Golem Arcana – zwischen App und Wirklichkeit


Nur wenigen Brettspielen ist es in den letzten Jahren gelungen, die analoge mit der digitalen Welt so zu verschmelzen, dass es nicht nur ein schlechtes Gimmick ist. Und dann stellt Golem Arcana auch noch gehobene Ansprüche an die Hardware. Ob dieses Konzept aufgeht? Schau’n wir mal…

Peg_Golem_Base_Pac_L_RGB

Bild: Pegasus Spiele

Im September 2013 starteten Harebrained Schemes ihren Golem Arcana Kickstarter. Eine in Brettspielkreisen unbekannte Firma schaffte es, für eine Idee 500.000 $ zu sammeln. Die gleiche Idee, ein Miniaturen-/Tabletopspiel mit Softwareunterstützung, scheiterte bereits bei dem 2009 erschienenen Ex Illis. Nicht, weil das Spiel schlecht war, sondern weil Miniaturenproduktion und Softwareentwicklung sich als schwieriger gestalteten als angenommen. Harebrained Schemes haben aber den Vorteil, in Deutschland einen starken Partner zu haben: Pegasus Spiele übersetzt und vertreibt Golem Arcana unter ihrer eigenen Marke im deutschsprachigen Raum. Ob das dem Spiel hilft, eine Community aufzubauen, die groß genug ist, um es auf Dauer zu finanzieren, bleibt abzuwarten.

App geht’s

golem_boardGameDemo

Bild: Pegasus Spiele

In der Golem Arcana App stellt ihr eure Armeen zusammen. Im Grundspiel ist die Auswahl der Einheiten nicht groß, lediglich 500-Punkte-Armeen können damit gespielt werden. (Mit ausreichend Miniaturen könnt ihr bis zu 3000 Punkte spielen.) Außerdem wählt ihr hier auch die Piloten der Golems, genannt „Ritter“, und sogenannte Alt-Ehrwürdige aus.

Diese Alt-Ehrwürdigen sind so etwas wie Götter, und ermöglichen im Spiel nochmal besondere Aktionen wie Flüche und Segen.

Anschließend wählt ihr das gewünschte Szenario aus oder erstellt selber eines – und baut den Spielplan entsprechend auf. Nachdem ihr dann eure Einheiten in der Startzone aufgestellt habt, geht es los.

 

Bewegungen und AngIMGP3360riffe kosten Aktionspunkte, die ihr jede Runde wieder neu erhaltet. Zur Auswahl nutzt ihr einen mitgelieferten Stylus, der per Bluetooth mit eurem Tablet oder Smartphone kommuniziert. Durch das Antippen der Figuren bzw. der Übersichtskarten und des Spielbrettes wählt ihre eure Aktionen aus. Aktionen werden teurer, je öfter man sie verwendet, und haben eine Cooldownzeit. Das Spielbrett besitzt ebenfalls diverse Eigenschaften: so gibt es Wälder, Gewässer und Anhöhen. All das modifiziert eure Angriffe, wird jedoch von der App automatisch berücksichtigt. Sollte eine Aktion nicht möglich sein, so teilt die App euch das mit. Falls ihr wissen möchtet, warum bestimmte Aktionen nicht ausführbar sind oder stärker oder schwächer werden, könnt ihr auch in der App entsprechende Informationen direkt abrufen. Je nach Szenario gibt es unterschiedliche Missionsziele. Wenn man vorab weiß, welches Szenario man spielen wird, so kann man (vorausgesetzt man besitzt bereits eine Auswahl an Einheiten) seine Armee passend diesem Ziel zusammenstellen. Angriffe könnt ihr entweder selbst oder auch von der App auswürfeln lassen. So verbraucht man abwechselnd seine Aktionspunkte, bis das Ende des Szenarios erreicht ist.

Ist das alles?

IMGP3361

Im Großen uns Ganzen ja. Es gibt so viele Modifikatoren durch Einheiten, Gelände, verschiedene Angriffe und Piloten, dass Golem Arcana ohne App fast unspielbar wäre. Mit der App ist es allerdings sehr einfach. Außerdem gibt es vernünftige Tutorials, die einem die Grundregeln des Spiels nahe bringen. Das macht die App zum integralen Bestandteil des Spiels. Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass nicht nur eine Kurzanleitung beiläge, sondern zumindest ein kleines Booklet mit den Regeln für Ritter, Alt-Ehrwürdige und Geländetypen. Die Regeln sind zwar alle über die App aufrufbar, aber dadurch unterbricht man natürlich jedes Mal den Spielfluss. Mit einem Regelheft könnte man, während der Gegner seinen Zug ausführt, schon vorab nachschauen wie zum Beispiel eine Anhöhe den eigenen nächsten Angriff beeinflusst. Die Technik funktioniert allerdings wirklich einwandfrei. Dabei ist zu beachten, dass ihr ein Gerät besitzen müsst welches Bluetooth 4.0 LE unterstützt. Mein iPad 2 kann es leider nicht, daher mussten wir auf ein ausgeliehenes Smartphone zurückgreifen. Hier findet ihr eine Liste der Geräte die funktionieren.

