Zivilisation im Zwischenraum


Im zweiten Band der Manga-Reihe Blame! kommt Protagonist Killy erstmals mit einer echten menschlichen Zivilisation innerhalb der Netzwerksphäre in Kontakt – und Konflikt. Wenn Ihr Euch wundert, warum ich ein nicht mehr im Druck befindliches Comic-Werk rezensiere, fangt bei Band 1 an. Alle anderen: Anschnallen, es geht los!

Nachdem Killy im letzten Band eine Brücke ins Nichts betreten hatte, kommt er im zweiten Teil auf der anderen Seite an. In diesem Comic gibt es deutlich mehr andere Menschen, mit denen unser Held interagiert: In der Abfallsektion scheint es der Schutzwehr recht gleichgültig zu sein, wenn illegale Bewohner sich dort breitmachen. Auch Eingeborene kommen vor und geben so einige Rätsel auf.

Killy und der Leser sind von der Zivilisation überrascht. (c) 2001 Feest Manga

Killy und der Leser sind von der Zivilisation überrascht. (c) 2001 Feest Manga

Der Kontrast zum ersten Band ist stark und die Geschichte beginnt, Fahrt aufzunehmen. Diente der erste Teil noch dazu, die Welt und einige wichtige Konzepte einzuführen, beginnt die eigentliche Story, die Mangaka Nihei erzählen möchte, erst jetzt. Nach der Leere und den desolaten, gebrochenen Individuen des vorigen Bandes erschlägt es sowohl den Leser als auch Killy förmlich, als dieser durch eine Tür tritt und plötzlich in einer erschreckend alltäglichen Szene eines Logistikbüros steht, in dem ihm die Büroleiterin direkt sagt, sie habe keine Arbeit für ihn, während er noch versucht zu erklären, dass er den Leuten nichts tun möchte.

Im ersten Band erlebte der Forscher und Kämpfer Killy sporadische, episodenhafte Abenteuer, was zunächst auch im zweiten Band so scheint: Er rettet eine seltsame, junge Frau vor einem ebenso seltsamen Wurmmonster und diese verschwindet mit ihren scheinbar stummen Gefährten gleich darauf wieder. Allerdings tauchen diese Leute wenig später wieder auf und sorgen dafür, dass Killy seine Loyalitäten mehrmals überdenken muss.

Cibo und Killy sind ein sehr ungleiches Paar. (c) 2001 Feest Manga

Cibo und Killy sind ein sehr ungleiches Paar. (c) 2001 Feest Manga

Auch die große Diversität derjenigen, die sich innerhalb der Netzwerksphäre als Menschen bezeichnen, wird in diesem Band verdeutlicht: Die Menschen in der riesigen Stadt, in der Killy sich schon bald wiederfindet, sind anderthalb mal so groß wie Killy und halten ihn zunächst für ein Kind.

Auch die zweite Protagonistin, die hier ihr Debüt feiert, streckt die Definition von Homo Sapiens deutlich: Cibo ist zunächst ein verrotteter Leichnam (allerdings noch voll denk- und sprachfähig) und rekonstruiert sich selbst mithilfe von High-Tech-Ausrüstung und ihren Fähigkeiten als Hackerin. Auch erfahren wir erstmals, wie die Netzwerksphäre durch physische Megastrukturen geteilt ist, die vermutlich nur mit einer Waffe wie der unseres Helden zu durchdringen sind.

Auch im zweiten Band ist Killy ein wortkarger aber im Grunde seines Herzens moralisch handelnder Protagonist, dem mit Cibo nun eine ethisch etwas fragwürdige Wissenschaftlerin zur Seite gestellt wird. Sie versprüht gerne Exposition und füttert so den Leser mit Informationen am laufenden Band – selbst wenn Killy ohne Cibo überleben würde, kohärenter wäre die Geschichte ohne sie nicht. Nihei bringt im zweiten Band wieder einige grafische Leckerbissen und beginnt mit der eigentlichen Story. Nicht ganz so düster wie der erste Band, geht es hier tatsächlich los. Klare Kaufempfehlung.

ACHTUNG: AB HIER HAGELT ES SPOILER!

Die Eingeborenen der Abfallebene sind äußerst seltsame Geschöpfe, die sowohl mit Menschen als auch mit Siliziumleben verwandt sein könnten. Killy selbst scheint überrascht, als das Mädchen, das er vor dem monströsen Wurm rettet, auf der Stirn ein Augensymbol trägt, das an das Wappen der Siliziumleben im ersten Band erinnert. Andere Mitglieder des Stammes haben Kriegsbemalung, die an die Symbole von Schutzwehr und Regierungsbeamten angelehnt sein könnten – zumal diese Wesen angeblich mit einem Regierungsvertreter kommuniziert haben. Fragen über Fragen.

