Sense-ationell


Die Wachsowski-Geschwister sind vor allem durch den kleinen, fast schon unbedeutenden Film Matrix (und dessen Nachfolger) bekannt geworden. Gemeinsam mit Netflix haben die Regisseure und Drehbuchautoren die Serie Sense8 geschaffen, die über die ganze Welt verteilt spielt.

Bei Sense8 geht es um eine Art kollektives Bewusstsein, das von acht Menschen geteilt wird. Diese acht sind auf der ganzen Welt verteilt und kennen sich zu Beginn nicht. Durch ihre Verbindung kann das so genannte Cluster nicht nur miteinander reden, sondern auch Geschmack, Geruch, Gefühle und Fähigkeiten teilen.

Wer macht denn sowas?

Dies ist besonders interessant, da alle acht sehr unterschiedlich sind und verschiedene Dinge können. Da haben wir den Cop aus Chicago, Will Gorski (Brian J. Smith), der vor seiner Laufbahn als Gesetzteshüter auf der anderen Seite stand und schon als Junge das Knacken von Schlössern – inklusive Handschellen – gelernt hat.

Unser zweites Clustermitglied in den USA ist Nomi Marks (Jamie Clayton), die in San Francisco lebt. Nomi war früher mal ein Junge namens Michael und geriet wegen gewisser Hacking-Verbrechen in Schwierigkeiten. Heute liebt Nomi immer noch Frauen und tritt für die Rechte von Homosexuellen ein.

Wo wir gerade bei Homosexualität sind, springen wir zu unserem dritten „Amerikaner“ in Mexiko. Lito Rodriguez (Miguel Angel Silvestre) ist Schauspieler von knallharten Actionhelden, Frauenaufreißern und insgeheim mit einem Mann liiert. Insgeheim deshalb, weil er fürchtet, seine Karriere durch ein Coming Out zu zerstören.

Wagen wir den Sprung über den großen Teich nach London. Hier treffen wir Riley Blue (Tuppence Middleton), ein Partygirl und DJ. Eigentlich kommt sie aus Island, hat aber ihr Land verlassen, um in London ein neues Leben und das große Glück zu finden. Im weiteren Verlauf erfährt man aber, dass sie vor einer schlimmen Erinnerung aus Island geflohen ist.

Bei unserem deutschen Sense8 Wolfgang geht es gerne etwas explosiver zu.

Bei unserem deutschen Sense8 Wolfgang geht es gerne etwas explosiver zu. (© Netflix)

Wolfgang Bogdanow (Max Riemelt) aus Berlin bringt uns die Verbrecherseite näher. Er ist der Sohn eines Safeknackers und tritt in die Fußstapfen seines Vaters. Seine ganze Familie scheint illegale Geschäfte zu betreiben, denn sowohl sein Onkel als auch sein Cousin sind offensichtlich für ein kleines Verbrechersyndikat tätig.

Nächster Stopp weit im Süden: Nairobi. Capheus (Aml Ameen) ist der Besitzer und Fahrer eines Busses, in diesem Fall auch Van genannt, mit dem er versucht sich und seine an AIDS erkrankte Mutter über die Runden zu bringen. Das klappt allerdings mit seinem “Van Damme” getauften Gefährt nicht besonders gut, weil der Konkurrent “BatVan” (in Nairobi scheint man nerdiger zu sein, als ich dachte) die meisten Fahrgäste wegschnappt.

In Indien treffen wir schließlich Kala Dandekar (Tena Desae), die kurz vor ihrer Hochzeit steht. Sie ist Wissenschaftlerin und streng gläubig, was für sie keine Gegensätze darstellt. Zu Beginn scheinen ihre Fähigkeiten für die Gruppe quasi “unbrauchbar” zu sein und ihre Geschichte tröpfelt anfangs auch nur so dahin. Im späteren Verlauf spielt Kala allerdings noch eine wichtige Rolle.

