Hält der Hexer, was er verspricht?


The Witcher 3 – Wild Hunt von CD Projekt Red führt aktuell in zahlreichen Ländern die Verkaufscharts an. Das Spiel hat so viele Awards abgeräumt, dass CD Projekt wahrscheinlich eine eigene Halle errichten musste. Aber hält das Spiel, was es verspricht?

Ich habe mir Witcher 3 angeschaut und bin noch immer dabei. Deshalb kann ich nicht besonders viel zur Story sagen, sie schon jetzt ungefähr einschätzen. Doch fangen wir von vorne an.

Geralt von Riva ist immer auf der Suche nach neuer Arbeit.

Geralt von Riva ist immer auf der Suche nach neuer Arbeit.

Wie die Drei im Titel schon vermuten lässt, ist dies bereits der zweite Nachfolger des Erfolgsspiels The Witcher. Die Hauptfigur Geralt von Riva ist ein Hexer und stiftet damit dem Spiel auch den Namen. Er wird als „wandelnde Lösung für Probleme“ bezeichnet. Geralt verdingt sich als Monsterjäger, eine Art Söldner mit einem Kodex und vielem mehr, um das Land in gewisser Weise von bösen Kreaturen zu reinigen.

Womit wir auch schon bei einem wichtigen Thema für Witcher sind: Die Entwickler haben eine große und lebendige Welt versprochen. Die große Welt kann ich bestätigen. Zwar ist die Welt nicht, wie zunächst angekündigt oder zumindest suggeriert, eine einzige riesige Open World, sondern wird in Gebiete geteilt – aber diese Gebiete sind schon so unfassbar groß, dass man mit seinem Pferd Plötze (im Original Roach) mehrere Minuten in vollem Galopp reiten müsste, um sie zu durchqueren.

Welt ist lebendig, aber könnte noch mehr

Ein Überfall in der Stadt. Soll sich Geralt einmischen?

Ein Überfall in der Stadt. Soll sich Geralt einmischen?

Lebendig ist die Welt allemal, auch wenn CD Projekt hier nicht die vollen Möglichkeiten ausreizt. So wandern die Menschen nicht nur in ihren Siedlungen umher, sondern auch zwischen Siedlungen und Städten. Sie reden miteinander über das Wetter, aktuelle Entwicklungen im Krieg, Gerüchte oder ihre Arbeit. Je nach Tageszeit und Wetter gehen sie anderen Beschäftigungen nach. Am Morgen trifft man beispielsweise nur sehr selten Leute in der Taverne, dafür ist nachts keiner draußen unterwegs. Ebenso suchen sich die meisten bei Regenwetter ein Dach über ihrem Kopf.

Außerhalb der Siedlungen ziehen Wolfsrudel, Räuberbanden und Monster durch die Gegend. Sie scheinen keinem festgelegten Pfad zu folgen, so dass man scheinbar zufällig auf sie trifft. Nachts sind viel mehr Kreaturen in den Wäldern zu finden als am Tag, so dass eine Reise in der Dunkelheit gewisse Gefahren bergen kann.

Leider fällt mir jedoch gerade bei den Menschen auf, dass das System nicht alle aktuellen Entwicklungen voll ausreizt: Gespräche wiederholen sich und ich frage mich noch immer, warum zwei Bäuerinnen sich den ganzen Tag, immer wieder ein und dieselbe Geschichte erzählen oder ein Junge ein verbotenes Lied singt, das ihm sein Vater daraufhin erneut verbietet. Wenn ihr das nächste Mal an dem Kind vorbei kommt, singt er wieder fröhlich und es kommt wieder der selbe Dialog zwischen Vater und Sohn. Schade, um es direkt im Fabian Döhla-Sprech, PR-Mann bei CD Projekt, zu sagen.

Macht euch auf Beleidigungen gefasst

Concept Art von Ciri, Geralts Ziehtochter und Kern der Story.

Concept Art von Ciri, Geralts Ziehtochter und Kern der Story.

Schön ist jedoch, dass die Dorfbewohner auf Geralt von Riva und auch auf seine Ziehtochter Ciri, die ihr in Teilen der Geschichte steuert, reagieren. Hexer werden von der gemeinen Bevölkerung verachtet, als andersartige Mutanten. Wenn dann auch noch eine Frau mit einem Schwert durch das Dorf lauft, die dem Orden der Hexer angehört, ist alles zu spät. Gewöhnt euch also daran, dass ihr beschimpft und bespuckt werdet, auch wenn ihr gerade das Land von einer Monsterplage befreit habt. Rassismus wird in der Welt von Witcher noch ganz groß geschrieben, Frauenverachtung übrigens auch.

