Ein Bildband über Westeros


Bereits kurz vor dem Besuch von George R. R. Martin lies mir der Verlag Penhaligon ein Rezensionsexemplar des Werkes Westeros von George R. R. Martin, Elio M. García Jr. und Linda Antonsson zukommen. Hier nun meine Meinung zu diesem recht beeindruckenden Wälzer.

Der erste Blick schindet tatsächlich eine Menge Eindruck: In etwas mehr als A4-Format stecken über 300 Seiten bunt bedrucktes, kräftiges Papier und das Cover hat Details in Hochglanzdruck, die sich schön vom Untergrund abheben. Vor allem für den Preis von gerade einmal 30 Euro bekommt Ihr hier eine Menge physische Qualität für Euer Geld. Aber das Wichtigste an einem Buch ist gemeinhin der Inhalt.

Die eigentliche Autorenschaft von Westeros ist ein wenig unklar. Dies mag Marketing-Gründe haben und legt die Vermutung nahe, dass García und Antonsson den Löwenanteil der Schreibarbeit gemacht haben und Martin das Ganze dann abgenickt hat. Die deutsche Übersetzung stammt von Andreas Helweg, der auch schon einen Großteil des Lieds von Eis und Feuer ins Deutsche übertragen hat – entsprechend mag die deutsche Fassung näher an der Sprache der Romanreihe sein, als es im englischen Original der Fall ist.

Ein Quellenbuch für die nächste Kampagne

Das Westeros-Buch ist eine Mischung aus Geschichtsbuch und Geografieband und bietet einen breiten Einblick in die Vorgeschichte der Welt, ihre Geografie und einen kleinen Abriss der verschiedenen Völker, die sie bewohnen. Der Aufbau erinnert mich stark an Quellenbücher für Rollenspiele: Nach einem Vorwort folgt die Geschichte der Welt (bis König Tommen Baratheon), dann Beschreibungen der Königslande und des Rests von Westeros, danach ein Abschnitt über Länder jenseits des Kontinents und schließlich die von Tolkien so geliebten Familienstammbäume der wichtigsten Häuser. Gekrönt wird das Ganze von einem Stichwortverzeichnis, das durchaus nützlich ist und mehr Organisiertheit zeigt, als so manches Rollenspielbuch.

Der Geschichtsteil von Westeros ist auf jeden Fall sehr spannend. Die Abschnitte über die Zeit vor den Menschen sind ebenso interessant, wie die späteren Konflikte innerhalb der Herrschaftszeiten der Targaryens. Dass in Westeros dereinst Drachen gegen Drachen gekämpft haben, war Lesern der Bücher und Zuschauern der Serie bereits bekannt – dass dabei auch einige Reiter aus dem gemeinen Volk auf den riesigen Echsen saßen (Drachen sterben im Kampf seltener als die zerbrechlichen Menschen auf ihrem Rücken), lädt zu Träumen und Spekulation ein.

Während mich die Geschichten und Geografien der einzelnen Regionen von Westeros weniger interessierten, haftet den spärlichen Informationen von Jenseits des Meeres der Duft des Abenteuers an. Asshai im Schatten, die Ruinen von Valyria und das ferne Reich Yi Ti sind fantastische Orte, die in diesem Werk erstmals so etwas wie ein Gesicht erhalten.

Westeros ist aus der Perspektive eines Maesters innerhalb der Welt des Lieds von Eis und Feuer geschrieben. Dies ist nicht nur dahingehend clever, dass es trotz seiner Natur als Geschichts- und Geografiebuch eine gewisse Immersion mitbringt, sondern entschuldigt auch sämtliche Ungenauigkeiten, Ungereimtheiten und kleineren Fehler. Tatsächlich verweist der fiktive Autor des Buches gerne auf widersprüchliche Aussagen verschiedener Gelehrter und gibt auch ab und zu seine eigene Meinung hinzu, dass etwa das eine oder andere fantastische Ereignis eine ganz natürliche Erklärung gehabt haben mochte. Ob dies gefällt oder nicht, mag Geschmackssache sein – ich habe es genossen, da es auch Schlüsse auf das akademische Leben und die Diskurse der Maester zulässt.

Ein Bildband?

Auf Amazon wird Westeros als Bildband geführt, was etwas irreführend sein mag. Zwar beeindruckt das Buch mit einer dreistelligen Zahl teils sehr schöner Bilder von insgesamt 27 unterschiedlichen Künstlern, der Schwerpunkt liegt aber dennoch deutlich auf Text und einigen Tabellen. Da die Zeichnungen von verschiedenen Schöpfern stammen, sind sie jeweils Geschmackssache. Einige sind nach meinem Empfinden etwas übertrieben in der Fantastik ihrer Bauwerke, andere wiederum gefallen mir sehr, da sie interessante Orte und Szenen visuell darstellen, die in den Romanen nur angerissen wurden.

Die Zeichnungen folgen allesamt eindeutig den Beschreibungen aus den Romanen der Feuer und Eis-Serie, als es die Fernsehserie Game of Thrones tut. Dies fällt vor allem bei Dingen wie dem (riesigen) eisernen Thron oder dem Aussehen der Targaryens auf, die ja einer ethnischen Gruppe angehören, die es in der richtigen Welt nicht gibt. Sehr schön anzusehen sind auch die Landkarten, unter denen sich sogar ein Ausschnitt eines Stadtplans von Braavos befindet. Ohne Skalierung ist es natürlich schwer, die Distanzen und Größenverhältnisse abzuschätzen, Karten der einzelnen Provinzen der sieben Königreiche dürften aber jedem Fan von Büchern oder Serie gefallen.

Fazit

Westeros ist ein schöner Band mit vielen hübschen Illustrationen und einer Menge interessanter Informationen. In Kombination mit einem ziemlich überzeugenden Preis-/Leistungsverhältnis ist dieses Buch für all diejenigen ein Pflichtkauf, die mehr Westeros haben wollen oder in Werken von Tolkien und Herbert stundenlang durch Glossar und Anhang geschmökert haben. Für Fans der Fernsehserie oder der Buchreihe spreche ich allerdings nur eine Kaufempfehlung aus – wenn Historie und World-Building nicht das sind, was Ihr am Werk von Martin genießt, dürfte das vorliegende Werk Euch keinen echten Mehrwert bieten.

Westeros: Die Welt von Eis und Feuer – GAME OF THRONES – [Bildband]

Price: EUR 29,99

4.7 von 5 Sternen (117 customer reviews)

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Marten Zabel

Marten Zabel

Bewertet Dich anhand Deiner Spiele, Serien und Rechtschreibung, wenn er nicht gerade selbst Spiele designt oder von größeren Dingen träumt.
Hauptthemen: Pen & Paper, Games, Brettspiele

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