Laufbahn eines Rollenspielers: Entscheidungen und grüne Tentakelmonster


Als Rollenspieler steht man immer wieder vor wichtigen Entscheidungen. Manchmal geht es nur um die Pizza, manchmal auch um die Wahl des richtigen Würfels. Aber manchmal auch ums nackte Überleben (was die vorher genannten Dinge beinhalten kann).

„Und was macht der Regler hier? Ah, ich kann mich hier zwischen großen und sehr großen Brüsten entscheiden. Das müssen die Entwickler mit “ein Universum voller Möglichkeiten” gemeint haben.“
„Du musst natürlich erst einmal über die Charaktererstellung hinaus kommen, um den vollen Umfang der Möglichkeiten zu begreifen“, wandte Kevin zaghaft ein.
„Meinst du die Möglichkeit mit Stöckelschuhen in den Kampf zu ziehen? Mein Charakter sieht aus… wie eine magersüchtige Kurtisane. Wie etwas zweidimensionales auf dem Laufsteg eines schmierigen Fotografen und nicht wie eine mächtige Kriegerin, die einen Zweihänder halten kann.“

Ja, welchem feuchten Traum mag sie wohl entsprungen sein? Auf dem Schlachtfeld ist das Outfit nicht ganz so sinnvoll

Ja, welchem feuchten Traum mag sie wohl entsprungen sein? Auf dem Schlachtfeld ist das Outfit eher Semi-Optimal.

„Wir können auch wieder League of Legends zocken.“
„Du meinst League of Boobs.“
„Das kann man jetzt so auch nicht sagen.“
„Hoppelhäschen-Skin.“
„Es war ein Geschenk.“
„Pfff, ich glaube ich habe keine Lust mehr. Vor allem nicht, wenn der Charakter am Ende aussieht wie etwas aus Björns Kopf.“
„Jetzt tust du ihm aber unrecht. Björns schlüpfrige Fantasien gehen erst ab 200 Seiten Regelwerk Hardcover los.“

„Vampire Jubiläumsausgabe. Lechz. Was macht ihr da drüben eigentlich?“, Björn warf einen kurzen Blick in das Zimmer in dem sich Linda und Kevin unterhielten, bevor er sich wieder auf sein 262. geniales Charakterkonzept konzentrierte. Egal was Mark auch einfallen sollte. Er hatte vorgesorgt, für ein ganzes Leben.

„Lan-Party. Fast so wie früher, auch wenn wir nur zu Zweit sind. Keiner wird sich einig darüber, was gespielt werden soll.“
„Nicht so wie früher. Da müsstet ihr erst einmal vier Stunden lang versuchen, ein funktionierendes Netzwerkprotokoll zu finden, das bei allen läuft: TCP/IP, IPX und so weiter. Erst danach würdet ihr euch nicht über das Spiel einig werden. Aber so wie ich das sehe, läuft wenigstens das Netzwerk“, warf Björn in seinem üblichen erklärenden Tonfall ein. In einem anderen Leben wäre er ein verdammt guter Sprecher für Dokumentarfilme geworden. Jemand der eine ganze Generation von der Possierlichkeit der Spinnentiere überzeugen würde.

Andocken gehört hier noch zu den spannenderen Beschäftigungen.

Der Weltraum kann so leer sein. Hier gehört andocken noch zu stärkeren Aspekten des Spiels.

„Wie wäre es mit Elite: Dangerous? Da gibt es keine Stöckelschuhe.“
„Du meinst wohl Elite: Tot durch Langeweile im Weltraum. Waren von einem Ort zum anderen zu bringen, ist ja eh schon lahm, aber das Spiel setzt dem ganzen die Krone auf. Allerdings könnte ich dich ja wieder abschießen, während du das machst.“
„Hey, das war nicht fair.“
„Aber lustig. Nieder mit den Kapitalisten und so.“
„Wir wollten doch zusammen arbeiten.“
„Haben wir doch. Du warst mein Beispiel für die Kritik am System.“
„Ärschin.“
„Ich bin für Don’t Starve.“
„Ich nicht. Du sitzt auf deiner veganen Massengemüse und Obsthaltung, während ich jedes mal in der Wildnis verhungere. Ich weiß nicht wo da der Spaß sein soll.“
„Nur weil du kein System hast.“
„Doch, aber das funktioniert eben noch nicht so gut.“
„Es funktioniert gar nicht und dann verhungerst du.“
„Erstick an deinen dicken Melonen.“

Wer die Melone hat, hat die Macht.

