Laufbahn eines Rollenspielers: Jedes erste Mal


Es ist einer dieser ganz besonderen Abende im Leben eines Rollenspielers. Ein Abend an dem heldenhafte Kämpfe und bösartige Drachen artig in den Hintergrund treten, denn hier geht es um Persönlichkeit.

Dieser Geruch nach Pizza und Snacks. Ofenfrische selbstgemachte Chips als neueste Errungenschaft am Rollenspieltisch steuern ein wunderbares Knoblaucharoma bei. Die Gruppe hat sich nach einer längeren Pause wieder zusammen gefunden und es herrscht konzentrierte Betriebsamkeit. Diese Mischung aus Rascheln und Kratzen, während die letzten Optimierungen an den Charakteren vorgenommen werden, dieses Gefühl von Vorfreude, vor der Geburt eines neuen Helden, der auf eine unvorhersehbare Reise geschickt wird.

„Es ist eine Schande“, Björns tiefe Stimme unterbricht die angespannte Konzentration.
Linda rollt mit den Augen, während Kevin ein Grinsen nicht verkneifen kann, dass Björn, der in seiner eigenen kleinen Welt des Wehklagens gefangen ist, jedoch nicht auffällt.
„Fünf Jahre lang hat sich Alantirs epische Geschichte entwickelt und ich war lange noch nicht fertig mit ihm. Fünf wunderbare Jahre, in denen sich seine Führungsposition ganz klar heraus kristallisiert hat. Das war ein anstrengender Prozess und jetzt muss ich wieder von vorne anfangen, mit einem Helden dessen Vitalität so gering ist, dass ihn sein Kreislauf umbringen könnte, wenn er zu schnell aufsteht.“

„Ja, ein Problem von dem du ganz alleine betroffen bist“, fügt Mark etwas schnippisch hinzu.
Björn seufzt theatralisch und wendet sich wieder seinem Tablet zu. Sein Charakter existiert nicht auf dem Papier, sondern lässt sich schnell zusammen klicken, während Kevin, Linda und Thorsten noch mit Papier und Stiften arbeiten.

„Wie sieht es eigentlich mit Crossgender aus?“ Thorsten radiert in seinem Bogen herum und stellt die Frage fast beiläufig.
Sofort wirkt Björn so als hätte er Bauschmerzen, hält sich aber zurück.
„Wer einen Troll, einen Elfen oder einen Feen-Vampir-Halbdrachenritter darstellen kann, sollte mit dem anderen Geschlecht eigentlich kein Problem haben“, antwortet Mark.
„Kompliment oder Beleidigung?“, meldet sich Linda zu Wort.
„Im Zweifelsfall immer beides.“
„Das ist einfach unrealistisch”, mischt sich Björn ein “Es ist unmöglich sich bei Thorsten eine Frau vorzustellen. Das stört nur beim Rollenspiel.“
„Nicht viel schwieriger, als bei dir das Bild eines heldenhaften Ritters zu sehen, Björn“
„Touché.“

„War ja auch erstmal nur eine theoretische Frage. Ich könnte auch einen Goblin spielen“, klinkt sich Thorsten wieder in das Gespräch ein
„Ich glaube, der Gedanke, dass du eine Frau spielst, ist mit einem mal sehr viel attraktiver geworden“, lacht Linda.
„Dafür gibt es nur ein Wort: Erpressung“, brummelt Björn. Er denkt an einen dramatischen Anstieg rein zufälliger Explosionen, sollte Thorsten tatsächlich einen Goblin in die Gruppe einbringen. Prinzipiell hat er hunderte Charakterideen, von denen er jede einzelne gerne umgesetzt hätte. Praktisch hasst er es, einen Charakter zu verlieren, vor allem wenn es durch die Dummheit anderer geschah, was seines Erachtens der einzige Grund ist, wie er überhaupt einen Charakter verlieren konnte.

„In meiner letzten Gruppe haben wir das mal gemacht. Alle Männer haben weibliche Helden gespielt und alle Frauen eben Männer. Das war eigentlich ganz lustig, vor allem weil man gut sehen konnte, wie viele Klischees es gibt und sich großartige Situationen ergeben haben. Aber hier fehlen dann doch ein paar Spielerinnen. Es sei denn…“, grinst Linda, „ich nehme die von euch dazu, die ganz offensichtlich öfter mal ihre Tage haben.“
Dabei lässt sie bewusst ihren Blick schweifen und sieht niemanden zu lange an. Der Ausdruck in den Gesichtern der anderen spricht Bände.

„Ich bin vielleicht ab und an ein kleines bisschen launisch“, sagt Björn und räuspert sich. “Allerdings finde ich die Idee einer Themengruppe gar nicht so verkehrt, auch wenn das ja nicht unbedingt etwas mit dem Geschlecht zu tun haben muss.“

Sofort beginnt ein angeregtes Brainstorming bei dem beiläufig nicht unerhebliche Mengen an Snacks vertilgt werden. Es ist ein neuer Anfang für die Gruppe. Wieder einmal. Und jedem Anfang wohnt ja ein ganz spezieller Zauber inne. Bis sich alle einig sind, wird es noch eine ganze Weile dauern, aber bis dahin lässt sich die Frage stellen: Wie haltet ihr es damit?

Neue Gruppe, neue Helden, vielleicht sogar neue Spieler. Liegt darin nicht auch eine ganze Menge Spaß, oder ist es doch eher anstrengend, weil ihr zu den Leuten gehört, die mit ihrer Kampagne nach 15 Jahren noch lange nicht am Ende angekommen sind? Welche besonderen Konzepte und Themen habt ihr schon für eure Gruppen verwendet, die ihr für absolut erzählenswert haltet?

Lukas Kebel

Lukas Kebel

Hat sich schon in früher Kindheit mit Rollenspiel infiziert und gilt als Überträger der Stufe 12. Sammelt nun EP in der Prestigeklasse Artikelknecht.
Hauptthemen: Pen&Paper, Games

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  • Naja, absolut erzählenswert halte ich für übertrieben, aber ich wollte mal eine reine Dunkelelfengruppe leiten. Allerdings trat meine vorherige Befürchtung, 3 oder 4 Drizzt-Klone durch das Unterreich führen zu müssen, nicht ein, sondern das genaue Gegenteil. Jeder spielte einen vollkommen chaotisch bösen Einzelgänger, so dass die Leute als “Gruppe” überhaupt nicht funktioniert haben. Es herrschte leider so viel Anarchie, dass wir die Gruppe wieder einstampfen mussten ^^

    Aus Sicht eines Spielers erinnere ich mich noch an die “Humanoiden”-Gruppe, in der niemand eine der klassischen Rassen spielen “durfte”. Ich war ein Satyr mit bezirzender Panflöte, was sehr spaßig war. Allerdings war es irgendwann nervig, dass der Minotaurus der Gruppe in Tavernen immer draußen bleiben musste…