Vor allem an den Beleidigungen, die Ciri hinterhergerufen werden, gab es übrigens diverse Kritik. Frauenverachtend, diskriminierend und ähnliches ist da in diversen Artikeln, Tweets und Posts zu lesen. Vielleicht kann ich das als Mann nicht voll nachvollziehen, aber ich finde es grundsätzlich nicht schlimm, dass dies im Spiel integriert ist. Denn erst dadurch wird die Welt wirklich glaubhaft. Wir befinden uns hier in einem Fantasy-Setting, das der Dark-Fantasy zuzuordnen ist. Die Welt ist abgefuckt und scheiße. Es gibt kein Gut und Böse, kein schwarz und weiß – vor allem kein weiß. In dieser Welt werden Hunde gegessen, Leichen einfach liegen gelassen, Priester heuern Mörder an und Frauen werden vergewaltigt. Jede und jeder, der und die sich anders verhält, anders ist oder auch nur am falschen Ort zur falschen Zeit ist, wird verachtet, beschimpft und im schlimmsten Fall misshandelt.

Alles in allem ist die Welt von The Witcher so unfassbar dicht gestrickt, dass man sich darin verlieren kann. Abgesehen von den kleinen Mankos mit den wiederkehrenden Unterhaltungen fühlt man sich in eine lebendige und stimmige Welt versetzt. Alles scheint genau am richtigen Platz zu sein. Dazu bietet die Umgebung viel Abwechslung und es gibt keine langweiligen gefühlt monatelangen Wanderungen durch immer gleich aussehende Wälder. Die Grafik, auch wenn ich mich wirklich nicht als Grafikhure sehe, tut ihr übriges dazu: Die Welt sieht trotz ihrer Brutalität wunderschön aus.

Entscheidungen bedeuten etwas… irre!

Ein weiterer Punkt, den die Entwickler versprochen haben, ist die Bedeutung eurer Entscheidungen. Welche Bedeutung meine Entscheidungen letztlich auf die Story haben, kann ich noch nicht sagen, denn um dies festzustellen, bin ich noch nicht weit genug im Spiel. Aber es gibt schon jetzt mehrere Möglichkeiten, eine Quest zu lösen. Was aber definitiv Auswirkungen hat, sind eure Taten in der Umgebung. Solltet ihr ein verlassenes Dorf von einer Monsterplage befreien, kehren die Bewohner zurück und beleben die Siedlung mit neuem Leben. Ebenso kommen die Reisenden zurück an Schreine am Wegesrand, sobald ihr beispielsweise dort lagernde Banditen vertrieben habt.

Auf Monsterjagd. Wenn das Nest der Kreaturen gefunden und zerstört ist, hat sich auch die Plage erledigt.

Auf Monsterjagd. Wenn das Nest der Kreaturen gefunden und zerstört ist, hat sich auch die Plage erledigt.

Somit beeinflusst Geralt von Riva direkt, wie sich die Gegenden entwickeln. Ein schöner Aspekt, bei dem ihr direkt sehen könnt, was eure Taten bewirken. Tatsächlich zeigen einige wenige Bewohner irgendwann auch so etwas wie Dankbarkeit, wenn ihr ihnen helft. Erwartet aber nicht zu viel, aber wenn sie euch nicht mehr beschimpfen, ist doch schon etwas gewonnen, oder?

Zuguterletzt zwei weitere wichtige Punkte für ein episches Rollenspiel: die Geschichte und die Spielzeit. Gefühlt hat CD Projekt bereits eine Spielzeit von drei bis fünf Wochen durchgehend angesagt. Die freien DLCs bieten dabei auch immer noch mehr. Aktuell habe ich den Eindruck, dass ich Monate spielen könnte. Meine Spielzeit hat die zehn Stunden schon sehr weit überschritten und ich bin erst am Anfang der Hauptquest. Vielleicht bin ich, was das angeht, auch ein langsamer Spieler – Gegend erkunden, Nebenquests und das bewusste Jagen von Kreaturen gehört bei mir aber einfach dazu.

Großes Potenzial bei der Geschichte

Ist sie nun Gut oder Böse? So eindeutig ist das bei The Witcher nie.

Ist sie nun Gut oder Böse? So eindeutig ist das bei The Witcher nie.

Die Geschichte bietet schon zu Anfang großes Potenzial, eine sehr gute zu werden. Kurze Zusammenfassung: Geralt von Riva soll sich mit der Magierin Yennefer treffen, Freundin und frühere Geliebte des Hexers. Allerdings ist das nicht so einfach, wie es klingt, denn sie scheint vor jemandem auf der Flucht zu sein. Als die beiden zusammenkommen, trennen sich ihre Wege auch schon bald wieder. Sie sind auf der Suche nach Ciri, Geralts Ziehtochter. Diese wird von der sogenannten Wilden Jagd, die dem Spiel übrigens den Untertitel Wild Hunt verliehen hat, gejagt… irgendwie offensichtlich. Was die wilde Jagd genau ist, sei hier nicht gesagt, aber sie ist extrem mächtig und gefährlich.