Die letzte im Bunde ist Sun Bak (Bae Doona) in Korea. Sie ist CFO des Familienunternehmens, das scheinbar ein recht gutes Geschäft macht. Was das Unternehmen genau tut, erfahrt ihr nicht, ist aber für den weiteren Verlauf auch nicht nötig. Sun ist besonders talentiert in der Kampfkunst und prügelt in mehreren Episoden so einige größere, schwerere und angeblich besonders gefährliche Kämpfer um.

Sense8 erzählt ganz individuell die Geschichten der einzelnen Protagonisten und verknüpft nach und nach die Schicksale der Personen miteinander. Doch zu Beginn der ersten Staffel wird unser Cluster erst „erweckt“, von einer Frau, die sich kurz darauf das Leben nimmt. Erst dann können sie vollständig auf ihre kollektiven Fähigkeiten zurückgreifen. Weil so etwas aber nicht von jetzt auf gleich geht, gibt es einige Verwirrung.

Stellt euch vor, ihr blickt morgens in den Spiegel und euch schaut plötzlich ein halbnackter Latino oder eine koreanische Frau an. Wie würdet ihr reagieren? Verwirrt, vermute ich. Genau so ergeht es auch unseren Protagonisten. Einige glauben, verrückt zu werden, weil sie Menschen sehen, die sonst niemand sieht. Bei Nomi wird eine angebliche Hirnkrankheit festgestellt, die durch eine Operation behoben werden soll.

Hinzu kommt, dass die Personen im Cluster nicht nur die anderen Leute sehen, sondern auch deren Sinneseindrücke geliefert bekommen können. Will steht schon beim Nachbarn vor der Tür, weil laute Musik aus der Wohnung erschallt. In Wahrheit wohnt dort aber niemand und er hat die akustische Wahrnehmung von Riley geteilt, die gerade in einer Disco auflegt.

Was Capheus wohl nimmt, damit er immer so gut drauf ist?

Was Capheus wohl nimmt, damit er immer so gut drauf ist? (© Netflix)

Der Einzige, der erstaunlich gut und schnell mit alledem klar kommt, ist Capheus. Er ist auch der Erste, der auf die Fähigkeiten der anderen zurückgreift. Als er aufgrund von Fahrgastmangel durch eine üble Gegend fährt, wird sein Van überfallen, seine Gäste ausgeraubt und er verliert die Arznei für seine Mutter.

Der Frust packt ihn und er verfolgt die Verbrecher. Nachdem er zuerst einige Schläge einstecken muss, holt er in gewisser Weise Sun zu sich. Diese ist für den Moment zwar etwas verwirrt, doch greifen ihre Kampfreflexe schnell und sie verprügelt die Bösewichte. Daraufhin nimmt Capheus einem der Gangster eine Pistole ab und schießt auf das zweite Auto seiner Peiniger, das eben auf ihn zuhält. Praktisch, dass in dem Moment Will am Schießstand steht und für unseren Freund aus Nairobi den Abzug betätigt.

Ein Lob an den Schnittmeister

Das Geniale daran ist der Schnitt. Capheus kann nicht einfach selbst Tritte und Schläge austeilen, sondern unsere koreanische Freundin nimmt visuell kurz seinen Platz ein. Durch gekonnten Schnitt und Perspektivenwechsel ist dies so gut umgesetzt, dass teils in der Bewegung die Protagonisten ihre Plätze tauschen. Ein kleiner Schwenk oder eine kurze Fahrt und plötzlich steht da nicht mehr unser dunkelhäutiger „Van Damme“ sondern die koreanische Kampfmeisterin.

Diese Szenen gehören für mich zu den großen Highlights der ersten Staffel, die filmische Kunst darin gefällt mir sehr. Wie die Wachowskis hier mit bestehenden und häufig angewandten Techniken aus Filmen und Serien spielen und sie zu etwas Neuem werden lassen, das dann auch noch genau richtig für die Geschichte ist, finde ich großartig. Gerade für mich, der sich schon im Studium mit Schnitten, Kameraführungen und Bildsprache auseinandergesetzt hat, ein wahres Fest.

