George R. R. Martin in Hamburg – Teil 1: Podiumsgespräch mit Dennis Scheck


Als ich hörte, dass George R. R. Martin, Autor der Game of Thrones-Vorlage Song of Ice and Fire, nach Hamburg kommt und ich die Gelegenheit haben würde, ihn live zu sehen, stürzte ich mich auf die Gelegenheit. Im ersten Teil der daraus entstandenen mini Artikelserie wollen wir uns dem Podiumsgespräch mit dem Literaturkritiker Dennis Scheck widmen. Weitere Artikel werden die Lesung aus dem noch unveröffentlichten sechsten Band der Buchreihe Winds of Winter und die Pressekonferenz mit dem derzeit erfolgreichsten Fantasyautoren der Welt abdecken.

Es ist eine Seltenheit, dass ein Buchautor mit einem Podiumsgespräch und einer Lesung das Congress Centrum Hamburg füllt. Stephen King kann das. Vielleicht hätte es Stephenie Meyer auf dem Höhepunkt der Twilight-Welle gekonnt. Nicht viele auf der Welt. Saal 1 war mit 3.000 Sitzen ausverkauft und einige stritten noch an der Abendkasse um das buchstäblich letzte Ticket.

Sibel Kekilli war in der Lobby anzutreffen, die Wahlhamburgerin mit einer inzwischen beendeten Rolle in der Verfilmung der Buchreihe hatte sie natürlich Zugang zur Backstage. Auf die Frage hin, wie es sich anfühle, nicht mehr Teil von Game of Thrones zu sein, antwortete sie wenig überraschend, dass es sich seltsam anfühle. Sie hatte Martin am Vortag die Stadt gezeigt, ein Gegenbesuch, der im Rahmen der arte-Serie Durch die Nacht mit…  gefilmt wurde. Der Autor hatte ihr bereits seinen Wohnort Santa Fé gezeigt. Nach ein paar Selfies mit Fans, die sie irgendwann doch entdeckt hatten, verschwand sie weise mit einigen Verlags-VIPs zum Meet and Greet mit dem Meister selbst.

Das Podiumsgespräch wurde von niemand Geringerem als Dennis Scheck geführt. Mir war er vor allem durch seinen wöchentlichen Kommentar zur aktuellen Bestsellerliste auf DRadio ein Begriff und er führte auf erfrischend gewitzte aber auch tiefgründig intellektuelle Art durch den Abend. Sowohl er als auch George R. R. Martin sind natürlich Routiniers bei derartigen Veranstaltungen – fast alles, was sie sagten, war druckreif und perfekt ausformuliert.

„Well, I have more money now.“

Über das Hobby des Figurensammelns eröffnete Scheck das Gespräch. „Yes, because in this decrepeit old body there is the heart of a twelve-year-old boy“, antwortete Martin. Ein Rahmen um die Kindheit des Erfolgsautors war schnell gezogen: Als Kind armer Eltern wuchs er in einem Häuserblock auf und seine Welt fand praktisch nur zwischen diesem und seiner Schule statt. Der Vater immer wieder mal arbeitslos, die Mutter Leserin der aktuellen Bestseller.

Der kleine George las Comics, um seine Welt zu vergrößern und ihr zu entfliehen. Der Eskapismus, zunächst mit DC-Comics, dann mit Marvel und schließlich mit dem ersten Science Fiction-Roman Have Space Suit – Will Travel von Robert A. Heinlein, zog sich durch sein ganzes Leben – zunächst als Leser, dann vermehrt als Autor. Der Durchbruch gelang ihm spätestens 1980, als er als erster Autor überhaupt gleich zwei Hugo-Awards gewann: den für die beste Short Story mit The Way of Cross and Dragon sowie den für die beste Novelette mit Sandkings.

