Laufbahn eines Rollenspielers: Schicksalshelden


Es klang etwas hohl, als der Soldat erst auf die Knie ging und dann vornüber fiel. Eins konnte man Taumel lassen. Er mochte fett und ungelenk sein, aber er wusste wie man mit einem Bierkrug umging. Es kam alles auf die richtige Technik an und der Schlag kam so unerwartet und plötzlich, dass sein Opfer ihn nicht hatte kommen sehen. Taumel schüttete den schweren Krug über den reglosen Körper aus und grinste in sich hinein. „Da waren es nur noch elf.“

„11 schwer bewaffnete Männer des Königs und bei dem hier hattest du Dusel. Er hatte schon ordentlich einen intus, wofür übrigens ich gesorgt habe. (Danke, bitte.)“ Die Stimme stammte von Taumels Leib gewordenen Gewissen, welches sich nun schon seit fünf Jahren um die Schankstube kümmerte. Eine Halblingsfrau namens Tessa, die mit einem Besen besser umgehen konnte als ein Soldat mit seinem Schwert. Sie war klein, zäh und hatte Haare an den Füßen und auf den Zähnen, was Taumel jedoch niemals offen ausgesprochen hätte.

Taumel selbst suchte das eiligst gesammelte Reisegepäck zusammen und packte noch alles dazu, was ihm irgendwie nützlich vo kam. Er war ein Mann in den späten Vierzigern mit einem schlohweißen Haarkranz und einer Glatze auf der sich schon Schweiß bildete, wenn er in die Knie ging. Die meiste Zeit seines Lebens hatte er, so er sich erinnern konnte, hinter der Theke seiner kleinen Schankstube verbracht, um Bier auszuschenken und Geschichten zum Besten zu geben, die größtenteils nicht wahr waren, aber so unterhaltsam, dass nie Mangel an zahlender Kundschaft herrschte.

Er war nett, ließ anschreiben, hatte soeben einen Soldaten der königlichen Garde niedergeschlagen und war so zum neuesten Stachel des Widerstands geworden. Taumel hatte mit Politik noch nie viel am Hut gehabt. Er war weder besonders königstreu noch mit den Rebellen im Bunde, die sich auf Grund der Repressionen gegen die Landbevölkerung gebildet hatten. Bis heute hatte er geglaubt, er könnte neutral bleiben. Denn sowohl die Bauern, als auch die Soldaten waren durstige Leute und selbst wenn die Atmosphäre im Schankraum eisiger geworden sein mochte, so hatte es bei ihm nur selten offene Gewalt gegeben. Bis heute.

Als ein Großteil der tassilischen Rebellenbewegung am Morgen aufgegriffen worden war — es handelte sich bei ihnen um die Bewohner, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren, nämlich in Taumels Schankstube — gab jemand den Befehl, alle Widerstandsnester auszuräuchern, wozu neben der Kirche im Dorf auch die kleine Schankstube gezählt wurde. Als ein besonders diensteifriger Offizier nicht auf den Rest der Truppe warten wollte und Taumel den Vorschlag machte (mit gezogenem Schwert) seine eigene Taverne anzuzünden, machte etwas Klick in Taumels Kopf. Zusammen mit Tessa gelang es ihm, den „so tüchtigen Mann“ davon zu überzeugen, sein Schwert für einen Augenblick einzustecken und wenigstens die besten Getränke aus dem Bestand zu verköstigen, bevor er dann zur grausigen Tat schreiten würde. Bei der erstbesten Gelegenheit zog Taumel dem Soldaten mit einem besonders liebgewonnenen Bierkrug eins über.

Womit er eine sehr politische Entscheidung gefällt hatte. „Vielleicht“, murmelte er, „vielleicht können wir das erklären und friedlich lösen.“
„Klar, vorher hätten sie uns nur als Sympathisanten eingesperrt, jetzt ist die Sache schon viel eindeutiger. Es gibt einen großen und einen etwas kleineren Strick und für den König und seine Männer ist die Sache ganz friedlich gelöst. Weil wir, wenn wir tot sind, keinen Unfrieden mehr machen können.“
Sehnsüchtig sah Taumel zu den drei Bierfässern an der Theke und dachte an die Spezialmischung im Keller. Es war zu schade, sie hier zurück lassen zu müssen.
„Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass sich die Truppe auf meine Fässer stürzt“, murrte er.
„Musst du auch nicht“, Tessa zündete die ölgetränkte Fackel des Soldaten im Kaminfeuer an und das Feuer spiegelte sich flackernd in ihren Augen. Die kleine Frau hatte in diesem Augenblick etwas dämonisches an sich. Taumel seufzte.
„Aber genau das wollte ich doch verhindern. Da hätte ich mir die ganze Aufregung sparen können und gleich dem Befehl folge leisten können.“
„Wenn die besonderen Fässer im Keller feuer fangen, gibt es einen riesen Knall und noch ehe die Soldaten etwas bemerken, sind wir schon längst über die Hügel nach Landswacht und im besten Fall halten sie uns für tot.“

„Was nutzt das schon. Wir müssen fliehen wie gemeine Diebe und dann irgendwo ein vollkommen neues Leben beginnen. Ich bin alt und weiß nicht, ob meine Knochen das noch mitmachen. Da können wir uns gleich selbst ausliefern.“ In Taumels Stimme regte sich ein leichter Widerstand.

„Stimmt, wenn wir uns jetzt stellen, dann müssen wir uns schon morgen keine Gedanken mehr über unsere Zukunft machen, denn dann baumeln wir schon fröhlich, tot und leer am Galgenbaum. Na komm schon. Wir haben auf dem Weg noch genug Zeit zu murren, zu maulen und Pläne zu schmieden.“

Die Explosion war noch einige Kilometer in der Ferne zu hören, als das Feuer Taumels Spezialmischung erreichte und die daraufhin folgende physikalische Reaktion einen Braukessel auf die Reise schickte. Diese endete abprubt auf einer nahen Weide und traumatisierte eine Kuh bis an ihr Lebensende. Auf die zwei ungleichen Gestalten, die sich in dem Tohuwabohu abgesetzt hatten, achtete niemand. Aber ein ganz besonderes Abenteuer lag schon auf der Lauer.

Das Schicksal ist wählerisch, wen es zum Helden macht.

Oft spielen wir im Rollenspiel die klassischen Abenteurer. Magier mit mächtigen Zaubersprüchen. Ritter mit edlen Rüstungen und blitzenden Schwertern, geschickte Schurken und erfahrene Söldner. Dabei können gerade ungewöhnliche Gruppen, die keine kämpferischen Fähigkeiten besitzen, ganz besonders interessant sein. Welche Erfahrungen habt ihr mit solchen Helden gemacht?

Lukas Kebel

Lukas Kebel

Hat sich schon in früher Kindheit mit Rollenspiel infiziert und gilt als Überträger der Stufe 12. Sammelt nun EP in der Prestigeklasse Artikelknecht.
Hauptthemen: Pen&Paper, Games

Gefällt dir der Artikel? Dann teile ihn mit deinen Freunden