Laufbahn eines Rollenspieler: Würfelkarma


Rollenspieler sind zum Teil ein ziemlich esoterisches Völkchen. Obwohl das durchschnittliche Mitglied dieser Spezies als ziemlich aufgeklärt gelten mag, ändert sich das in dem Moment, wo es um die Substanz geht, also um die Würfel. Die Würfel eines Rollenspieler sind heilig. Basta. Wer das nicht glaubt, wird ganz schnell Opfer einer Frau namens Karma.

Es war der dunkelste Tag und es regnete in Strömen. Der Regen war wie ein Vorhang, der die Realität in zwei Seiten aufteilte: Die trockene Vergangenheit und die durchnässte Zukunft, die sich schon längst nicht mehr daran erinnern konnte, dass es jemals anders gewesen war.

„Das hört sich irgendwie falsch an“, brachte Mark seinen Einwand vor. „Also in meiner Erinnerung gab es keinen Regen. War das nicht ein wunderschöner Sommertag?“

„Ich werde doch wohl noch wissen, wie es gewesen ist. Schließlich geht es hier um meinen Charakter“, sagte Björn. „Wo war ich stehen geblieben?“

„Bei der Zukunft mit den Gedächtnisproblemen.“

Nach dem harten Kampf, den sich Alantir mit einem der größten Übel der Drachenbrut geliefert hatte, kam er endlich zurück in den Ort, den er von tiefsten Herzen Heimat nannte. Vor langer Zeit hatte man ihn ausgestoßen, da er als halbvampirisches Feenwesen nicht mehr als Angehöriger des noblen Elfenvolkes angesehen wurde. Mit Fackeln und Mistgabeln hatte man ihn verjagt und obschon er all seine Häscher mit einem Streich hätte erledigen können, entschied sich der im Herzen noble Alantir für ein Leben im Exil. Seine magischen Klingen sollte nicht das Blut seines Volkes kosten…

„Hat Alantir in seinem Leben als Abenteurer nicht zahlreiche Elfen umgebracht? Also irgendwie hat er sich nicht so ganz an seinen Vorsatz gehalten“, warf nun Kevin ein, während er zwischen dem Neuling der Gruppe und Björn hin und her sah.

„Ja, aber das waren bösartige Individuen und diese Aussage bezog sich auch auf die Bewohner seines Heimatdorfes und nicht auf das ganze Elfenvolk.“

„Was war mit dem wütenden Mob?“

„Den hat Alantir erst nach Verlassen der Landesgrenze erledigt. Dadurch gehörten diese „bösartigen“ Elfen im Prinzip nicht mehr dazu und ich wäre dir außerdem Dankbar wenn du mich zu Ende reden lässt.“

Björn schaute belehrend zu Markus und hob einen Zeigefinger: „Also, was ich dir sagen wollte…“

wenn die Würfel nicht so fallen wie sie sollen- Card Hunter

Wenn die Würfel nicht so fallen wie sie sollen, gehts ganz schnell um Kopf und Kragen – Card Hunter

Das Dorf lag seltsam verlassen vor ihm. Vielleicht hatten sich die Dorfbewohner in ihre Hütten zurückgezogen, um den Regen abzuwarten – und doch verzagte Alantirs Herz ein wenig, als er den Ort so trist und leblos vor sich liegen sah. Neben ihm trottete nur sein neuer Knappe herum. Ein einfältiger Bursche, dem der Regen ein wenig von seinem Gestank nahm und der seine tumben Augen auf etwas in der Ferne richtete. „Bursche, folge mir. Wir bringen die Pferde zum Stall und fragen in der Taverne nach dem Rechten, bevor der Regen durch meine magische Gewandung dringt.“ Der namenlose Knappe wankte voran, da er wohl auf der Reise zu oft aus seinem speziellen Trinkschlauch getrunken hatte. Alantir sah keine Zukunft für den Burschen, doch in diesen Tagen konnte man nicht wählerisch sein.

