George R. R. Martin in Hamburg – Teil 2: Lesung aus Winds of Winter


Im ersten Artikel zum Besuch der Fantasy-Legende in meiner Heimatstadt habe ich bereits das überraschend interessante und unterhaltsame Podiumsgespräch des Autors mit dem Literaturkritiker Dennis Scheck zusammengefasst. Darauf folgte eine Lesung aus dem noch unveröffentlichten sechsten Band des Song of Ice and Fire: The Winds of Winter. Im Folgenden meine Eindrücke.

Vorweg sei gesagt, dass das Material, das George R. R. Martin an diesem Abend in 18 ausgedruckten A4-Seiten in einer Ledermappe bei sich trug, nicht gänzlich neu war. Bereits im Januar 2013 hatte Martin das Kapitel aus der Perspektive der dornischen Prinzessin Arianne Martell in seinem Blog veröffentlicht. Dennoch fielen mir beim späteren Nachlesen einige Änderungen auf, die auf Martins reguläre Methodik, weiter an seinen Geschichten zu feilen, liegen mögen: Jede Lesung, so sagte er später im Gespräch, gibt ihm die Gelegenheit, unklare Sätze oder schlechte Formulierungen zu entdecken und die Reaktion des Publikums zu erfahren.

Spoilerwarnung

Bevor Martin mit der eigentlichen Lesung begann, sprach er eine generelle Spoilerwarnung aus. Diese kann ich an dieser Stelle nur wiederholen: Szenen aus dem sechsten Buch der Reihe können Informationen über den Ausgang der fünf vorhergegangenen Bände beinhalten. Außerdem fügte Martin hinzu, dass es für alle Zuhörer etwas verwirrend werden könnte, welche seine Geschichte nur über die Serie kennt – fast alle Charaktere im besagten Kapitel kommen nur in der literarischen Vorlage vor und sind reinen Fernsehzuschauern unbekannt.

Arianne Martell selbst, Prinzessin von Dorne, kommt in der Serie nicht vor. Ihre Rolle in der Verschwörung, Prinzessin Myrcella zu entführen, hat dort Ellaria Sand übernommen. Auch fand dieser Handlungsstrang im Buch unter deutlich anderen Umständen statt – und ging schrecklicher schief als in der TV-Serie.

Prinz Doran, offizieller Herrscher über Dorne, hat seiner Tochter aber scheinbar vergeben und sie auf eine Aufklärungsmission entsandt: Die Küsten des südlichsten Landes von Westeros werden von verschiedenen Banden und Gruppen angegriffen und ein mysteriöser neuer Feind hat Griffin’s Roost erneut zu seinem Sitz gemacht – Jon Connington, die alte Hand des Mad King.

Anders als in der Serie kommt Jamie Lannister in den Büchern nicht heimlich nach Dorne, um seine Tochter zu befreien – dafür landet Jon Connington mit einer Söldnerarmee in Westeros. Was genau die Situation ist, wissen die Martells nicht. Einen Drachen soll der Mann dabei haben, allerdings nur im übertragenen Sinne – statt Bestien mit Flammenatem reiten er und seine Söldner Kriegselefanten.

Leser der Buchreihe wissen, dass Connington heimlicher Beschützer und Ziehvater Aegons, des letzten männlichen Targaryen ist – seit seiner Kindheit von einer Verschwörung mit Mitgliedern wie Varys geschützt und aufgezogen, um dereinst ein guter und gerechter König zu werden. Die Martells aber müssen in dieser Situation mit unvollständigen Informationen arbeiten. Dazu kommt, dass Ariannes Bruder Quentin noch immer auf der geheimen Mission ist, Daenerys zu treffen und zu heiraten.

Prinzessin Arianne weiß nicht, dass ihr Bruder ein schreckliches Ende genommen hat. Sie und ihre Gefährten vermuten aber auch, dass Daenerys und er mit Drachen nach Westeros gekommen wären, wenn sie diejenigen wären, für die Jon Connington und seine Söldnertruppe kämpfen. Die Gespräche um dieses Rätsel nehmen neben dem Charakteraufbau einen großen Teil des gelesenen Kapitels ein.

In Westeros nichts Neues

Für fanatische Fans der Song of Ice and Fire-Buchreihe, die seit Jahren auf die Ankündigung des nächsten Bandes warten, war der Inhalt von George R. R. Martins Lesung in Hamburg leider kaum etwas Neues. Einige Sätze waren vermutlich anders formuliert, als bei ihrer ersten Veröffentlichung vor nunmehr zweieinhalb Jahren, aber bekannt war dieser Handlungsstrang dennoch.

Es war trotzdem ein Erlebnis, die Worte aus dem Mund des Autors selbst zu hören. Auch die Auswahl des Kapitels – mindestens vier Kapitel des neuen Buchs sind bereits länger fertig – hatte einen gewissen Charme: Der gesamte Plot um Quentin Martell und Jon Connington ist in der TV-Version ebenso nicht vorhanden, wie Prinzessin Arianne.

Achtzehn Manuskriptseiten, konstatierte Martin am Ende, sei dieses Kapitel lang gewesen. Mit einem leichten Augenzwinkern stellte er dann fest, dass es also nur noch etwa 1480 Seiten zu schreiben gäbe, bis A Song of Ice and Fire: The Winds of Winter in den Druck gehen kann.

Marten Zabel

Marten Zabel

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Hauptthemen: Pen & Paper, Games, Brettspiele

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  • Christian Turkiewicz

    Ganz so viel Seiten werden’s wohl nicht mehr sein, nach eigenen Angaben wünscht er ja den VÖ-Termin von Winds of Winter vor Start der 6ten Season. Das gibt ihm und dem Verlag nur noch ein paar Monate. Ob er den Termin selber einhält kann man natürlich bezweifeln. Bleibt nur abzuwarten…