Laufbahn eines Rollenspielers: Der Tod


Mazon Gründorns Körper sah nicht mehr besonders gut aus. Genauer gesagt standen die einzelnen Gliedmaßen in ungesunden Winkeln ab, seit ihr Sturz von dem kleinen Felsvorsprung gestoppt worden war, der inmitten eines Ozeans aus Schwefel, Hitze und Gestank ein Ziel darstellte, das zu treffen auch für einen Meister seiner Kunst eine Herausforderung gewesen wäre,- zumal „zielsicheres stürzen von einem Pegasus“- vermutlich nur auf sehr wenigen Lehrplänen (und Charakterbögen) zu finden war.

Dolgrins Hand zwirbelte den langen, schlohweißen Bart. Etwas das er unbewusst tat, wenn er grübelte oder unzufrieden war. So vehement wie die sehnige Hand das Barthaar malträtierte, war er gerade beides. Selten äußerte er sich so einer solchen Gemütslage gegenüber seinen Gefährten und suchte Ruhe, um das was ihn belastete, mit sich selbst auszumachen. „Wenn wir ihren Körper erreichen, dann könnte ich sie..“, sprach er halb murmelnd in einem ernsten Tonfall, als urplötzlich ein lautes Knirschen darauf hin deutete, dass der Felsvorsprung auf dem Mazon lag, nicht für die Ewigkeit gemacht war. Dolgrin riss sich vor gram einige Haare aus dem Bart, als die Gefährtin in der Ferne im Schwefelmeer versank.

Glenn war den Tränen nahe. In seinem Kopf war die ganze Sache eine so gute Idee gewesen und er konnte immer noch nicht fassen, was schief gegangen war. Mit Fäusten schlug er auf Alantir ein, der beschwichtigend die Hände hob: „Du verdammter Bastard. Warum hast du den Zauber nicht aufrecht gehalten. Du kannst doch sonst immer alles.“ Alantirs Gesicht war geschwollen, das Jochbein gebrochen und ein Auge eher grün als blau. Trotzdem wehrte er sich nicht und versuchte nur dumpf zum wiederholten Male zu erklären, was passiert war: „Das Beben… ich habe die Konzentration verloren. Es tut mir Leid.“

Die Stimmung am Spieltisch war an ihrem Tiefpunkt angelangt. Mark musste kaum etwas sagen, denn die Spieler waren gerade sehr mit sich selbst beschäftigt. Seine Konzentration verlor sich irgendwo zwischen Pizza und Kekskrümeln auf einer taktischen Karte, auf der an einer Stelle ein paar Figuren standen. Etwas entfernt lag eine weitere, die noch nicht einmal einen Spieler darstellte. Dennoch hing die Gruppe an Mazon. Linda hatte sich zwar mit dem neuen Charakter Dolgrin selbst übertroffen und die Gruppe hatte ihn innerhalb kurzer Zeit ins Herz geschlossen . Aber wäre der grimmige Zwerg in die Schwefeltiefen gestürzt, der Verlust wäre nicht ansatzweise so groß gewesen. „Nachdem das alles vorbei gewesen wäre, wollte ich ihr die Streitaxt geben“, brachte Kevin heraus.

Für Kevin war es besonders hart. Sein geradezu legendäres Pech beim anderen Geschlecht schien vor dem Rollenspiel kein Halt zu machen. Mazon war vor einigen Monaten zu der Gruppe gestoßen und war zu dem Zeitpunkt nicht mehr als ein NSC, der als Joker bei den Verhandlungen mit einem marodierenden Barbarenstamm in den Nordlanden dienen sollte. Mark hatte sich aber am ersten Abend mit der Charakterdarstellung selbst übertroffen und Mazon so viel Leben und Eigenheiten verliehen, dass sie von da an ein fester Bestandteil der Gruppe wurde.

Die lebensfrohe Halbork-Barbarin, die die perfekte Mischung aus Amélie Poulain (man nehme statt der Erdbeeren einfach Augäpfel erschlagener Feinde) und Ronja Räubertochter (Kriegsschrei des Frühlings) zu sein schien, hinterließ nicht nur bei ihren Feinden tiefe Spuren (die einer Streitaxt). Auch Kevin blühte sichtlich auf und machte es zu Glenns persönlicher Berufung, die Person hinter dem orkischen Blut kennenzulernen.

Schließlich sah Glenn es als seine Aufgabe an, eine alte Waffe des Barbarenclans zu restaurieren, die er auf seinen Streifzügen gefunden hatte. Er war sich sicher, dass er Mazon damit eine große Freude machen würde, aber dazu sollte es nicht mehr kommen.

So war die Gruppe bislang mit durchschlagendem Erfolg unterwegs und ein Auftrag brachte sie schließlich bis zu den Neun Höllen. Oder besser gesagt, einem Ort, der diesen schon ziemlich nahe kommt. Eine Einöde aus heißen Schwefelquellen und schließlich dem toten Ozean, wo außer Gestank und schroffen Felsen nichts zu existieren scheint. Dort nahm das Unglück seinen Anfang und Mark hatte selten eine solche Verkettung schlechter Würfe gesehen, die dazu führten, dass Alantirs Zauber im falschen Moment fehlschlugen, ein Pegasus deswegen in Flammen aufging und mit ihm, die einzige Person, die das Tier beherrschen konnte, in die Tiefe stürzte.