The_Witcher_3_Wild_Hunt_Yennefer

Die Magierin Yennefer ist der Anstoß für die Suche nach Ciri… und vielleicht auch für eine Romanze zu Geralt zu haben

Schon bei dieser kurzen Zusammenfassung kommen so viele Fragen auf, dass man auf eine gute, interaktive Geschichte hoffen darf. Direkt zu Anfang müsst ihr zwei Spuren verfolgen, die zu Ciri führen könnten. Nach kurzer Zeit spalten sich die beiden Spuren wiederum auf und es entstehen weitere Möglichkeiten, mehr über den Aufenthaltsort von Geralts Mündel zu erfahren. Eine wilde Jagd (Schenkelklopfer) quer durch das ganze Land beginnt. Die wichtigsten Fragen (neben „Wo ist Ciri?“) sind dabei: Was will die Wilde Jagd von Ciri? Was ist die Wilde Jagd? Wie entkommt Geralt der Verfolgung von „Anderlingen“ und wie kann er seinen Freunden bei den Elfen, Zwergen und Magiern, beziehungsweise vor allem bei den Magierinnen, helfen?

Dazu kommen nach und nach immer mehr Fragen auf, die zum Teil auch schon bald wieder beantwortet werden, aber eben nur zum Teil. Somit hat die Geschichte sehr großes Potenzial, das hoffentlich auch voll ausgeschöpft wird.

 

Steuerung nicht immer ideal

Ein weiterer kleiner Kritikpunkt neben den teils weniger lebendig wirkenden Dorfbewohnern ist die Steuerung. Vielleicht liegt es daran, dass ich einfach kein Konsolenspieler bin und Witcher 3 – Wild Hunt an der Xbox One teste, aber die Steuerung ist zum Teil wenig intuitiv. Um über einen Baumstumpf zu springen, während Geralt sprintet, müsst ihr die Sprinttaste loslassen, um die Sprungtaste zu drücken. Mordors Schatten oder Assassin’s Creed haben das sehr viel schöner und eleganter gelöst.

Euer Pferd Plötze ist extrem wichtig, um in der großen Welt schnell von A nach B zu kommen.

Euer Pferd Plötze ist extrem wichtig, um in der großen Welt schnell von A nach B zu kommen.

Das Ausweichen in eine bestimmte Richtung ist für mich auch nicht immer ganz leicht, weil sich entweder die Kamera mitbewegt und ich dann den Gegner nicht mehr sehe – oder Geralt hechtet sich in eine Richtung, in die ich nicht besonders gut sehen kann und stößt mit dem Kopf gegen einen Stein. Wie gesagt, das kann an meiner mangelnden Erfahrung mit Rollenspielen und einem Controller liegen, mich persönlich stört das aber.

Doch das sind wirklich die beiden größten Kritikpunkte und damit jammern auf sehr hohem Niveau. Der Kampf zu Pferd ist zwar auch nicht sehr einfach zu händeln, aber das verbuche ich einfach einmal unter Realismus. Denn es muss verdammt schwer sein, sein Pferd zu lenken, Feinden auszuweichen und ihnen gleichzeitig im vollen Galopp das Schwert auf den Kopf zu hauen. Übung macht hier den Meister, in diesem Fall den Meister am Controller.

Fazit

Alles in allem ist The Witcher 3 – Wild Hunt eines der besten Rollenspiele aller Zeiten. CD Projekt Red hat es bereits mit dem zweiten Teil geschafft, eine ordentliche Schippe drauf zu legen. Ich behaupte einfach, dass nicht viele es hinkriegen, ein Sequel besser zu machen, als den ersten Teil. CD Projekt Red ist dies nun schon zum zweiten Mal gelungen. Vielleicht haben sie auch deshalb noch Entwicklungspotenzial gelassen, damit ein vierter Teil noch besser werden könnte.

Für jeden Rollenspiel-Fan, und deshalb bist du, lieber Leser, ja hier, ist Witcher 3 – Wild Hunt ein absoluter Pflichtkauf. Vielleicht nicht jetzt und sofort, aber das Spiel sollte sich wirklich in jeder Sammlung befinden.

Was bedeutet diese Wertung? Lest es hier nach dem Klick nach.

The Witcher 3: Wild Hunt – Standard – [Xbox One]

Price: EUR 37,95

4.5 von 5 Sternen (148 customer reviews)

22 used & new available from EUR 16,54

Felix Mohring

Mit 11 Jahren aus Versehen in die Rollenspielrunde des großen Bruders gerutscht und seither nicht mehr von dem Hobby losgekommen. Gründer und Marketing-Äffchen, Moderator und Formatentwickler der NonPlayableCharacters.
Hauptthemen: Pen&Paper

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