Laufbahn eines Rollenspielers: Der Traum vom Schwert


Es gab Zeiten da hielt man Rollenspieler für Kellerkinder. Für Menschen also, die den Großteil ihrer Freizeit an dunklen Orten fristen, frische Luft verabscheuen und jeder sportlichen Aktivität aus dem Weg gehen. Ja, zugegeben: Björn müsste man mit einem neuen Kinofilm davon überzeugen, dass sich das verlassen der Wohnung auch wirklich lohnt. Was mich betrifft ist es da schon wesentlich einfacher. Eine neue Erfahrung reicht völlig aus – oder aber altbekannte Schmerzen.

Es war einer dieser Tage: Ich saß am PC und steckte viel Zeit und Mühe in einen neuen Artikel. Die konzentrierte Anstrengung im Raum konnte man fast spüren. Der Schweiß ungezählter Arbeitsstunden lag in der Luft, sowie eine Ahnung von Genie und Wahnsinn, die dem Ganzen eine gewisse Note verlieh, als plötzlich…..
„Wäre es möglich, dass du weniger gearbeitet hast, als dass du gerade eine mehrstündige Pause namens Pillars of Eternity eingelegt hast?“
„Stimmen, die da Unwahrheiten verbreiten. Das war nur eine kurze Konzentrationspause, die möglicherweise etwas länger ging als geplant – aber nur unwesentlich.“
„Wer’s glaubt.“

Jedenfalls unabhängig der Ausgangslage am PC litt ich beim computerlichen Herumsitzen urplötzlich an der Art von furchtbaren Rückenschmerzen, die sich einstellen, wenn man sich längere Zeit nicht sportlich betätigt hat und dazu ungesund sitzt. Es kam also die Frage auf: Was tun? Bewegung. Bewegung ist ziemlich gut gegen Rückenschmerzen und gegen jene, die aufgrund schlecht ausgebildeter Muskulatur entstehen ganz besonders.

In erster Linie ist es fast egal, welche Sportart man für seinen Rücken ergreift, solange man sich bewegt. Fußball, Handball, Volleyball, Schwimmen oder Radfahren fielen raus. Schließlich spiele ich nicht Mensch ärgere dich nicht, sondern großartige Rollenspiele. Daher empfinde ich auch bei normalen Sportarten schon bei den Begrifflichkeiten vollständige Langeweile. Tanzen wäre durchaus interessant gewesen, aber dann eine Dame zu treffen, mit der man sich im Nachgang über Dr. Who oder Star Trek unterhalten kann, ist eher ungewöhnlich. Das fiel also auch weg.

Was wäre also eine Sportart, in der man zum einen auf dieses bestimmte Klientel von Leuten trifft, die verrückt genug sind, um da rein zu passen. Bei der man zum anderen auch echt was für seinen Körper tut und vielleicht ganz nebenbei auch noch ein paar neue Eindrücke für den nächsten Rollenspielabend mitnimmt. Klingt nicht ganz einfach, aber möglich.

Meine Wahl fiel auf einen Schwertschaukampfkurs, der an der VHS-West in Hamburg durchgeführt wurde. Nicht zuletzt durch die Empfehlung einer guten Freundin war die Wahl nicht weiter schwierig. Außerdem: Es geht um Schwerter. Da werden die Augen des Kindes in mir riesengroß. Aber das hätte damals sicher nur Dummheiten mit diesem Schwertkampfwissen angestellt. Ein Glück, dass ich mittlerweile verantwortungsvoll geworden bin.
„Wer’s glaubt.“
„Schweig still!“

Also kurzentschlossen für den Kurs eingetragen und gleich noch einen guten Freund für einen maximierten Spaßfaktor dazu geladen, nur um ihn dann einen Tag vor dem eigentlichen Termin mit einer geschickt eingesetzten PingPong-Infektion aus dem Rennen zu nehmen. Eine Erkältung die mich ein paar Tage ausgeschaltet hatte, erwies sich als so penetrant, dass sie nach ihrem Hausbesuch bei mir gleich zu meinem Kumpel übersprang und es sich dort bequem machte. Glücklicherweise hat man ja NPC-Kollegen, die auf gute Ideen kommen.
„Verlose den zweiten Platz doch einfach über uns.“

Klar, warum nicht. Denn obwohl es wirklich kurzfristig war, ist die Chance in der Community (also bei euch) jemanden zu finden, der daran Spaß hat, glücklicherweise gar nicht so klein. Das Los oder besser gesagt, der heilige W4 fiel auf Lara, die so etwas auch schon immer mal machen wollte. Nach Bogenschießen und LARP sollte für sie nun auch der Schwertkampf dran sein. Alles in allem also eine Frau, mit der ich mich nicht unbedingt anlegen wollte, aber es dann trotzdem tun musste.

