Schneller Einstieg, große Herausforderung


Wenn ich von einem Spiel eines Zwei-Mann-Studios höre, erwarte ich in der Regel eines mit coolem Gameplay und vergleichsweise simpler Grafik. Die Niederländer von Tangrin brechen mit Kyn dieses Klischee und haben ein humorvolles Rollenspiel gebaut, das sich nicht so ganz ernst nimmt. Und das ist gut so.

Kyn Screenshot Kampf 2

Neben den Aeshir sind die Draken ein häufiger Gegner bei Kyn, die ihr nicht unterschätzen dürft.

Zunächst kurz zur Story: Bei Kyn steuert ihr Alrik. Er undsein Kumpel Bram wurden gerade in einem sehr langen Ritual zu sogenannten Magnikriegern. Die beiden verbrachten mehrere Monate in einer Höhle und sind froh, dass sie das Ganze überlebt haben. Fortan sind sie mit großen Mächten ausgestattet, mit denen sie ihre Stadt verteidigen wollen. Und das ist auch nötig, denn während die beiden gemütlich ihren Dungeon leerten, haben sich die Aeshir, ein goblinhaftes Volk, gegen die Menschen erhoben. Warum die sonst so freundlichen und friedliebenden Kreaturen nun gegen die Menschen in den Krieg ziehen, wissen unsere Helden noch nicht, werden es aber herausfinden.

Lead the pack

Auf euren Reisen trefft ihr auf weitere Magnikrieger, die sich euch anschließen. Ihr führt letztlich eine Gruppe aus sechs Kämpfern an, die alle ihre individuellen Fähigkeiten haben … mehr oder weniger. Kyn ermöglicht es euch, jeden eurer Begleiter jederzeit komplett umzuskillen. Das Schöne daran: Es ist so unfassbar einfach. Die drei Attribute Körper, Geist und Beherrschung zeigen an, was der Charakter kann. Entsprechend euren Werten in diesen Attributen erhöhen sich eure Werte bei Leben, Geistkraft und Schaden. Außerdem schaltet ihr neue Fähigkeiten frei und könnt die Ausrüstung nutzen, die ihr wollt.

Umzingelt den Großen!

Umzingelt den Großen!

Eine schwere Rüstung braucht einen hohen Wert bei Körper, ein Bogen bei Beherrschung und der Zauberstab benötigt einen guten Geist. Dazwischen gibt es noch Ausrüstung wie das Schwert, das sowohl Beherrschung als auch Körper braucht oder einige Dolche, die auf Geist und Beherrschung zurückgreifen.

Bei je 15 Punkten in einem Attribut schaltet ihr außerdem drei Fähigkeiten frei, die ihr fortan im Kampf nutzen könnt. Dazu erhöhen sich die bereits Verfügbaren, sodass sie mächtiger werden. Wenn ihr nun aber glaubt, dass ihr damit auf immer mehr Fähigkeiten im Kampf zurückgreifen könnt, liegt ihr falsch. Jeder Charakter hat zwei aktive Slots für spezielle Angriffe oder Zauber. Das macht schon die Auswahl im Vorhinein sehr taktisch, aber im Eifer des Gefechts alles etwas einfacher und übersichtlicher.

Hinzu kommt noch eine dritte besonders mächtige Fähigkeit, die sich an einem sogenannten Nahrstein orientiert. Abhängig davon, welchen Nahrstein ihr bei euren Charakteren ausrüstet, verändert sich diese. Im Laufe der Geschichte findet ihr nicht nur immer mehr dieser Steine, die zum Beispiel die Kräfte von Eis, Leben oder von Buffs in sich vereinen, sondern ihr schaltet auch weitere dieser möglichen “epischen” Fähigkeiten frei, die ebenfalls von den Attributen abhängig sind.

Casual-Aufbau, schwere Kämpfe

Ihr müsst eure Charaktere koordinieren? Dann mal alles in Slooooow Moooootiooooonnnnn.

Ihr müsst eure Charaktere koordinieren? Dann mal alles in Sllllooooow Moooootiooooonnnnn.

Ihr kennt doch sicher noch aus Spielen wie Baldur’s Gate oder dem frischen Pillars of Eternity die Pausetaste für eine taktische Vorgehensweise? So etwas Ähnliches hat Kyn auch, nur wird das Spiel nicht pausiert, sondern in einen Slow Motion Modus versetzt. So könnt ihr eure Gruppe zwar taktisch koordinieren, habt aber nicht endlos Bedenkzeit. Die Slow Motion ist auch nur für begrenzte Zeit verfügbar, danach geht das Spiel normal weiter.

Trotz des einfachen Einstiegs und der Zeitverlangsamung sind die Kämpfe je nach Schwierigkeitsstufe sehr fordernd. Selbst auf Normal kam ich einige Male ins Schwitzen. Aber ich erwarte schließlich auch von einem Spiel nicht, dass es mir alles in den Schoss legt. Dann kann ich mich auch einem Film oder Buch widmen, da hält sich die Schwierigkeit durchaus auch in Grenzen für mich als Rezipient.