IMGP3365

Außerdem empfehle ich, ein Gerät mit sieben Zoll Bildschirmdiagonale oder größer zu benutzen. Das Material ist ansonsten sehr gut, die Bretter und Karten sind stabil, und die Miniaturen ordentlich bemalt. Mitgeliefert werden im Grundspiel sechs Figuren, der Stylus, einige Karten, sechs beidseitig bedruckte Bretter und zwei Würfel. Da ist ein UVP von 59,95 € schon günstig zu nennen. Allerdings wird man mit nur dem Grundspiel bald an dessen Grenzen stoßen und eine größere Auswahl besitzen wollen. Aber auch die Preise der Erweiterungen sind fair: 29,95 € für jeweils drei weitere Einheiten. Um das Spiel tatsächlich auszukosten, wird man sich wohl zwei Einheitenerweiterungen zulegen müssen. Es gibt mehr Geländeplatten und auch Kolosse (riesige Golems), diese allerdings kosten etwas mehr. Das Spiel macht Spaß, und die Preise sind in Anbetracht des Materials in Ordnung. Warum bin ich dann nicht ganz überzeugt?

Zu allererst kam natürlich die Enttäuschung, dass ich mit meinem iPad 2 Golem Arcana nicht spielen kann. Dies steht zwar auf der Packung drauf und man findet es auch auf der Golem Arcana Webseite, nicht jedoch in den Onlineshops. Auch nicht im Pegasus-eigenen Webshop! Dass es In-App-Käufe gibt, hinterlässt zumindest bei mir einen faden Beigeschmack. Der sogenannte Fluff ist sehr dünn gehalten, andere Miniaturenspiele leben von ihrer reichen Welt, diese fehlt Golem Arcana noch.

Was mir persönlich nicht gefällt, ist die Tatsache, dass man fast die ganze Zeit auf die App starrt. Auf das Spielbrett und die Karten guckt man nur, um Einheiten und Regionen anzuwählen. Könnte man dies auch in der App, könnte man das komplette Spiel auch auf dem Tablet oder Smartphone spielen. Für mich fühlen sich das Brett, die Karten und die Figuren wie Bedienelemente für die App an.

Außerdem fehlen aktuell noch zwei Features, die zwar in Arbeit, aber dringend notwendig für Golem Arcanas weiteren Erfolg sind: Erstens, die beim Kickstarter versprochene Windows-unterstützung. Für diese wird man zwar einen funktionierenden Bluetooth-Dongle benötigen, aber dies würde die Anzahl der potentiellen Spieler vervielfachen. Zweitens das Remote-Spiel: Spieler, die auf dem Land leben, müssen oft weite Strecken fahren, um Mitspieler zu treffen. Hier könnte das Remotespiel Abhilfe verschaffen, und man könnte gegen Spieler auf der ganzen Welt antreten. Wenn Pegasus und Harebrained Schemes es dann noch schaffen, regelmäßig lokal und online Turniere zu veranstalten, hat Golem Arcana gute Chancen, sich eine eigene Nische zu erkämpfen. Falls nicht, wird es schwer, neben den bereits existierenden Miniaturenspielen zu bestehen.

Fazit

Ich würde Golem Arcana gerne besser bewerten, aber es bekommt von mir „nur“ ein Unterhaltsam. Vor der Anschaffung solltet ihr auf jeden Fall die Liste der kompatiblen Geräte konsultieren, oder die App einfach mal auf euer Gerät installieren und testen. Falls möglich spielt Golem Arcana ein, zwei Runden zur Probe, bevor ihr das Spiel kauft.

Was bedeutet diese Wertung? Klickt hier und findet es heraus.

Pegasus Spiele 58000G – Golem Arcana Grundspiel,

Price: EUR 9,99

3.4 von 5 Sternen (36 customer reviews)

42 used & new available from EUR 9,99

Christian Turkiewicz

Liest bevorzugt Regeln zu Brett- und Rollenspielen. Liebt Bingewatching, hat aber keinen TV-Anschluss.
Hauptthemen: Gesellschaftsspiele, Pen&Paper, Serien

Gefällt dir der Artikel? Dann teile ihn mit deinen Freunden