Tipps für Spieler Teil 1: Wie finde ich den passenden Charakter?


Nachdem Marten den Spielleitern unter Euch bereits einige Tipps gegeben und  Thomas einen Leitfaden für One Shots und Kampagnen geliefert hat, wollen Felix und Thomas nun gemeinsam ein wenig den Spielern mit Rat und Tat zur Seite stehen. Und zwar jeder auf seine Weise. Wir beginnen mit der…

Erstellung eines Charakters

Jeder hat eine andere Herangehensweise an die Charaktererstellung. Manche suchen sich die Charaktere nach ihren Spezialisierungen und besonderen Fähigkeiten aus. Andere nach dem, was der Spielleiter ihnen vorschlägt, und wieder andere stellen sich ihren Charakter so zusammen, wie sie ihn gerne hätten. Wir hoffen, dass wir euch für eine künftige Charaktererstellung hiermit ein paar neue Sichtweisen geben können.

In den kommenden Wochen schlüsseln wir verschiedene Stationen auf, geben euch danach Beispielcharaktere und eröffnen, woher die Ideen für diese kommen und warum wir sie wie aufbauen würden. An Inspiration soll es euch also nicht mangeln.

Wir nehmen in dieser Reihe beide die “extremen” Positionen ein. Dazwischen gibt es ganz viel Platz für weniger strikte beziehungsweise eindeutig zuzuordnende Versionen, die vermutlich meist noch sinnvoller sind, als das was wir schreiben. Alles in allem müsst ihr glücklich mit eurem Charakter sein und nicht irgendein Autor von NonPlayableCharacters.

Die Grundidee: Über die Findung des passenden Charakters

Thomas: Ein Charakter passend zum Charakter

Die Grundidee für einen Spielercharakter sollte den Vorstellungen und dem Charakter des Spielers entsprechen. Ihr kennt das mit Sicherheit auch, wenn der kleine zierliche und schüchterne Spieler unbedingt einen großen starken Barbaren spielen will, obwohl vielleicht ein Halbling-Dieb viel besser zu ihm passen würde? Jetzt könnt Ihr sagen: “Im LARP kann ich das nachvollziehen,…” – ich denke Ihr alle kennt die typischen LARP Elfendamen – ” …aber im Pen&Paper kann man doch spielen, was man will!”

Ja, das P&P-Rollenspiel ist dafür da, um die Dinge umzusetzen, die man sich wünscht. Aber nur weil man sich etwas wünscht und es bewundert, bedeutet dies noch lange nicht, dass man auch dazu in der Lage ist, dies am Tisch umzusetzen. Ja, ich habe schon viele Spieler(innen) erlebt, die diesen Bogen schlagen konnten. Aber trotz alledem waren die Charaktere, die eher ihrem eigenen Charakter entsprachen, überzeugender und tiefgehender, als jene die ihre Wunschvorstellungen beglückten.

Ich selber bin zum Beispiel kläglich daran gescheitert, einen Barbaren zu spielen, von denen laut Gruppe und Spielleiter ALLE ungestüm und unkontrollierbar sind. Streng genommen war er eigentlich eher ein Schurke beziehungsweise Waldläufer mit “Rage Feature” und besaß (sofern er sich nicht in Rage befand) eine höhere Intelligenz (ich kann einfach keinen dummen Charakter spielen) und Gewandtheit als Stärke und Konstitution. Schließlich habe ich – nach einer langen Diskussion, die beinahe unsere Freundschaft gefährdet hätte – auf einen “Urban Barbarian” gewechselt, der über eine “Controlled Rage” verfügte. Damit durfte ich dann zumindest so strategisch in einem Kampf vorgehen, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Dass das Regelwerk in der verwendeten Version dies auch einem normalen Barbaren zugesteht, war für die Gruppe unerheblich. Sie hatten eine genaue Vorstellung davon, wie sich ein Barbar in einem Kampf zu verhalten hat, und dies war ihnen wichtiger als die Regeln. Dass die Controlled Rage schwächer war, war mir in diesem Fall egal, denn ich durfte nun den Charakter so spielen, wie ich es für richtig hielt.

Das Beispiel zeigt vor allem, dass die Charakteridee und deren Umsetzung nicht allein von dem Spieler und den Regeln abhängen. Die ganze Gruppe ist davon betroffen, wenn sich ein Charakter anders verhält und agiert, als man es von ihm erwartet. Außerdem bestätigt es meiner Meinung nach die eingangs erwähnte These, dass man am besten einen Charakter spielen sollte, der zur eigenen Persönlichkeit passt.