„Dragons are cool.“

Die Faszination von Drachen kommt in Martins Werk immer wieder vor, auch schon lange vor dem Song of Ice and Fire. Natürlich ist dies so, sagte der Autor, schließlich sind ja schon Dinosaurier cool. Drachen haben dazu noch Flügel und Flammenatem, was den Coolness-Faktor erhöhe. Tatsächlich dreht sich dabei auch vieles um Allmachtsfantasien: Ob Drachen, Raumschiffe oder Superkräfte – sie alle dienen dem bereits genannten Eskapismus, den Martin auch in der aktuellen Lage des Buch- und Filmmarktes wiedererkennt.

„I just want me to have a flying car.“

Die goldene Zukunft, die sich die Menschen in den 1950er Jahren in George R. R. Martins Kindheit erträumt haben, sei nicht eingetreten. Martin selbst sagte einmal, er sei in der falschen Zukunft gelandet: Er habe damals nicht die Zukunft mit Terrorismus, Internet und Erderwärmung bestellt, sondern eine mit Jetpacks, fliegenden Autos und Marskolonien. Die Zuversicht in die Zukunft habe sich aber inzwischen in Luft aufgelöst – so bleibe den Menschen nur noch die Fantasy als Genre der Flucht. Dass es unseren Kindern und Enkelkindern besser gehen wird als uns, wagt heute kaum noch jemand zu glauben: Nur noch Dystopien seien heute glaubwürdige Science Fiction. Er hätte als Kind nie gedacht, dass Menschen zwar auf dem Mond gehen, danach aber damit aufhören würden.

Auf die Machtfrage angesprochen, im Song of Ice and Fire das zentrale Thema, sagte Martin, in der richtigen Welt übernehmen Firmen und Kapitalbesitzer immer mehr davon. Aber auch Autoren und Kunstschaffende hätten Macht, wenngleich nicht als Individuen. Die seit den 1950ern stark gestiegene Akzeptanz Homosexueller etwa hält er für einen Erfolg der Unterhaltungsindustrie: Serien wie Will & Grace hätten den Leuten gezeigt, dass auch Schwule Menschen sind, mit denen man lachen und weinen kann. Solche Prozesse dauerten allerdings, so Martin, ihre Zeit und sind keine Order, sondern Überzeugungsarbeit.

„The work doesn’t change.“

Vor allem die HBO-Verfilmung des Song of Ice and Fire hat Martin zu einem internationalen Star gemacht. Darauf angesprochen, wie sich sein Leben verändert hat, sagte er, die Arbeit selbst sei nicht wirklich anders. Ob ein Autor für Zehn oder für zehn Millionen schreibt, mache an sich wenig Unterschied. Er lebt sogar noch im selben Haus, wie schon 1983 – wenngleich er zwei weitere Häuser in seiner Straße als Bibliothek und Büro erworben hat.

„Can’t turn it off.“

Der Ruhm stört Martin allerdings schon. Er ist sich bewusst, dass Filmstars es noch schwerer haben, aber er selbst vermisse es, sich frei und ungestört bewegen zu können. In New York einen Hotdog zu kaufen, so sagte er, ist ein Spießrutenlauf. Auf der San Diego Comic Con kann er sich nur noch mit Leibwächtern bewegen – und darf auf keinen Fall an einem Stand stehen bleiben und etwas anschauen. Dieser Ruhm lässt sich nicht abschalten – allerdings gebe es Hoffnung, dass dieser irgendwann wieder abebben würde. Der Autor gab allerdings zu, dass dies natürlich Jammern auf hohem Niveau sei – der Wohlstand hat klare Vorteile, die er auch sehr genießt.

Bevor George R. R. Martin die Lesung aus der aktuellen Version seines Manuskripts für den sechsten Band des Songs of Ice and Fire, The Winds of Winter begann, stellte ihm Scheck noch eine letzte Frage. Die klassische Gretchenfrage „Wie hältst Du’s mit der Religion“, beantwortete der katholisch erzogene Autor atheistisch: „The universe is an amazing place – but I fear it’s all there is.“

Marten Zabel

Marten Zabel

Bewertet Dich anhand Deiner Spiele, Serien und Rechtschreibung, wenn er nicht gerade selbst Spiele designt oder von größeren Dingen träumt.
Hauptthemen: Pen & Paper, Games, Brettspiele

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