er sieht irgendwie ziemlich schlecht aus. Soll ich einen Arzt rufen?“
„Ach schon gut. Weißt du Mark, du kannst dir gerne meine Box ansehen, wenn sie da ist. Der Freund eines Freundes schickt sie rüber. Vielleicht lass ich dich die Sachen sogar mal anfassen.“
„MARK. LEG DIE LARPAXT WIEDER HIN!“

PS: Wer sich übrigens fragt was mit dem Rest der Gruppe ist und warum nie alle in einem Abenteuer sind. Ihr wisst ja wie das ist. Wann bekommt man schon einmal alle Spieler an einen Tisch?

Lukas Kebel

Lukas Kebel

Hat sich schon in früher Kindheit mit Rollenspiel infiziert und gilt als Überträger der Stufe 12. Sammelt nun EP in der Prestigeklasse Artikelknecht.
Hauptthemen: Pen&Paper, Games

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  • Liechtenauer

    Euch ist aber schon klar, dass es nur eine Box pro Location gab, nicht eine pro Besucher, oder?