Der Trainer Nils hatte zu unserem Pech die gepolsterten Übungswaffen gleich zu Hause gelassen, sodass wir stattdessen direkt auf die Schaukampf-Schwerter zurückgreifen mussten. Diese abgestumpften Waffen aus Federstahl wiegen etwa zwei bis drei Kilo. Was jetzt nicht unbedingt nach viel klingt. Ist aber nach etwa vier Stunden Training eine ganz schöne Belastung, vor allem wenn man vorher noch nie eine solche Waffe in der Hand gehalten hat. Da fängt der ungeübte Arm an, zu zittern, während man die Schläge vom Partner abfängt. Am nächsten Morgen maunzt der Muskelkater fröhlich.

Das Wort Partner ist hier besonders wichtig. Beim Schaukampf geht es nicht darum Verletzungen zuzufügen und man arbeitet auch keine Kampfchoreografie ab. Sondern man improvisiert aus verschiedenen Bausteinen einen Schwertkampf, der nach etwas aussehen soll, ohne dass man sich gegenseitig dabei verletzt. Darum drischt man hier nicht auf einen Gegner ein, sondern am besten auf jemanden, auf den man sich verlassen kann. Die Schläge werden mit weiten Ausholbewegungen durchgeführt, um dem Partner anzuzeigen, wie er reagieren kann. Jeder einzelne Schlag lässt sich mit einer Vielzahl von Techniken kontern. Diese Kontertechniken, das weiß das Rollenspielerherz, nennen sich Paraden und stoppen den Schlag des Kontrahenten oder lenken ihn gar ab und lassen ihn am Ende völlig schutzlos dastehen. Jeder Angriff muss so geführt werden, dass er sich stoppen lässt, wenn die Abwehr nicht sitzt. Das ist alles andere als einfach, erfordert Kraft und Geschick.

Dabei machen die Bewegungsabläufe aber eine Menge Spaß. Vor allem wenn man eine gewisse Technik endlich verstanden hat und sie fließend in den Kampf einbringen kann, bleibt das Erfolgserlebnis nicht aus. Was mich betrifft hat Lara den Schulterschlag viel zu schnell gelernt, während ich beim Kontern dieses speziellen Angriffes immer noch verzweifle und grundsätzlich auf dem falschen Fuß stehe. Krieger der ersten Stufe würden wohl über mich lachen.

Während der zwei Tage wurde ich sowohl von Lara als auch von Nils durch die Sporthalle gescheucht und durfte mich einer Vielzahl von Schlägen erwehren, sowie eine Prüfung ablegen, die ich mit einem brillanten Wortgefecht bestanden habe (wir erinnern uns an Monkey Island). Dieses mag dazu geführt haben, dass der Trainer seinen Zweihänder der Marke „Spezialanfertigung“ einsetzten wollte, um mich noch ein bisschen kürzer zu machen. Aber ich bin mir sicher, dass er darüber hinweg ist.

Natürlich sind die gelehrten Techniken nicht unbedingt aus der alten Schule. Wie ich in der kurzen Zeit erfahren musste, gibt es nämlich die verschiedensten Schwertkampfarten und Schulen, die unterschiedliche Herangehensweisen haben. Von traditionsbewusst bis modern ist alles dabei. Der Schwertschaukampf ist aber definitiv ein Hingucker und hat meine Rückenschmerzen nachhaltig vertrieben. Sobald der Muskelkater mich aus dem Bett lässt kann ich also endlich weiter arbeiten.

„Du meinst Pillars zocken?“
„Klappe!“

Bleibt nur noch die Frage. Wann geht es weiter?

Lukas Kebel

Lukas Kebel

Hat sich schon in früher Kindheit mit Rollenspiel infiziert und gilt als Überträger der Stufe 12. Sammelt nun EP in der Prestigeklasse Artikelknecht.
Hauptthemen: Pen&Paper, Games

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