Laufbahn eines Rollenspielers: Atmo


Das wichtigste am Rollenspiel ist die Atmosphäre. Man sollte keine Mittel und Mühen scheuen um zur richtigen Stimmung beizutragen. Oder spielt die Atmosphäre doch keine so große Rolle?

„Ich mache die Tür zu, damit euch die Katze nicht stört“, war die Stimme noch zu vernehmen. Dann klackte es im Schloss und die schwere Stahltür war zu.
„Hat sie gerade wirklich die Tür abgeschlossen?“, fragte Kevin und versuchte seinen Hintern in sichere Entfernung zum Nagel zu bringen, der aus der Kiste ragte, auf der er saß.
„Ja, wegen der Katze“, meinte Björn und suchte im flackernden Licht der Leuchtstoffröhre nach der richtigen Regelstelle.
„Ich meine nur. Es ist eine Katze. Wie soll sie in der Lage sein eine Stahltür zu öffnen?“
„Sie ist sehr findig.“
„Das selbe hast du über deine Oma gesagt.“
„Zählt für jedes Familienmitglied.“
„Gruselig ist das Wort“, Linda schauderte.
„Oma Astrid ist eine ganz liebenswürdige Frau.“

Björn winkte ab und und blätterte im Cthulhu-Regelwerk. Währenddessen sahen sich Linda und Kevin im Keller um. Er wirkte irgendwie falsch. Das mochte an den vielen Einmachgläsern liegen, die auf hohen Regalen in Reih und Glied standen und deren Inhalt das flackernde Licht seltsame Formen verlieh. Eine uralte Waschmaschine stand in einer Ecke, während eine Seite des Kellers durch aufgehängte Wäsche verdeckt wurde. Kevin vermutete, dass dahinter noch mehr Gläser und Regale standen. Die alte Frau war emsig gewesen und hatte so ziemlich alles eingemacht, was man einmachen konnte. Pflaumen, Kirschen, Augen, Erdbeeren…

„Was ist das da?“, Kevin zeigte auf das Glas mit den Augen.
„Eingelegte Trauben“, sagte Björn in einem genervten Tonfall.
„Warum sollte jemand Trauben einlegen?“, Kevins Stimme klang zweifelnd.
Was immer das auf dem Regal auch war. Es sah nicht aus wie harmlose Weintrauben. 

„Das Grauen des Todes deines alten Freundes hat bei dir zu einer schweren psychischen Störung geführt“, führte Björn fort. Würfel klackern.
„Hallo, zweite Persönlichkeit“, Lindas Begeisterung hielt sich in Grenzen.
Ihr Charakter war wiederholt Opfer traumatischer Erfahrungen geworden. Obwohl das bei dem Rollenspiel Ctulhu völlig normal war, fand sie, dass Kevin auch einmal seinen Teil abbekam.

„Das Grauen dieses Ortes könnte noch zu ganz anderen Dingen führen,“ sagte Kevin.
Er war nicht ganz bei der Sache und so langsam erschloss sich ihm der Gedanke, warum Mark immer davor gewarnt hatte ein Abenteuer von Björn leiten zu lassen. Dabei war alles so harmlos losgegangen. Zuerst hatten sie bei Kevin gespielt, bis Björn darauf hinwies, dass sich der Ort kaum für die richtige Stimmung eignete und er einen Besseren wüsste. Linda und Kevin waren mit dem Hinweis einverstanden gewesen, dass es in Ordnung sei – so lange Björn den nächsten Spieleabend nicht in einem alten Schlachthaus oder der Kühlkammer des Uniklinikums stattfinden lassen würde. Stattdessen hatte er sie zu seiner Oma eingeladen mit den Worten: „Sie ist eine alte Frau in einer sehr alten Wohnung und bei ihr wird es viel leichter sein, sich in diese Zeit zurück zu denken. Sie könnte in meinem Szenario groß geworden sein.“

Das stimmte. Die Frau wirkte so alt (sogar ihre Falten hatten Falten), dass auch 2000 vor Christi ein angemessener Zeitraum für das Szenario gewesen wäre und nicht 1920. Aber diesen Gedanken schluckte Kevin lieber herunter. Ihre Wohnung war ein Sammelsurium an abgelaufener technischer Finesse. Ein uralter Fernseher in der Stube, ein Telefon mit Wählscheibe im Flur und nicht zuletzt der Vitrinenschrank. Das Möbelstück mit geschnitzten Teufelsköpfen an den Seiten und vergilbten Büchern und Bildern im inneren strahlte eine fast spürbare Aura aus. Es roch nach Alter, Verfall und Flieder und eine bösartige Katze unter dem Wohnzimmertisch bohrte ab und an ihre Krallen in die Füße der drei Spieler. „Das ist meine alte Trudi. Sie will nur spielen“, hatte Oma Astrid da gesagt. Kevin war sich nicht so sicher.

