Auftakt zur Reise durch das Cyber-Dungeon


„Vielleicht auf der Erde. Vielleicht in der Zukunft.“ Mit diesem Zitat beginnt (zumindest in der deutschen Version) die äußerst faszinierende dystopische Manga-Reihe Blame! aus der Feder von Tsutomu Nihei. Der erste Band erschien im Original 1998 und in der deutschen Ausgabe im Jahr 2001. Kaum eine Science Fiction-Erzählung ist so gut gealtert, wie diese – lasst mich erklären, warum. Fangen wir an mit Blame! Band 1: Die Suche von Killy dem Forscher beginnt.

Vorweg: Ich werde die insgesamt zehn Bände einzeln vorstellen, während ich die Reihe erneut lese. Da es sich um eine nicht mehr neu erhältliche Bücherserie handelt, die mehr als ein Jahrzehnt alt ist, werde ich jeweils in der zweiten Hälfte (nach einer deutlichen Warnung) mit Spoilern um mich werfen. Dies ist vor allem deshalb notwendig, weil ich das World Building und die implizierten Hintergründe der Geschichte äußerst faszinierend finde. Folgt mir auf eine Reise in eine der düstersten Zukunftsvisionen, die ich kenne.

Die wild wuchernde Megastruktur – Piranesis Carceri lassen grüßen. (c) 2001 Feest Manga

Die wild wuchernde Megastruktur – Piranesis Carceri lassen grüßen. (c) 2001 Feest Manga

Mangaka Nihei war einst Architekt und dies wird bereits im ersten Kapitel, LOG. 1, offensichtlich. Ein ungleiches Paar wandert über unmögliche Brücken durch eine riesige, offenbar künstliche Struktur aus Maschinerie, Architektur, Treppen und Versorgungswegen. Ein Mann, Killy, und ein namenloser Junge, den er scheinbar eskortiert. Wohin und zu welchem Zweck, das kann der Leser nach dem ersten Band nur vermuten, denn Killy scheitert bereits auf den ersten drei Dutzend Seiten das erste Mal.

Die Szenerie ist gotisch, gigantomanisch und düster. Es gibt keinen Himmel, wohl aber Gebäudeteile, riesige Statuen und Pfade über gigantische Abgründe. Killy ist ein recht stiller Protagonist – die wenigen anderen Charaktere, denen er in dieser entvölkerten Welt begegnet, übernehmen den Großteil der Konversationen.

Es ist von vornherein klar, dass der Held der Geschichte nicht nur eine Mission hat, welcher er störrisch folgt, sondern schon lange vergessen hat, warum er eigentlich tut, was er tut. Soviel sei hier gesagt: Die Welt ist ein Computer – und die Menschheit hat die Admin-Rechte verloren. Killys Mission ist es, dies zu ändern.

Fazit

Der erste Band der Reihe zeigt nicht nur die düstere und fast menschenleere Welt, in der Blame! spielt, er führt in vier unabhängigen Abenteuern des Protagonisten Killy auch gleich die meisten wichtigen Fraktionen ein, welche im Verlauf der Geschichte noch eine Rolle spielen werden. Dabei geizt Nihei allerdings durchweg mit Informationen, weshalb sich das meiste erst einmal für den Leser nicht erschließt. Was dem Einsteiger bei Blame! also bleibt, sind gut in Szene gesetzte Kampfparts und eine Welt, die aussieht, als hätten Piranesi, H. R. Giger und ein zentralsowjetisches Planungskommitee für Betonbauwerke sie erschaffen.

Wer intelligenten postapokalyptischen Cyberpunk mit einer gut durchdachten Hintergrundgeschichte mag, sollte allerdings durchhalten: Im Verlauf seiner zehn Bände, eines Prequels und zwei Folgegeschichten, spinnt Nihei mit Blame! ein äußerst überzeugendes Gesamtwerk. Von mir daher eine klare Kaufempfehlung – auch für Manga-Skeptiker (wie mich).

ACHTUNG: AB HIER HAGELT ES SPOILER!

Im späteren Verlauf der Reihe wird klar, dass Blame! auf einer wild wuchernden Dyson-Sphäre spielt. Vor vielen Jahrtausenden haben die Menschen die Kontrolle über diese sich selbst erweiternde Schöpfung verloren: Eine Mutation hat die Netzwerk-Gene aus dem menschlichen Erbgut gelöscht und Homo Sapiens hat nun keine Administrator-Rechte mehr für das System. Dieses ist nicht nur ein von Robotern ständig und auf chaotische Weise erweiterter Lebensraum, sondern auch ein riesiges Computersystem, daher der Name Netzwerk-Sphäre.

Da innerhalb des Systems ein virtuelles Abbild der Realität mitläuft und sich Masse frei verändern lässt, können Dinge aus der virtuellen Realität in die fundamentale Realität heruntergeladen werden – und umgekehrt. Dieser Umstand sorgt für einige interessante Situationen, die allerdings im ersten Band auf die Erschaffung von praktisch unbegrenzten Monstern beschränkt sind.

Die Welt von Blame! ist eine, in der die Regel vom ständigen exponentiellen Wachstum angewendet ist – ohne jede Kontrolle oder ein höheres Ziel. Die Netzwerksphäre erweitert sich ständig selbst und dient dabei offenbar niemandem – die wenigen übrigen Menschen leben wie Kakerlaken in Nischen versteckt. Während die vom System erschaffenen Antivirus-Einheiten nach allem jagen, was keine Netzwerk-Gene hat (also de facto jedes Lebewesen), sucht Killy nach eben diesem Schlüssel, um der Welt wieder Ordnung und Zweck zu bringen.