Lito: "Du warst so nah dran."  Wolfgang: "Ich brauche mehr Zeit, ich brauche eine Lüge." Lito: "In Ordnung, ich übernehme das."

Lito: “Du warst so nah dran.”
Wolfgang: “Ich brauche mehr Zeit, ich brauche eine Lüge.”
Lito: “In Ordnung, ich übernehme das.” (© Netflix)

Noch eine Schippe legen die Macher übrigens im Verlauf der Serie drauf: Wolfgangs bester Freund Felix (guter Name!) wird angeschossen. Unser Berliner Verbrecher weiß, dass es sein Cousin Steiner war und will Rache. Dafür stellt er ihm eine Falle, kommt unbewaffnet zu einem Treffen und versteckt eine Pistole unter seinem Auto. Dummerweise läuft etwas schief und er braucht schnell eine Notlüge, die er nicht parat hat.

Das Bild wird kurz eingefroren und Wolfgang steht plötzlich mit Lito neben der Szenerie. „Das ist blöd. Du warst so nah dran an deiner Waffe“, sagt unser Mexikanischer Freund. Nach einer kurzen Beratung übernimmt er die Rolle von Wolfgang, lügt Steiner an und verschafft dem Berliner so die nötigen Sekunden. Später wird Lito in Mexiko verprügelt. Wolfgang kommt ihm zu Hilfe, reicht ihm eine Hand, als unser Mexikaner am Boden liegt, und hilft ihm auf.

Beides verdeutlicht, dass die Sense8 nicht alleine sind und ihre Freunde beziehungsweise ihr Cluster immer dabei haben. Und nicht nur das – ihre Freunde können ihnen helfen und direkt eingreifen.

Einer hat mehr Tiefe als alle Avengers zusammen

Sehr viel wichtiger über die ganze erste Season hinweg sind dagegen die einzelnen Figuren. Es fällt mir sehr schwer, einen Liebling aus den acht auszuwählen. Mir passierte es häufig, dass ich nach einer Szene dachte: „Capheus ist der Beste, cooler Typ.“ Ein paar Szenen später war dann Nomi wieder meine Favoritin um noch in der Folge von Wolfgang oder Lito oder wem auch immer abgelöst zu werden.

Dabei haben die einzelnen Protagonisten so unfassbar viel Tiefe, dass sich die kompletten Avengers nicht mit einem aus Sense8 messen könnten. Ich hätte nicht gedacht, dass es in einer Serie so gut funktioniert, acht Protagonisten einzuführen und allen den nötigen Raum und Tiefgang zu geben. Das ist eine der größten Leistungen, die die Wachowskis gemeinsam mit J. Michael Straczynski geschafft haben. Davor muss ich ehrlich meinen nicht vorhandenen Hut ziehen.

Whispers (rechts) will nicht nur knutschen, er will sein Gegenüber beherrschen. (© Netflix)

Whispers (rechts) will nicht nur knutschen, er will sein Gegenüber beherrschen. (© Netflix)

Die Geschichte, die der ersten Staffel von Sense8 zugrunde liegt, möchte ich nur kurz anreißen: Mr. Whispers kann andere „Erwachte“ beherrschen und manipuliert. Diese setzt er für seine Zwecke ein. Nomi gerät bei der vermeintlichen Gehirnoperation in seine Fänge. Diese Geschichte entwickelt sich sehr langsam, erst in den letzten drei Folgen der Staffel steigt das Tempo enorm, und endet schließlich in einem Finale Grande, bei dem nicht nur alle Fähigkeiten gebraucht werden, sondern alle auch an ihre Grenzen kommen. Mehrere des Clusters stehen kurz vor dem Tod und ich verrate nun nicht, ob alle überleben.