Felix: Ein Charakter passend zu den Wünschen des Spielers

Meiner Meinung nach sollte ein jeder Spieler das spielen können, was er gerne möchte. Ich finde es gerade beim Rollenspiel spannend, in eine Rolle zu schlüpfen und etwas Neues auszuprobieren. Wenn ich ein halbsportlicher Typ sein will, der sich gerne weiterbildet und gefestigt ist in seiner sozialen Umgebung, dann muss ich kein Rollenspiel spielen. Das habe ich schon im wirklichen Leben.

Ich bin kein brutaler, verschrobener oder waghalsiger Typ. Aber genau so etwas im Rollenspiel mal auszuprobieren, macht besonders viel Spaß. Als Spieler kann man mit einem Charakter, der dem eigenen nicht zu ähnlich ist, besser einmal ausbrechen aus dem Alltag und vielleicht auch mal seine – verzeiht den Ausdruck – Arschlochseite raus lassen, die man im wirklichen Leben niemals zeigen würde.

Natürlich ist es deutlich schwieriger, einen Charakter darzustellen, der sich von einem selbst unterscheidet, und viele scheitern daran. Da muss ich Thomas recht geben. Ich liebe jedoch die Herausforderung. Einmal so sein, wie der imaginäre Held oder Schurke – das wäre es doch. Also probiert es aus!

Ich hatte kürzlich eine Spielrunde als Spielleiter, in der unter anderem ein Programmierer mitspielte. Da es sich um wenig erfahrene Spieler handelte, hatte ich ihnen eine Auswahl an vorgefertigten Charakteren mitgebracht, unter anderem auch einen Hacker. Den wollte er auf keinen Fall spielen, mit der Begründung: “Ich muss doch nicht spielen, was ich ohnehin schon bin”, und er hat sich einen Politiker und “Peoples-Man” ausgesucht. Und was soll ich sagen: Er hat ihn wirklich gut gespielt, sich in die Gruppe eingebracht und selbst das passende Verhalten gezeigt. “Experiment” geglückt.

Deshalb nun zum Abschluss von mir an euch den Aufruf: Traut euch mal, etwas anderes zu spielen. Lasst mal die Sau raus, seit mal ein Badass oder ein verschrobenes Genie, das es aber nicht so mit sozialem Verhalten hat. Ihr fordert nicht nur euch selbst heraus, sondern auch die Gruppe – und das nicht auf eine negative Art und Weise. Es macht mehr Spaß, etwas anderes auszuprobieren.

Zum Abschluss noch ein Tipp von mir an euch, wenn ihr euch zum ersten Mal an einen komplett neuen und anderen Charakter heranwagt: Macht kleine Schritte. Gebt ein bisschen von euch dazu oder greift auf bekannte Grundmuster zurück und biegt sie dann zurecht. Das macht es für euch am Anfang etwas leichter, falls ihr euch nicht sicher genug für den Sprung ins kalte Wasser fühlt.

Was erwartet euch noch?

Thomas und Felix werden euch in den kommenden Wochen noch weitere Ansätze mitgeben. Beim nächsten Teil geht es um die Art und Weise, wie Fähigkeiten und Attribute verteilt werden könnten. Anders gesagt: Allrounder oder Spezialist? Auf welcher Seite auch immer ihr euch befindet – oder vielleicht auch irgendwo dazwischen – beides hat Vor- und Nachteile. Aber mehr dazu in Teil Zwei.

Thomas Klöck

Thomas Klöck

Hat Pen & Paper mit der Muttermilch aufgesogen und mit sieben Jahren das erste Mal als "Game Master" fungiert. Zaubert aus Papier Drachen und Yodas.
Hauptthemen: Pen&Paper

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  • Athair

    Die SC, die ich am interessantesten fand, waren eigentlich nie anhand einer Wunschliste zusammengepuzzelt, sondern wurden als lebensechte Persönlichkeiten über Life-Path-Systeme oder differenzierte Auswürfel-Systeme geboren.

    Darum halte ich nicht besonders viel von fertig durchkonstruierten Charaktervorstellungen, die über ausladene Punkte-Kauf-Systeme nachgebaut werden sollen.

    • Du bist also lieber der zufällig Auswürfler? Finde ich grundsätzlich auch ganz schick, aber nicht immer. Das hängt von der Stimmung ab. Wobei man ja doch über kurz oder lang seinen Charakter entsprechend in eine Richtung schiebt, ob nun ausgewürfelt oder selbst erstellt.