Laufbahn eines Rollenspielers: Gegen die Bösen


„Der Unterschied zwischen einem Haufen übler Monster und einer Gruppe entschlossener Helden ist nur eine Frage der Perspektive.“

Der Raum sah aus wie ein Schlachthaus. Grünes Blut klebte an den Wänden und im Stroh auf dem Boden. Zwei Körper säumten die Eingangstür, drei weitere lagen verteilt im Raum. Einem, der über dem einzigen und nun zerbrochenen Stuhl hing, fehlte ganz offensichtlich der Kopf und irgendwer hatte eine Kordel auf dem Boden ausgelegt, die über die Türschwelle in die anderen Räume ging. Die ganze Sache war Edwin von Gall ein Rätsel und so kratzte er sich nachdenklich am Kinn. Das Geräusch war gerade laut genug um die bedrückende Stille zu durchbrechen. Ein Gefühl der Beklemmung hatte ihn erfasst und leichte Kopfschmerzen waren im Anmarsch.

„Ich bin mir sicher, dass vorhin im Gespräch ein leichtes Gift erwähnt wurde.“
„Ein ganz leichtes“, kam die Antwort von einer schlaksigen Gestalt, die im Schatten stand und nicht deutlich zu erkennen war. Der Raum war durch ein Loch im Dach sehr gut ausgeleuchtet, aber der Schatten weigerte sich hartnäckig, diese Realität anzuerkennen. Das war aber nur ein Grund für Sir Gall’s Kopfschmerzen.

„Es war von einer plötzlich einsetzenden Müdigkeit die Rede. Ich nahm an, dass Ihr als…“, Edwin suchte verzweifelt nach einem passenden Wort.“
„Schurke?“, half ihm sein Gegenüber auf die Sprünge.
„Mann mit gewissen Talenten“, setzte Sir von Gall entschlossen entgegen, „euch in den Turm schleichen würdet, um die Geisel zu befreien. Ich meine gesagt zu haben, dass ich durchaus in der Lage bin, es mit den Burschen aufzunehmen. Aber sinnloses Blutvergießen…“

Ein entschiedenes Räuspern von der anderen Seite unterbrach den Adligen. „Sinnloses Blutvergießen weise ich entschieden zurück. So etwas tun nur blutrünstige und unstrukturierte Monster. Wir vom Fach befassen uns ausschließlich mit sinnvollem Blutvergießen.“
„Was ist der Unterschied?“
„Etwa 1500 Goldmünzen und ein eindeutiger Arbeitsauftrag.“
„Aber ich bin mir völlig sicher, dass in dem Auftrag nichts von einem Gemetzel stand. Leise Aktion. Rein. Raus. Ganz unblutig.“

Der Schatten bewegte sich ein Stück zur Seite. Es war ein Vorgang der bei dem allgegenwärtigen Tageslicht die Augen vor die Aufgabe stellte, das Unmögliche zu akzeptieren. Seine Augen versuchten, Edwins Gehirn mit Informationen zu versorgen und die Person im Schatten zu erkennen, was nur dazu führte, dass sich das Hämmern in seiner Stirn verstärkte.
„Das Wort töten wurde zwar nicht explizit erwähnt, konnte aber ganz klar aus dem Kontext heraus gedeutet werden. Es wurde auch nur ein leichtes Gift eingesetzt. Etwas Schmerz und Agonie. Gerade genug, um die Wächter von ihrer Aufgabe abzulenken. Ein interessanter Nebeneffekt ist die Taubheit, die ein ganz besonders leises Eindringen ermöglicht.“

Edwin dachte an den fehlenden Kopf und der Einordnung des Giftes in die Kategorie leicht. Wer auch immer dafür zuständig war, der bezeichnete vermutlich auch das lichterlohe Abbrennen einer Kleinstadt als ein gemütliches Lagerfeuer. Er erinnerte sich an das Gespräch in der Taverne zurück. Die Leute am Tisch hatten eigentlich einen recht professionellen Eindruck gemacht. Klar, hier und da hatten ein paar Körperteile gefehlt und es war fast so, als wäre er aus mehr Narben als Mündern angelächelt worden, aber man hatte ihm deutlich gemacht, dass das die Zeichen eines Abenteurerlebens waren. Das war ein bisschen so wie mit Käse. Der war auch besonders gut, wenn er zum Himmel stank. Edwin kannte sich nicht besonders gut mit Käse aus, aber er war sich sicher, so etwas irgendwann einmal gehört zu haben.

Er konnte sich auch an den riesigen Halbork mit der Streitaxt erinnern. Ihm war bei dem Anblick ein wenig mulmig geworden, doch hatte man ihm vehement zu verstehen gegeben, dass Gnorks Spezialität Einsätze waren, in denen es darum ging, ganz besonders leise vorzugehen. Edwin dämmerte etwas.

