Im Weltall hört dich keiner gähnen


Ach Johnny, Johnny Boy, wo bist du da wieder gelandet? Sollte es doch eigentlich nur ein netter Familienausflug zum Titan werden, aber dann kommt alles anders und Johnny steckt auf einmal knietief im Gekröse auf einem interstellaren Trawler, der ganz groß im Fischereibusiness ist – wenn auch die Beute nur einen ganz bestimmten Geschmack zufrieden stellt, den chaotisch bösen und ganz besonders wahnsinnigen.

John hat ein Problem. Genauer gesagt hat er gleich mehrere. Zum einen kann er nicht besonders gut lesen und schlussfolgern, zum anderen ist er in einer platten Horrorstory gefangen, für die er mit diesen Fähigkeiten der perfekte Kandidat ist. Außerdem ist er sehr ungeschickt und ohne meine Hilfe völlig aufgeschmissen.

Juhu, ein Schalterrätsel

Juhu, ein Schalterrätsel

Eigentlich könnten wir ein sehr gutes Team sein, der John und ich. Ich mag Horrorstorys seit meiner Kindheit. Poe, Lovecraft und Hohlbein haben mir so manch mit kaltem Schweiß angefüllte Nacht beschert. Vorzüglich kann ich mich wunderbar bei Geschichten gruseln, die viele Fragen offen lassen, Kettensägen und Splatter vermeiden, dafür aber einen Fokus auf die Angst vor dem Unbekannten legen. Gerne gebe ich zu, dass selbst so manches Game mich an den Bildschirm das Grauen lehren konnte.

So hat mir Amnesia ein paar wohlige Schauer über den Rücken gejagt, während ich mich vorsichtig von Kammer zu Kammer schlich, um dem Grauen in der Dunkelheit zu entkommen und verstörende Botschaften entzifferte. Auch den Klassiker Eternal Darkness möchte ich hier lobend erwähnen, der dem Wahnsinn im Videospiel eine ganz neue Form gab. Hier hatte die Anspannung des Protagonisten eine direkte Auswirkung auf das Spielgeschehen, die so geschickt gestaltet wurden, dass man manchmal selbst an seinem Verstand zweifelte.

Allen Anfang hat der Schrecken aber bestimmt bei Kings Quest 7 genommen. Erinnert sich irgendwer an den schwarzen Mann? Das war ein wahrer Lieblingsschockmoment in meiner Jugend.

Wo bin ich hier wieder aufgewacht?

Dabei gibt sich Stasis (u.a. erhältlich bei GOG.com) vom Entwickler Brotherhood alle Mühe, den Spieler an den Bildschirm zu fesseln und in große Fußstapfen zu treten. Dass es dabei scheitert, kann ich da schon fast nicht mehr übel nehmen, vor allem wenn ich bedenke, dass das Entwicklerteam aus genau zwei Leuten besteht. Brüder eben.

Das Spiel versetzt mich in die Rolle von John, der auf dem Forschungsschiff  Gloomlake gestrandet ist, das irgendwo im Weltraum treibt und ganz und gar nichts mit dem schönen Familienpicknick zu tun hat, das sich der Familienvater, von Beruf her übrigens Lehrer, gewünscht hat.

Da Reisen im Weltraum mitunter sehr lange dauern, bedienen sich die Menschen des Brotherhood Universums des Cryo Schlafes, um große Distanzen zu überwinden. Dabei wird man über lange Strecken eingefroren und bekommt von seiner Umgebung nichts mehr mit. Da kann es schon mal passieren, dass man mitten im Flug abgefangen wird und ganz woanders aufwacht. Fürchterlich allein und getrennt von seinen Liebsten. Dass die Gloomlake dann noch im Dienste der Caine Corporation steht (hat dieser Name je für etwas Vertrauenswürdiges gestanden?), vermittelt kein Gefühl der Sicherheit.