„Es reicht!“, selten erhob Dolgrin Felsfaust seine Stimme und es genügte, um die beiden streitenden inne halten zu lassen. „Lasst uns umkehren und uns für dieses Mal geschlagen geben.“
„Aufgeben? Wir haben noch nie aufgegeben. Wir nehmen einen Auftrag an und führen ihn aus. So sind die Regeln. Wir verlieren nicht“, stammelte Alantir, für den die Begrifflichkeit des Wortes Aufgeben ganz eindeutig Neuland war.
„Mazon ist tot!“, dröhnte der Bass des alten Zwergs, während sein Barthaar wegen des ganzes Herumzwirbelns schon in alle Richtungen stand und seine Worte nur bedrohlicher wirken ließ.
„Wir können nicht weiter. Der Weg ist versperrt und unser einziges Flugtier tot. Du hast keinen Zauberspruch mehr bereit und hier zu rasten ist nicht sicher. Lass uns umkehren und für Mazon das Begräbnis ausrichten, welches sie verdient.”

Glenn saß zusammengekauert in der Ecke und schluchzte, als Alantir die Tragweite endlich begriff. Es war vorbei. Die Gruppe war weit gekommen, aber dieses mal waren sie gescheitert. Da war kein Pfeil mehr im Köcher, kein Plan B und irgendwie war das …ok….

Manchmal muss ein Abenteuer scheitern. Manchmal müssen Helden oder NSCs sterben. Und wenn man alles richtig gemacht hat, bleiben diese Charaktere in Erinnerung und tragen dazu bei, den Spielern eine konsequente Welt zu liefern, in der eine Entscheidung auch fatale Folgen haben kann. Eine Welt, die  man aber gerne wieder besucht, weil es immer spannend bleibt.
Und selbst wenn der Lieblingsheld ins Grab beißt. Der Tod gehört zum Rollenspiel, genau so wie zum wirklichen Leben. Niemand ist allmächtig und kann den Tod überdauern.

“DON’T THINK OF IT AS DYING, said Death. JUST THINK OF IT AS LEAVING EARLY TO AVOID THE RUSH.”

– R.I.P Terry Pratchett

Lukas Kebel

Lukas Kebel

Hat sich schon in früher Kindheit mit Rollenspiel infiziert und gilt als Überträger der Stufe 12. Sammelt nun EP in der Prestigeklasse Artikelknecht.
Hauptthemen: Pen&Paper, Games

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  • susannex

    Cooler Artikel. Auch passend dazu http://www.teilzeithelden.de/2015/03/16/kolumne-die-letzte-seite-tote-buchcharaktere-das-salz-in-der-suppe/#comment-225576. Habt ihr euch mit den Teilzeithelden etwa abgesprochen? xD

    • Absprechen mit den Teilzeithelden? Nur in ganz seltenen Fällen. Aber der Tod lauert auch einfach gerade überall in unserer Szene. Da ist das Thema einfach ein Muss…leider.

  • Jenny

    Ich finde, dass Charaktere – und gerade auch Spielercharaktere – sterben können müssen. Gut, es gibt Tode die sind Mist – im Spiel, wie für den Spieler. Aber “Gott tötet völlig wilkürlich…” um ein Filmzitat aus dem Zusammenhang zu reißen und einen imaginären Euro in die Zitatekasse zu werfen. Manchmal hat man einfach Pech und der geliebte Charakter stirbt einfach – episch, pathetisch, dramatisch, emotional, aufwühlend oder völlig banal, wegen einem verpatzten Würfelwurf oder weil – wie z.B. im LARP, ein anderer Charakter das einfach will und umgesetzt bekommt (wobei das natürlich auch eine Aneinanderreihung von coolen Adjektiven sein kann). Aber lieber es stirbt mal ein Charakter, als dass die Geschichte überstrapaziert wird mit Nahtod-Erfahrungen und “Da hattest Du jetzt aber noch einmal Glück”. Lieber ein dramatisches Ende mit finalem Ausgang für meinen Charaktere, als die nächste banale und immer wieder erzählte Geschichte mit Happy End.

  • The_Lux

    Hier mal mein Text dazu:

    Ganz früher einmal, als ich meine erste Rollenspieltruppe hatte, da hatten wir einen Meister, der sehr viel Wert auf das Rollenspiel und auf die Charaktere gelegt hat. Dabei ist auch mal ein uns lieb gewonnener Charakter gestorben. Dieser Tod wurde über ganze Session (Ab Nachmittags bis tief in die Nacht) behandelt. Das ging ganz schön an die Nieren. Vor allem, weil besagter Meister sich verdammt gut in die verschiedenen Rollen hineinversetzen konnte.
    Seit dem hatte ich weder einen Meister, der so viel wert auf die Charaktere legte, noch einen Charakter oder NPC Tod miterleben müssen.

    Das ist zum einen schade, weil es wirklich sehr viel Emotionen in solch ein Spiel rein bringt, zum anderen aber auch nicht schlimm, weil wir eine Gruppe sind, die Spaß daran haben, wenn wir verrückte Sachen machen. Bei uns ist es eher ein “Heldenspiel”, statt ein “Rollenspiel”.
    Und ich finde, solange damit alles einverstanden sind, ist dem auch nichts entgegen zu setzen 🙂