LARP oder LAN? – Artemis auf der NordCon


Manche Spiele durchbrechen nicht nur Genres, sondern auch Typen von Spiel. Der Artemis Spaceship Bridge Simulator ist ein solches und wurde wieder einmal auf der NordCon angeboten. Der große Erfolg der Veranstaltung zeigt: Die Mischung aus Live Action Rollenspiel und klassischer 90er-Jahre LAN-Party kommt verdammt gut an.

Was ist Artemis?

Der Artemis Spaceship Bridge Simulator, kurz Artemis, ist ein Computerspiel, das für die Verwendung im Lokalnetzwerk konzipiert wurde. Gemeinsam steuern die Spieler ein einzelnes Raumschiff und jeder und jede Einzelne ist ein Offizier der Brückencrew. Auf dem eigenen PC oder Laptop ist dabei nur die jeweilige Arbeitsstation zu sehen: Der Wissenschaftsoffizier sieht eine Übersichtskarte, der Waffenoffizier ein Zielsystem und den Status der Waffen, der Pilot einen Kompass mit Vektoren und der Chief ein Zustandsdiagramm und die technischen Systeme des Schiffs.

Der Captain hat gemeinhin gar keine eigene Station und dient dazu, Entscheidungen zu treffen und die Besatzung zu organisieren – nur gemeinsam und konzertiert funktioniert das Raumschiff richtig. Der Wissenschaftsoffizier kann Gegner scannen und ihre Schwachstellen herausfinden, der Techniker muss Energie für Schilde, Antrieb und Waffensysteme verwalten, der Waffenoffizier dafür sorgen, dass der richtige Typ Photonentorpedo geladen ist und so weiter.

Ein Hauptschirm kann von allen Spielern angesteuert werden und zeigt wahlweise eine Außenansicht oder die Übersichtskarte. In einem Sektor können feindliche und freundliche Schiffe unterwegs sein, Raumstationen müssen verteidigt werden und es gibt Hindernisse wie Nebel, Asteroiden und Minenfelder.

Kommunikation ist hier alles – notfalls könnt ihr euch auch mal gegenseitig von der Station wegrempeln, wenn beispielsweise der Captain den Piloten für inkompetent hält. Über das Internet könnt ihr außerdem mit einer anderen Crew gemeinsam oder gegeneinander spielen – insgesamt bleibt die Erfahrung als Besatzung aber die eines von Technik unterstützen Star Trek-LARPs.

Das trekkige halbe Dutzend

Auf der NordCon gab es ganztätig die Flottenakademie. Zwei Gruppen mit jeweils sechs Spielern konnten hierbei das Spiel unter Anleitung fleißiger Freiwilliger lernen und erste Abenteuer im All erleben. Die Kurse waren stets sehr schnell ausgebucht – die Mischung aus Star Trek-Erlebnis, die Kommunikation innerhalb der Besatzung und natürlich eine ab der ersten Mission stets präsente äußere Bedrohung machten die Sache unter den NordCon-Besuchern zu einem echten Hit.

Am Nachmittag des Samstags und des Sonntags gab es dann das jeweilige Highlight des Artemis-Tages: Die beiden Räume, in denen jeweils eine Schiffsbesatzung mit einem Beamer als Hauptschirm und einem halben Dutzend Laptops spielen konnte, traten gegeneinander an. Der Kampf Schiff gegen Schiff ist in Artemis immer ein äußerster Nervenkrieg: Was können die anderen Spieler? Wie gut arbeiten sie zusammen? Haben Sie einen Plan, der besser ist, als unserer? Menschliche Gegner sorgen immer wieder für Überraschungen – so auch in den Matches der NordCon.

Die Sieger durften in einer darauf folgenden kooperativen Mission das Flaggschiff spielen, während die Verlierer als Handlanger der kleinen Flottille fungieren mussten. Somit gab es tatsächlich etwas zu gewinnen: Die angenehmere Position im letzten großen Abenteuer des Tages.

Unvergessliche Momente im Spiel

Dem Duell zwischen zwei Spielerschiffen verdankte der Artemis-Stand auf der NordCon in diesem Jahr die wohl spannendste Situation: Es ist schwierig, aber durchaus möglich, das eigene Schiff als letzte Möglichkeit in die Luft zu jagen. Dazu muss der Technik-Offizier eine Sequenz bestimmter Dinge tun, die zur Überhitzung des Reaktors führen. Eines der beiden Schiffe, böse am verlieren, versuchte so, das andere Schiff mitzureißen. Es wäre sogar beinahe gelungen. Nachdem es viel Geschrei im einen und Grabesstille im anderen Raum gegeben hatte, war nur noch ein Schiff in der Simulation aktiv. Dieses war aber, wie ein Blick auf den Schirm des Technik-Chiefs zeigte, nur noch ein treibendes Wrack. Für das neu gespawnte Schiff der anderen war es so leichte Beute – die suizidale Attacke hatte sich gelohnt, der Punktestand bliebt ausgeglichen.

Ich könnte jetzt ins Schwärmen geraten und von Abenteuern erzählen, die ich in den seltenen aber denkwürdigen Artemis-Runden der letzten Jahre erlebt habe. Das lang gestreckte Duell mit einem NPC-Tarnschiff, das an Spannung an die besten Raumschiffkämpfe in Star Trek VI heranreichte – während sich ein ganzer Sektor feindlicher Schiffe der höchsten Schwierigkeitsstufe immer enger um uns zusammenzog. Der Kampf Schiff gegen Schiff, den wir für uns entschieden, als wir per Sprungantrieb hinter den Gegner sprangen und seine Heimatbasis mit einem Atomschlag vernichteten – woraufhin die andere Crew, in einer anderen Wohnung gemeinsam spielend, meuterte und gegen ihren Captain aufbegehrte.

Fazit

Der starke menschliche Faktor und die Kommunikation mit Leuten im Raum machen Artemis meist zu einem sehr immersiven Erlebnis. Dank Hauptschirm und eigenen Konsolen bringt das Spiel mehr Interaktion mit der Umwelt, als ein normaler LARP, bietet aber gleichzeitig auch weit mehr Rollenspiel und persönliches Engagement als ein LAN-Spiel. Der Captain wird nervös auf und ab tigern und Leuten über die Schulter kucken und auf Dinge zeigen, die beschossen oder gescannt werden sollen.

Normalerweise gehört unter einen Con-Bericht keine Kaufempfehlung aber hier kommt eine: Für jeden, der immer schon einmal „Auf den Schirm!“, „Schadensbericht!“ oder „Atomschlag!“ rufen wollte, ist der Artemis Spaceship Bridge Simulator ein klarer Pflichtkauf.

Marten Zabel

Marten Zabel

Bewertet Dich anhand Deiner Spiele, Serien und Rechtschreibung, wenn er nicht gerade selbst Spiele designt oder von größeren Dingen träumt.
Hauptthemen: Pen & Paper, Games, Brettspiele

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