„Ich frage mich wo der Zwerg hin ist. Also der, der für die Beseitigung der Spuren zuständig sein sollte. Er soll ja ein echter Experte darin sein, dass sich der Einsatz nicht zurück verfolgen lässt. Zwar bin ich davon ausgegangen, dass viel weniger Spuren erzeugt werden, die es zu verwischen gilt, aber das heißt ja nur, dass er noch besser sein muss, als ich gedacht habe“, Edwin bereute die Worte schon, als er sie ausgesprochen hatte. Von weiter hinten zog ihm ein leichter Brandgeruch entgegen, der seine Kopfschmerzen noch verstärkte.

„Er dürfte in ein paar Minuten fertig sein. Keine Sorge. Normalerweise sagt er Bescheid wenn er soweit ist.“
„Muss er nicht noch hier vorne sauber machen?“
„Das wird nicht nötig sein.“

Edwins Blick fiel kurz auf die Schnur und das bereitete ihm Bauchschmerzen. „Das ist doch Wahnsinn. Ein sinnloses Abschlachten und ich hoffe das ist nicht, wonach es aussieht.“
„Wonach sieht es denn aus?“
„Den Turm in die Luft zu sprengen kann man definitiv nicht als leise Aktion bezeichnen. An diesem Punkt ist der Vertrag eindeutig.“ Er versuchte es mit Logik.
„Oh, da liegt der Hund also begraben. Ganz so einfach ist das nicht. Nur wenn jemand ein Geräusch hören kann, von dem er später erzählt, fällt es nicht mehr unter leise.

Edwin schluckte. „Heißt das, dass sie alle tot sind? Hier müssen ein paar Dutzend gewesen sein und die Meisten waren unterwegs. Ich habe dafür Sorge getragen. Das Geräusch müsste man doch kilometerweit hören können. Es wird eine Menge Zeugen geben.“

„Zugegeben, es war nicht ganz einfach, sie alle wieder an diesen Ort zu bringen, aber wir sind sehr effektiv. Es waren ziemlich genau 62,8. Da wäre die Sache mit dem Kopf. Eine interessante Geschichte.“
„Aber, aber, das ist doch Irrsinn. Der Fürst hat mir Gold ausgehändigt, um die Sache zu regeln. Ich dachte… ich dachte, ich könnte die Angelegenheit klären, wenn ich nicht auf die Lösegeldforderung eingehe und stattdessen ein paar Abenteurer anheuere.“
„Das hat doch wunderbar geklappt. Wir sind sowohl günstig, als auch schnell. Es wäre gut, wenn ihr uns weiter empfehlen würdet. Davon abgesehen, handelte es sich um mörderische Monster. Sie haben die Stadt bedroht, Personen entführt und Menschen abgeschlachtet.“

„Soweit ich weiß, wurden bei dem Überfall vor einer Woche zwei Stadtwachen bewusstlos geschlagen und eine hat sich das Knie bei der Verfolgung geprellt. Dabei von Abschlachten zu reden…“
„Mord und Totschlag. Wie ich bereits sagte. Unser Vorgehen war in jedem Fall angemessen und die Geisel wurde befreit.“

„Ihr ist immer noch schlecht und sie sagt, dass sie nichts mehr hören kann. Außerdem erwähnte sie, gefesselt und geknebelt worden zu sein und zwar nicht von den Kreaturen, sondern von euch.
„Nur eine Vorsichtsmaßnahme. Sie fing wegen des ganzen Bluts und der vielen Toten an, zu schreien.“
„Aber die Monster waren doch taub vom Gift.“
„Es hat alle genervt. Gnork wollte sie bereits aus dem Fenster werfen, aber wir haben uns dann doch anders entschieden.“
Der Schatten schnüffelte.
„Wir sollten jetzt gehen. Taruk ist mit seiner Ladung fertig und es wäre besser, außer Hörweite zu sein, wenn hier alles explodiert. Schließlich will hier niemand aus Versehen die Vertragsbedingungen verletzen, nicht wahr?“
Es bahnte sich eine ausgewachsene Migräne an…

Diesmal verlief also alles genau nach Plan… zumindest bei den Abenteurern. Ihr kennt das, wenn etwas aus dem Ruder läuft und irgendwas vielleicht nicht ganz so gemacht wird, wie es ursprünglich gedacht war, ob nun von den Spielern oder dem Spielleiter. Da stellen sich häufig die Fragen: Sind die Helden wirklich die Guten und die anderen, die Goblins, Orks und Monster, die Nekromanten, dunklen Herrscher und Drachen die Bösen? Was bedeutet eigentlich Gut und Böse im Rollenspiel? Ist das bei euch immer so eindeutig?

Lukas Kebel

Lukas Kebel

Hat sich schon in früher Kindheit mit Rollenspiel infiziert und gilt als Überträger der Stufe 12. Sammelt nun EP in der Prestigeklasse Artikelknecht.
Hauptthemen: Pen&Paper, Games

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