Schließlich erreichten sie den Stall, ein Gebäude mit einem simplen Strohdach, dessen Mittelgang nach außen hin offen war. Von einem Stallburschen fehlte jede Spur. Alantir seufzte und beugte sich zu seinem Gefährten herunter: „Hilf mir, abzusteigen, dann bring das Pferd hinein und sattle es ab. Kümmere dich auch sonst um alles und vergiss das striegeln nicht und weh dir, wenn das edle Ross nicht ordentlich Futter hat.“ Der Kerl nickte wieder und machte sich an Alantirs stiefeln zu schaffen. Dabei stellte er sich so ungeschickt an, dass er sich in den Schnüren verhedderte und am Steigbügel hängen blieb. Auf diesen Moment hatten die finsteren Angreifer gewartet, die aus der Dunkelheit des Stalles traten, um Rache an Alantir zu üben. Rache, weil er ihren drakonischen Herren auf dem Gewissen hatte. Alantirs überlegener Gefahrensinn erkannte die Situation sofort und er versuchte mit einer Hand nach dem Schwert zu greifen und sich mit der anderen aus dem Wirrwarr zu lösen, dass sein unfähiger Gefährte verursacht hatte. Dieser jedoch verwickelte sich immer stärker zwischen Stiefel und Steigbügel und versuchte, sich mit einem Sprung nach hinten zu retten, was in dem Moment geschah, als Alantir sein Schwert zu fassen bekam. Jenes fiel ihm durch den plötzlichen Ruck aus der Hand und er selbst rutschte vom Pferd und landete unsanft auf dem Boden.

Sein linker Arm war durch den Sturz taub geworden, und mit dem Rechten erwährte er sich der dutzend Angreifer, die ihre Klingen auf ihn niedersausen ließen. Obwohl seine eiserne Faust einen hohen Tribut forderte und so manches Genick brach, ging er schließlich unter den stetigen Schlägen der Angreifer zu Grunde. Das alles war die Schuld eines einzigen Mannes, eines unfähigen Mannes, eines würfelvergessenden, idiotischen…

„Moment. Jetzt wirst du aber wirklich ungerecht. Zum einen hatte Toms Charakter einen Namen, auch wenn ich mich gerade nicht an ihn erinnern kann, zum anderen war es doch ein Versehen“, beschwichtigte Mark.

„Ein Versehen?“, bellte Björn. „Der hat ungefragt meine Würfel benutzt und sie dadurch entweiht und sein mieses Karma darauf übertragen.“

„Hey, ich erinnere mich. War es nicht so, dass Alantir einfach nur vom Pferd gefallen ist und sich das Genick gebrochen hat? Da waren doch überhaupt keine Angreifer.“

„Ja, aber wäre mein Karma noch aktiv gewesen, dann hätten da Angreifer sein müssen. Ich rücke nur die Geschichte richtig. Also was ich dir damit sagen möchte: Anfänger, fass niemals meine Würfel an!“

„Fass nie seine Würfel an.“

„Tu das nicht, das ist es nicht wert. Er schreit sonst und heult, wenn er die Probe verpatzt. Außerdem lässt er dich verdammt dumm dastehen, wenn er die Geschichte später wiederholt“, legte Mark noch drauf und grinste fies. „Was ist eigentlich aus den Würfeln geworden?“

„Deren Karma war hinüber. Ich habe sie an ein paar Rollenspielanfänger verschenkt.“

„Der ewige Kreis.“

„Glaubst du nicht, dass das irgendwann wieder auf dich zurück fällt?“, fragte Kevin.

„Blödsinn, das wäre doch absoluter Humbug.“

Ja, ist das bloß Humbug, oder gibt es das Würfelkarma wirklich? Vielleicht kennt ihr ja die ein oder andere Situation, die anders nicht zu erklären wäre.

Lukas Kebel

Lukas Kebel

Hat sich schon in früher Kindheit mit Rollenspiel infiziert und gilt als Überträger der Stufe 12. Sammelt nun EP in der Prestigeklasse Artikelknecht.
Hauptthemen: Pen&Paper, Games

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