Wer die Melone hat, hat die Macht.

„Du bist ja nur neidisch.“
„Was ist eigentlich mit Mark? Wollte der heute nicht leiten?“
„Nein, der kümmert sich um zwei neue Mitspieler und erstellt mit denen die Charaktere.“
„Dann gibt es endlich wieder neue Redshirts für die Gruppe. Erinnert ihr euch noch an die Kleine, mit diesem blauen Tuch?“
„Sabrina? Ich glaube die fand es nicht so toll, dass ihr Charakter von deinem Feuerball gebrutzelt wurde. Hat sich danach nicht mehr gemeldet.“
„Es war ganz einfach die beste Lösung für die Situation damals. Der Zauber hat so ein Maximum an Gegnern getroffen und ihr Charakter war erst Stufe 2. Ein Kollateralschaden. Außerdem bin ich der Meinung, dass sie keine besonders gute Rollenspielerin war“, legte Björn noch hinterher.

„Wie kommst du darauf?“
„Ein echte nordländische Kriegerin hätte nicht wie wild geschrien und geflucht, sondern die Situation mit Fassung getragen.“
„Sie hat nur versucht sich zu löschen. Du solltest netter zu neuen Spielern sein.“
„Ich bin immer nett.“
„Tarantino-nett.“
„Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Oder besser gesagt, wo gezaubert wird, da fliegen Feuerbälle.“

„Linda, manchmal denke ich, dass Björn Neulinge mit Absicht vergrault.“
„Dann frage ich mich, warum du immer noch da bist“, warf Björn mit sehr neutralem Tonfall ein.
„Du hast erst sechs seiner Charaktere auf dem Gewissen“, stichelte Linda fröhlich. “Ein bisschen im Schlaf heulen und Kevin ist wieder drüber hinweg.”
„Ich bin überzeugt, dass es jedes Mal einen guten Grund dafür gab. Da ihr euch nicht einig werdet, was haltet ihr davon, wenn ich ein Abenteuer für euch leite? Ich hatte ein wenig Zeit und könnte spontan ein Szenario improvisieren.“

Björn log ohne rot zu werden. Er hatte mindestens ein Dutzend Szenarien langfristig vorbereitet, für Tage an denen die anderen schwach werden könnten. Für Tage wie heute, an denen nicht einmal Mark ihn aufhalten könnte.

„Du kennst die goldene Regel!“
„Wenn man es genau nimmt, ist das überhaupt keine Regel. Außerdem wurde die doch vor über zwei Jahren aufgestellt. Die hat heute gar keine Gültigkeit mehr. Wir alle sind älter und weiser geworden, zumindest manche von uns.“
„Oh, ich weiß gar nicht wie Björn leitet“, Linda war neugierig genug, um auf Björns Vorschlag einzusteigen.
„Es ist auch ganz harmlos. Wie wäre es mit Cthulhu?“
WAMM
Ein Rätsel wie das Regelwerk, die Würfel, der Block und die Stifte plötzlich auf dem Wohnzimmertisch aufgetaucht waren.
„Naja, so schlimm kann es ja nicht sein“, meinte Kevin zaghaft.

Und so begann es…

Lukas Kebel

Lukas Kebel

Hat sich schon in früher Kindheit mit Rollenspiel infiziert und gilt als Überträger der Stufe 12. Sammelt nun EP in der Prestigeklasse Artikelknecht.
Hauptthemen: Pen&Paper, Games

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