Er war sich nicht einmal sicher darüber, ob sich wirklich eine Katze unter dem Tisch befand oder irgendetwas anderes. Denn die Tischdecke mit ihrem Blumenmuster (die eine frappierende Ähnlichkeit mit menschlichen Schädeln hatten) verdeckte die Sicht auf das Tier, dessen Krallen manchmal über den Stoff des Sofas fuhren und die überall im Haus Spuren hinterlassen hatten. Etwas zu große Spuren, für seinen Geschmack.

Zuerst hatten sie das Szenario in der Stube weiter geführt. Eine vermutlich viktorianische Pendeluhr zerschnitt die Sekunden, während Björn die Gruppe von einem Übel ins nächste führte und die geistige Gesundheit der Charaktere langsam aber sicher negative Bereiche erreichte. Zombies, Ghule und Hexen waren aber nicht halb so schlimm wie der starrende Blick von Oma Astrid, die währenddessen auf ihrem Schaukelstuhl in der Stube saß.

„Sie hört und sieht nicht mehr gut und manchmal schläft sie mit offenen Augen, aber sie hat ganz gerne Gesellschaft“, hatte Björn dazu gesagt und weder Linda noch Kevin wollten Einwände erheben.

Als dann der dunkle Kultist im Szenario seine Stimme erhob und Björn schrie: „Cthulhu, ley, ftagn!“, und Oma Astrid erwiderte: “Das habe ich früher auch gemacht.”, durchlief ein Schaudern Kevins ganzen Körper.
„Was hat sie gemacht?“
„Theater gespielt. Ich habe ihr erklärt, dass Rollenspiel ein bisschen wie Theater ist und das hat sie gemeint“, warf Björn ein.
„Ihr macht das aber nicht ganz richtig“, sagte Oma Astrid.
„Findest du nicht, dass es hier ganz schön heiß ist?“, fragte Kevin und Linda nickte eifrig.
Es war sehr warm draußen (und der Vorwand gerade sehr angenehm). Trotz der Hitze trug die alte Frau einen dicken Schal und einen Mantel, während ihr durchdringender Blick die drei Spieler traf.
„Wir können ja in den Keller gehen”, brachte Björn ein. “Da ist es immer kühl und er ist sehr gut für die Atmo.”

So waren sie also dort gelandet. Auf einem Friedhof für eingelegtes Obst und andere Dinge, über die Kevin nicht so genau nachdenken wollte. Das Licht flackerte wieder.
„Gibt es eigentlich so etwas wie eingelegte Walnüsse? Es kann ja sein, dass die Wasser ziehen und dann so aufgedunsen aussehen.“
Die Frage von Linda schwebte im Raum und alle sahen in die Richtung, in die sie zeigte.
„Ich bin mir nicht sicher“, meinte Björn ein wenig zaghaft, als er ihrem Blick folgte.
Oben warf sich etwas schwer gegen die Tür.
„Trudi, die wollen gerade nicht spielen.“
Das Schloß klackte.
„Meinst du die Katze kann Schlösser öffnen?“
„Ich bin mir nicht einmal sicher ob es wirklich eine Katze ist.“
„Ihr beiden reagiert über“, warf Björn ein und trotzdem fehlte seiner Stimme die Überzeugung.

Oma Astrid wackelte die Treppe herunter und legte ein altes Buch auf den Tisch. Es war dick und schwer. Der lederne Einband sah irgendwie seltsam aus.
Der Einband war aus Leder. Ganz klar. Vermutlich die Haut irgendeines Tieres. Jedenfalls musste das doch so sein. Vermutlich ein seltenes. Es konnte schließlich nicht sein…
„So, damit macht ihr das richtig“, sagte sie, schenkte jeden im Raum ein Lächeln und ging wieder hoch.

Panik griff um sich.

 

In meinen Jahren als Spielleiter und Spieler habe ich gelernt, das Element der Atmosphäre niemals zu unterschätzen. Manchmal sind es kleine Dinge die für die richtige Stimmung sorgen können. Ein Klimperbeutel mit schönen Münzen zum Anfassen, eine alte Karte oder vergilbtes Papier können da schon viel ausmachen. Andere wiederum bevorzugen ein ganzes Programm, um ihre Spieler zu begeistern, angefangen beim richtigen Ort. Man kann es natürlich auch übertreiben. Wie sieht das bei euch aus? Was braucht ihr, damit in der Runde die richtige Stimmung aufkommt?

Lukas Kebel

Lukas Kebel

Hat sich schon in früher Kindheit mit Rollenspiel infiziert und gilt als Überträger der Stufe 12. Sammelt nun EP in der Prestigeklasse Artikelknecht.
Hauptthemen: Pen&Paper, Games

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  • Sehr schöner und abstruser Beitrag. Solche Geschichten kann eigentlich nur das Leben schreiben.

    Atmosphäre kann man mit allen Mitteln erschaffen. Wirklich gelingen kann dies aber nur, wenn die Spieler sich darauf einlassen.