Hier steht, was passiert ist? Wird ignoriert.

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Carl Sagan und Einstein als Team vereint.

Das gibt John natürlich gleich die richtige Motivation, den Geheimnissen der Gloomlake auf den Grund zu gehen. Diese werden zwar  so ziemlich alle in den ersten vier PADS aufgeklärt, die ihr auf dem Weg aus der Krankenstation findet, aber der Protagonist überließt das geflissentlich.

PADS sind die kleinen Computer die überall verstreut im Spiel zu finden sind und Hinweise auf die Hintergrundgeschichte geben. Leider scheint John, diesen nicht besonders viel Beachtung zu schenken, sonst würde er sich nicht so oft wundern. Beispielsweise darüber, dass seine Raumkapsel abgefangen wurde, seine Familie fort ist und überall auf dem seltsamen Raumschiff Blut und Leichen in so großer Menge liegen, dass es eine wahre Freude für jeden Splatter-Fan ist.

Auf den PADS bekommt ihr als Spieler dann auch ein paar Hinweise für die oft kruden Rätselspielerreien, die in Adventure Games schon fast obligatorisch zu sein scheinen. Schalterrätsel, Türenrätsel, Pumpenrätsel, Farbrätsel. Alles schon gesehen, alles schon gehabt.
Wie sehr wünsche ich mir einmal ein Game, das statt dieser generischen Rätsel einfach mal mit tatsächlich logischen Aufgaben aufwartet. Warum nicht mal eine tatsächlich in der Realität existierende Schaltung reparieren oder Codes und Sicherheitssysteme knacken die wenigstens mit einem Mindestmaß an Logik erstellt wurden, sodass man sich als Spieler denkt: Ja, so etwas könnte tatsächlich genau so existieren?

Aber John muss sich mit Althergebrachtem zufrieden geben, um dem Verschwinden seiner Angehörigen auf die Spur zu kommen. Eine Suche die den Lehrer über zahlreiche Leichen und in düstere Räume stolpern lässt, die meistens vorher durch irgendeinen Trick geöffnet werden mussten, um darin genau den einen Gegenstand zu finden, den ihr für das Weiterkommen braucht.

Dabei ist das alles gar nicht so furchtbar schlecht gemacht. Die Grafik von Stasis ist grobkörnig und düster, passt aber zum Szenario. Die Geräuschkulisse ist super. Obwohl John die meiste Zeit alleine auf dem großen Schiff ist, wird die Stille immer wieder von seltsamen Lauten, Computerstimmen und ab und an sogar von Funksprüchen durchbrochen. Das schafft Stimmung und die ist gerade am Anfang von Stasis gut gelungen.

Hallo, ich bin’s, dein Anzug

Gleich nach dem Start des Spiels muss John nach seinem überstürzten Aufwachen aus der Cryostase ganz schnell in die Krankenstation, um an seinen Verletzungen nicht zu sterben, worauf er nachdrücklich vom Computer in seinem Anzug hingewiesen wird. Gerade das macht beim Zuhören Laune und ich hätte mir mehr Interaktion mit dem Lebenserhaltungsanzug gewünscht. Ein Netter Seitenhieb auf Half Life.

Während der verzweifelte Familienvater in den ersten Minuten noch durch relativ leere Räume stolpert, die nur mit ein paar Blutspuren auf das Schicksal der Crew hindeuten, trifft er schon bald auf die ersten Toten und von da an geht es stetig bergab. Die Entwickler scheinen sich gedacht zu haben, dass mehr immer besser ist. John stolpert in der Folge über ganze Leichenberge, die fürchterlich zugerichtet sind und da sich furchtbar irgendwann nicht mehr steigern lässt, führt das stetige Grauen schnell zu einem Gefühl der Gleichförmigkeit und Langeweile.