Killy jedenfalls scheint die Kreaturen nicht für Feinde zu halten – Siliziumleben hat er bisher gnadenlos bekämpft. Unser Held zeigt auch erneut, dass er einer von den Guten ist: Verteidigt er zunächst den Transporter der Menschen gegen die Eingeborenen, wechselt er sofort die Seite, als er erfährt, dass die Fracht aus eben diesen Wesen besteht – die Menschen nutzen sie offenbar als Organspender. Killy schießt ein Verladedock zusammen und verschwindet dann in den Tiefen der Stadt.

Cibo treibt vor allem die Neugier auf das, was hinter der Megastruktur liegt dazu, mit Killy zu reisen. (c) 2001 Feest Manga

Cibo treibt vor allem die Neugier auf das, was hinter der Megastruktur liegt dazu, mit Killy zu reisen. (c) 2001 Feest Manga

Auch hier zeigt der Forscher, dass er kein typischer Bedrohe-Mich-Ich-Töte-Dich-Hollywood-Held ist: Eine Gruppe Arbeiter, bewaffnet mit allerlei improvisierten Waffen, will ihm seine Waffe abnehmen. Die unterdrückte Unterschicht der Stadt erhofft sich damit eine Chance im Aufstand gegen die Technokraten der Seidensha-Gruppe, zu der auch Cibo gehörte. Killy tritt einen der Arbeiter beiseite und flieht dann – ohne Blutvergießen. Später bekommen die Arbeiter ihre Revolution auch so, als Nebeneffekt der Aktionen von Killy und Cibo, die zum Tod der Mainframe-Kreatur von Seidensha führen.

Posthumane Wesen

Apropos Cibo: Sie bringt erstmals komplexere Konzepte des Transhumanismus anschaulich in diesen Manga. Zunächst wird sie als Stimme aus dem Off eingeführt, die Killy sagt, sie könne sich nicht bewegen. Als er sie erreicht, ist sie eine verrottete Leiche mit einigen angeschlossenen Gerätschaften. Später taucht sie plötzlich als vollständig regenerierte Frau mit blonden Haaren auf. In einer Rückblende vor ihrem Tod hatte sie allerdings noch schwarze Haare und starb bei etwas, das vermutlich an eine Atomexplosion heranreicht. Sie sei aus einem Backup wiederhergestellt worden, sagt sie. Seidensha kann dies offenbar tun, ohne Zugriff auf die Netzwerksphäre zu haben – es ist also ein Computer im Computer, der hier für faktische Unsterblichkeit sorgt…

Cibo hatte für Seidensha an künstlichen Netzwerkgenen geforscht, dem Versuch, mit einem geklonten Körper Kontakt mit dem Netz aufzunehmen. Dies war immerhin soweit gelungen, dass der Körper das Interface sehen konnte – eine weite Wiese. Die Gene waren aber offenbar nicht exakt genug, da im nächsten Augenblick ein Avatar der Schutzwehr auftauchte und den Körper übernahm, was zu einer Katastrophe im Labor führte.

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So ganz normal ist Nihei wohl auch nicht ... (c) 2001 Feest Manga

So ganz normal ist Nihei wohl auch nicht … (c) 2001 Feest Manga

Dass es sich bei der Welt von Blame! um ein fehlfunktionierendes Computersystem handelt, verdeutlicht die Konversation mit dem Regierungsbeamten, die Killy und Cibo beim Aufstieg zur Megastruktur haben. Nicht nur weiß der Regierungsbeamte zunächst nicht, in welcher Geschwindigkeit er mit den beiden in der fundamentalen Realität sprechen soll, er gibt sogar offen zu, dass diese Konversation nur begrenzt nützt: Der Menschheit fehlen, wie gesagt, Adminrechte. Wer schon einmal von seinem privaten Windows-Computer darauf hingewiesen wurde, dass er sich mit einem Problem an seinen Administrator wenden solle, weiß, wie paradox solche Situationen sein können.

Das Finale des zweiten Bandes von Blame! ist nicht nur ein Feuerwerk spannender Konzepte, sondern auch ein wahrer Augenschmaus. Der Turm, den Killy und Cibo besteigen, um die Megastruktur zu erreichen, wird von der Schutzwehr unter ihren Füßen komplett in Einheiten umgewandelt. Den beiden bleibt nur die Flucht nach oben, was mithilfe der Molekülschockwaffe möglich ist. Ein wahrer Cliffhanger zeigt aber auch die Ruhe nach dem Sturm, als der riesige Turm auf die Stadt kollabiert und Cibo und Killy in einem Loch im Himmel hängen.

Marten Zabel

Marten Zabel

Bewertet Dich anhand Deiner Spiele, Serien und Rechtschreibung, wenn er nicht gerade selbst Spiele designt oder von größeren Dingen träumt.
Hauptthemen: Pen & Paper, Games, Brettspiele

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