Hurra, wir haben das Inventar voll gekriegt...mehr oder weniger. Stapeln geht noch.

Hurra, wir haben das Inventar voll gekriegt…mehr oder weniger. Stapeln geht noch.

Kyn signalisiert mir jedoch mit seinem casualigen Ansatz bei den Charakteren ständig, dass es ein Spiel ist. Immersion wird hier ganz klein geschrieben, was aber auch nicht schlimm ist. Neben dem Umskillen und einfachen Aufbau bei den Attributen sind es diverse Komfort-Funktionen, die mir jedes Mal den Satz “Ich bin ein Spiel” ins Gesicht klatschen. Ihr könnt jederzeit mit nur einem Klick alle Gegenstände im Sichtfeld einsammeln. Euer Inventar ist quasi endlos riesig, ein Großteil der Quests wird auf der Minimap klar angezeigt und die Levels sind auch sehr einfach und klar strukturiert, allerdings nicht schlauchig, aufgebaut.

Hinzu kommen die comichafte Grafik und ein spezieller Humor, der voll und ganz zur Welt passt, aber nicht gerade die Immersion erhöht. So spricht Bram nicht nur mit seinem Schaf (namens Schaf), sondern nutzt es, um seine Waffen durch die Stadt zu transportieren. Die Aeshir werden gleich zu Beginn als “wie Schafe, nur in Grün und sie können trommeln” beschrieben, obwohl die goblinhaften Wesen mindestens über starke Nekromantie verfügen und Skelette beschwören können. Für mich ist das alles nicht schlimm und ich muss nicht immer in ein Spiel eintauchen, um es zu genießen.

Zwei Leute können nicht auf alles achten

Was allerdings an Kyn stört, sind einige kleinere Fehler oder fehlenden Funktionen. Auf Deutsch gibt es einige etwas seltsame und fehlerhafte Übersetzungen, über die ich häufig gestolpert bin. Allerdings halten die sich in Grenzen und sind zumindest nicht so schlimm, dass man nicht versteht, was eigentlich gemeint ist. Hinzu kommt meine witzige Begegnung mit einer To-Do-Liste im Spiel. Eine Fähigkeit, die auf einem Feuer-Nahrstein beruht, gibt mir leider keine Beschreibung ab, was sie nun eigentlich tut: Leider steht dort, wo der Beschreibungstext stehen sollte, einfach nur “TODO”. Ich hoffe, dass die Niederländer ihre To-Do-Liste auch wiederfinden.

Besonders ärgerlich sind allerdings zwei Dinge in der Bewegung. Es ist mir mehrere Male geschehen, dass einer der Charaktere an einer Ecke hängengeblieben ist und sich nicht mehr vorwärts bewegen konnte. Das ist sehr ungünstig, wenn ihr gerade die Gruppe in den Kampf schickt und euer Schaden austeilender Bogenschütze leider irgendwo stehengeblieben ist. Langsam und vorsichtig müsst ihr ihn dann um die Ecke herum führen, damit er wieder in das Geschehen eingreifen kann.

Das Zweite ist die starre Kamera. Zwar werden Charaktere auch hinter einer Häuserwand angezeigt, aber eine drehbare Sicht wäre sehr hilfreich im Kampf oder auch beim Looten. Denn auch wenn die Umrisse der eigenen Charaktere sowie der Feinde hinter Häusern sichtbar sind, gestaltet sich das Anwählen dadurch zum Teil etwas schwierig – vor allem, wenn das Dach auch noch begehbar ist. Da schickte ich meine Leute gerne mal aufs Dach, obwohl ich ein Skelett angreifen wollte.

Fazit

Kyn ist ein sehr unterhaltsames Spiel, das durch seinen leichten Einstieg den Fokus auf den Kampf legt. Das Hin- und Herskillen der Charaktere ist eine sehr schicke Funktion, die es mir ermöglicht, meine Gruppe individuell zusammenzustellen und das Spiel letztlich zu meinem Spiel macht. Für Leute, die tief in eine Welt eintauchen und sich mit dem Protagonisten identifizieren wollen, ist Kyn jedoch nichts. Dafür bleibt Alrik zu flach und alleine die Komfortfunktionen würden jedes Mal die Immersion kaputtmachen. Ein Spiel für zwischendurch ist es aber allemal, vor allem deshalb, weil die einzelnen Levels meist in rund 30 bis 45 Minuten machbar sind.

Ihr könnt das Spiel übrigens bei GOG auch in einer Deluxe Edition kaufen, in der ein exklusives Wallpaper sowie der komplette, durchaus sehr gute Soundtrack mit dabei ist.

Was bedeutet diese Bewertung nun? Lest es hier nach.

Felix Mohring

Jahrelanger Pen&Paper-Spieler und -Leiter. War mal in der Gamesbranche tätig. Leitet als Chefredakteur NonPlayableCharacters inhaltlich.
Hauptthemen: Games, Pen&Paper

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