Aha, was ist im nächsten Raum? Noch mehr Leichen. Was glitzert dort? Wieder ein PDA, auf dem ganz nebenbei ziemlich genau steht, woran die Crew gestorben ist und was in den Schatten lauert und trotzdem, da kann ich mir sicher sein, wird John wieder völlig verwundert sein, wenn er dann auf die Tatsachen stößt: „Was geht hier vor?“

Besonders kurios wird es in dem Moment, in dem John in der Mitte des Spiels auf eine Leiche trifft, die er erwähnenswert findet, während er zuvor an den zahlreichen toten Körpern völlig kommentarlos vorbei gegangen ist.

Geht das? Nein. Und das? Nein. Und das? Ja \o/

Leichen, Leichen, Leichen und ein Hologramm

Leichen, Leichen, Leichen und ein Hologramm

Was da vor sich geht, lässt sich übrigens sehr leicht voraussehen. War es in den ersten Minuten noch nicht klar, welches Schicksal John droht und was auf der Gloomlake mit den anderen Besatzungsmitgliedern passiert ist, so verschießt das Spiel sein Pulver so schnell, dass ich innerhalb kurzer Zeit keine Fragen mehr habe. Ab der zweiten Hälfte verlegt sich das Szenario dann so sehr auf den Holzhammer-Splatter und unsinnige Kombinationen (Operation an sich selbst – natürlich ohne Betäubung, Pistole+Organe= veredelte Organe), dass mein Interesse endgültig im Keller ist.

Dazu tragen auch zahlreiche kleine Bugs bei, die es mir oftmals unmöglich machen, bestimmte Rätsel wieder zu verlassen und mich so weiter im Raum um zusehen. Die Folge: Neustarten des Spiels. Hinzu kommen die Aufgaben selbst, die oftmals so fernab jeder logischen Schlussvolgerung sind, dass die Lösung zum Trial and Error-Prinzip ausartet.  Die grobkörnige Grafik macht es zudem schwierig, Bildelemente zu erkennen und wichtige Gegenstände zu finden, die sich leider auch nicht hervorheben lassen.

Dazu sei noch gesagt, dass John auch leicht suizidal unterwegs ist. So kann er auf dem Bildschirm immer auch selbst angeklickt werden, was durchaus auch aus Versehen passiert. In Kombination mit einem Gegenstand bringt er sich dann meistens in einer kleinen, blutigen Sequenz um, was irgendwann nur noch nervig ist, da auch viele andere Spielelemente dafür sorgen, dass er das zeitliche segnet. Und dann könnt ihr nicht mal die Sequenz überspringen… Regelmäßiges Speichern ist hier von Vorteil.

Fazit

Ach John. Wir beide, wir kommen einfach nicht miteinander klar. Du fühlst dich zu sehr zu Blut und Gewalt hingezogen, ohne Sinn und Verstand, während ich die Dunkelheit schätze, die sich langsam entwickelt und die auf irgendeine verdrehte Weise am Ende immer noch einen Sinn hat.

Stasis ist unter den Games das, was in der Rollenspielrunde der chaotisch böse Schurke ist, der grundlos jemanden erschlägt und dann auf dessen Leiche tanzt. Ein Bad in Gewalt ohne Sinn und Verstand. Mir persönlich ist das zu platt und deshalb auch nur Geschmackssache. Fans des gepflegten Psycho-Horrors möchte ich dagegen gerne ein paar alternative Titel ans Herz legen: Mit Amnesia, Penumbra, Project Zomboid oder This War of Mine seid ihr besser unterhalten. 

Was bedeutet diese Wertung? Klickt hier und findet es heraus.

Stasis

Price: EUR 9,94

4.0 von 5 Sternen (1 customer reviews)

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Lukas Kebel

Lukas Kebel

Hat sich schon in früher Kindheit mit Rollenspiel infiziert und gilt als Überträger der Stufe 12. Sammelt nun EP in der Prestigeklasse Artikelknecht.
Hauptthemen: Pen&Paper, Games

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