Zu Beginn war ich sehr skeptisch, weil sich die Geschichte nur sehr langsam entwickelt hat und ich glaube, dass man noch mehr hätte rausholen können. Die Zeit, die die Wachowskis für das Schärfen der Charaktere und ihrer Kräfte aufgewendet haben, fehlt also letztlich ein bisschen bei der Geschichte. Ich habe aber die Hoffnung, dass bei einer zweiten Staffel ordentlich nachgelegt wird, denn die Protagonisten sind nun schließlich bekannt und die Story muss nicht mehr so langsam angegangen werden.

Das dauert…

Dieser langsame Aufbau der ersten Staffel von Sense8 scheint aber typisch für Netflix-Serien: Die Geschichte braucht sehr lang, um in Fahrt zu kommen. Die ersten beiden Folgen plätschern nur so dahin und erst ab der dritten, in der Capheus dank seiner Cluster-Kollegen die Banditen zerlegt, nimmt die Serie etwas an Fahrt auf. Dennoch bremsen die Wachowskis das Tempo auch sehr schnell wieder ab und wirken sehr langsam auf das Ende hin. Die letzten zwei bis drei Folgen sind dann ein wahres Feuerwerk an Action und unerwarteten Wendungen. Außerdem gehen kleine Erzählstränge plötzlich im großen Ganzen auf.

Jemand soll im Nahkampf erledigt werden? Dann ist Sun genau die Richtige!

Jemand soll im Nahkampf erledigt werden? Dann ist Sun genau die Richtige! (© Netflix)

Diese Herangehensweise ist sicherlich dem Binge Watching geschuldet. Schließlich könntet ihr, theoretisch, bei Netflix alle Folgen an einem Stück anschauen. Ob ihr das wirklich tun solltet, bei 12 Folgen zu je rund 60 Minuten, sei mal dahingestellt. Aber Netlfix muss nicht mehr darauf achten, dass jede Folge in einem eigenen kleinen Höhepunkt endet, der dann in der nächsten wieder aufgegriffen wird. Zwar werden auch Serien wie Game of Thrones oder Walking Dead gerne einmal am Stück durchgesuchtet, doch wenn ihr darauf achtet, folgen diese eher dem klassischen Aufbau: Höhepunkt am Ende, damit ihr auch nächste Woche wieder einschaltet.

An Sex wird in Sense8 nicht gespart...wirklich nicht.

An Sex wird in Sense8 nicht gespart…wirklich nicht. (© Netflix)

Bei Sense8 sind es eher die kleinen Cliffhanger, die entweder eine Entscheidung in der nächsten Folge andeuten, oder das Vorschaubild der nächsten Episode, bei dem ihr plötzlich Capheus in Korea seht. Warum steht er da? Was ist da los? Und schon seid ihr in den nächsten 60 Minuten gefangen.

Ich muss ehrlich sagen, dass ich mit dieser Herangehensweise erst noch warm werden muss, sehe aber die Vorteile, gerade bei Sense8. Dank des langsameren Aufbaus können die Geschichten besser erzählt und die Charaktere intensiver ausgearbeitet werden. Sie müssen nicht in jeder Folge in einem Actionfeuerwerk oder einer dramatischen Sequenz irgendetwas beweisen. Gerade die leisen Töne verleihen den Protagonisten etwas Besonderes.

Fazit

Alles in allem finde ich Sense8 großartig, sowohl filmisch als inhaltlich, und muss eine klare Empfehlung aussprechen. Allerdings solltet ihr euch auf die langsamere Erzählform einlassen und der Serie ihre Zeit geben.

Falls ihr noch keinen Netflix-Probemonat hattet, dann macht das auf jeden Fall, um euch Sense8 anzuschauen. Aber auch das Geld für ein Abo ist die Serie auf jeden Fall wert. Für unsere UHD-Freunde auch noch wichtig: Sense8 ist in 4k verfügbar, sofern ihr das entsprechende Abo abschließt.

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Felix Mohring

Mit 11 Jahren aus Versehen in die Rollenspielrunde des großen Bruders gerutscht und seither nicht mehr von dem Hobby losgekommen. Gründer und Marketing-Äffchen, Moderator und Formatentwickler der NonPlayableCharacters.
Hauptthemen: Pen&Paper

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