Killy ist auf der Suche nach Menschen, die über unmutierte Netzwerk-Gene verfügen. In wessen Auftrag? Vermutlich hat er dies bereits selber vergessen. Auch wer sein mysteriöser Kollege mit dem Hund ist, der die Leiche des Jungen vom Anfang in Empfang nimmt und dessen DNA irgendwohin schickt, wird nie geklärt. Im Prequel der Reihe taucht er in der Zeit, in der die Welt noch geordnet war, als Polizist auf. Ob es sich bei diesem Killy um dieselbe Person handelt, ist allerdings nicht klar: Auch andere Menschen wurden schon als Schutzwehr-Einheiten wiederbelebt.

Ein stiller Held, der diese Bezeichnung verdient

Killys Stimmung ist so düster wie die Welt, die er durchstreift. (c) 2001 Feest Manga

Killys Stimmung ist so düster wie die Welt, die er durchstreift. (c) 2001 Feest Manga

Was ich an Killy mag, ist, dass er zwar der Silent Loner ist, aber ganz selbstverständlich versucht, den Menschen (und der Begriff Mensch ist in Blame! sehr weit gefasst) zu helfen, die er auf seiner Reise trifft. Die Techno-Nomaden im ersten Band verdanken ihm die Zerstörung der Produktionsstätte ihrer Todfeinde und er versucht auch anderen Menschen zu helfen, wenngleich meist ohne dauerhaften Erfolg.

Er trägt den verletzten Überlebenden eines Angriffs in Richtung von dessen Sammelstelle und versucht, einen offenbar Verrückten dabei zu unterstützen, sein Zuhause vor dem Umbau durch die Baumaschinen der Netzwerksphäre zu retten.

Obwohl der Held der Geschichte nur wenig Worte verwendet und meist seine äußerst mächtige Waffe sprechen lässt, ist er definitiv einer der Guten. Wenn er etwas sagt, ist dies meist etwas wie “Habt Ihr Netzwerkgene?” – im Zweifelsfall tröstet er aber auch Sterbende oder provoziert die Siliziumleben, die scheinbar seit Jahrtausenden die Feinde der Menschheit sind. Dennoch wirkt er vor allem müde: Er führt dieses Leben, das fast nur aus Treppensteigen zu bestehen scheint, schon länger, als er sich erinnern kann – und das merkt ihr ihm auf vielen Bildern an.

Böse Bösewichte

Die Siliziumleben feiern in ihrer Freizeit bestimmt krasse Fetisch-Parties. (c) 2001 Feest Manga

Die Siliziumleben feiern in ihrer Freizeit bestimmt krasse Fetisch-Parties. (c) 2001 Feest Manga

Zwei wichtige Gruppen von Antagonisten werden im ersten Band eingeführt: Auf der einen Seite stehen die Regierungsbeamten, welche als Virenscanner der Netzwerksphäre alle illegalen Bewohner gnadenlos jagen und vernichten. Dazu gehören aufgrund der Abwesenheit von Netzwerk-Genen nicht nur alle Menschen, sondern auch die zweite Gruppe von Bösen, die Siliziumleben.

Diese sind allerdings deutlich wehrhafter als Menschen – und vermutlich die größten Goths der Postsingularität. Mit ihnen steht Killy von vornherein auf Kriegsfuß: Ohne zu zögern, vernichtet er eine ihrer Embryonenfabriken, als er sie findet.

Während die Regierungsbeamten als gesichtslose Menge von Puppenkörpern im ersten Band noch keinerlei Persönlichkeit mitbringen und so als Repräsentation des allumfassenden Computersystems Netzwerksphäre agieren, sind die Siliziumleben definitiv Individualisten. Sie sehen radikal verschieden aus, sind klar als männlich und weiblich zu unterscheiden, zeigen Emotionen und persönliche Verhältnisse zueinander. Sie sind die tatsächlichen Nutznießer des unkontrollierten Wachstums der Welt – und sind brillant inszenierte Gegner für Killy, die jede Menge Charakter mitbringen.

Blame! ist eine sehr finstere Dystopie, in der Menschen nur noch als Schädlinge in einer von ihnen erschaffenen Maschine überleben. Erinnerungen an eine Zeit davor gibt es nicht mehr und die praktisch unendlich große Dysonsphäre ist nahezu ohne Leben. Digitale und physische Realität sind dabei ebenso austauschbar, wie Cyborgs, Menschen, posthumane Wesen und virtuelle Konstrukte.

Dennoch, und das dürfte der Grund sein, warum dieses Werk aus der Masse der Mangas heraussticht, gibt es Hoffnung: Schafft Killy es, mit Netzwerk-Genen Zugang zum System zu erlangen, lässt sich theoretisch jeder entstandene Schaden rückgängig machen. Es gibt offenbar Backups von so ziemlich allem, was innerhalb der Netzwerksphäre existiert und geschieht. Auch der Tod ist damit eigentlich bedeutungslos. Und das macht den großen Unterschied aus.

Marten Zabel

Marten Zabel

Bewertet Dich anhand Deiner Spiele, Serien und Rechtschreibung, wenn er nicht gerade selbst Spiele designt oder von größeren Dingen träumt.
Hauptthemen: Pen & Paper, Games, Brettspiele

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