Tipps für Spieler Teil 6: Blicken wir in die Zukunft des Charakters


Im Laufe der Zeit wird sich ein Charakter immer weiter entwickeln. Durch Erfahrungspunkte steigt er im Level, die Fähigkeiten werden immer besser und Wissen sammelt sich natürlich auch an. Dann schauen wir doch mal, wie ein Pen&Paper-Charakter in den nächsten Wochen, Monaten, Jahren aussehen könnte.

Bei der Entwicklung baut Felix, wie auch bei allen anderen Punkten, mehr auf den erzählerischen Aspekt. Was das bedeutet, erklärt er gleich. Thomas erstellt dagegen einen genauen Plan, wann was wie aufgelevelt werden muss, um das Maximale aus seinem Charakter zu holen. Wie auch zuvor nehmen die beiden dabei sehr extreme Gegenpositionen ein. Für eine Möglichkeit irgendwo dazwischen, schreibt Marten dann noch seine Meinung. Und dennoch gibt es zwischen den drei Konzepten viel Platz.

Felix: Natürliche Entwicklung

Ich wurde erst von Computerspielen in die Rollenspielwelt hineingezogen, wurde also mit dem Prinzip Erfahrungspunkte und Stufenaufstieg sozialisiert. Mit DSA 1 und auch späteren Versionen des Schwarzen Auges ging das natürlich direkt auch in die Welt auf dem Papier über. Heute muss ich sagen, dass ich kein großer Freund davon bin. Warum? Weil es irgendwie unlogisch ist, dass ich als Krieger, der mit einem Schwert rumrennt, plötzlich Bogenschießen lerne.

Aber warum schreibe ich das? Ganz einfach: Für mich sollte eine Entwicklung eines Charakters natürlich ablaufen. Haue ich also ständig Orks einen Hammer auf den Kopf, dann verbessern sich mit der Zeit meine Kampfskills, vielleicht mein Wissen über die Kampfstrategie von Orks und alles was sonst noch irgendwie mit dem Kampf in Verbindung gebracht werden kann. Im Idealfall ist dies auch im System entsprechend implementiert. Sollte das nicht so sein, sollten Spielleiter und Spieler gleichermaßen darauf achten.

Denn wenn ihr euch einen genauen Plan macht, dann passieren solche Dinge: “Mein Charakter ist ein ziemlich guter Kämpfer zu Beginn, damit er nicht gleich stirbt. Da er so viele Feinde umschnetzelt, bekomme ich auch etwas mehr Erfahrungspunkte und wende dann meinen Levelaufstieg für Zeug wie Handeln, Wildniskunde und Wissen auf.” WHAT? Über die unlogische Folge müssen wir wohl nicht diskutieren.

Auch die Entwicklung der Persönlichkeit sollte natürlich vonstatten gehen. Ihr entscheidet mit jeder Handlung, was für einen Typen ihr spielen wollt. Aus irgendeinem Grund werdet ihr zum Berserker und schnetzelt vier Leute über den Haufen? Dann verhaltet euch danach nicht, als ob ihr der Dalai Lama persönlich wärt, es sei denn, es gibt einen sehr plausiblen Grund für euren plötzlichen Wandel zum Pazifisten.

Geht gemeinsam mit eurem Charakter den Weg bis zu seinem Ende oder bis ihr keine Lust mehr auf ihn habt und folgt einem logischen Pfad, egal ob ihr eure Punkte frei verteilen dürft oder nicht.

Thomas: Leveln nach Plan

Kauf- vs. Stufensystem: In einem Stufensystem ist die langfristige Charakterplanung noch wichtiger als in einem freien Kaufsystem, wo ihr lediglich bestimmte Voraussetzungen für Fähigkeiten besitzen müsst. In einem Stufensystem mit Multiclassing und Prestigeclasses ist eine vernünftige Charakterplanung das A & O. Teilweise starte ich in solchen Systemen sogar schlechter als andere Mitspieler um meine langfristigen Ziele zu erreichen. Ich persönlich bevorzuge Kaufsystem da sie mich nicht so sehr dazu zwingen, den Charakter bis Stufe 20+ durchzuplanen. Obendrein gibt es hier mehr Möglichkeiten für den Munchkin und Minmaxer in mir, den perfekten Charakter zu erschaffen.

Langzeitplanung: Ich plane also die Entwicklung meines Charakters komplett durch. Dies hat den Vorteil, dass ich bei einem Stufenanstieg – im Gegensatz zu den Mitspielern – nahezu sofort den Charakter fertig habe. Außerdem bewahrt mich die Langzeitplanung davor, Fehler bei dem Charakterausbau zu begehen und wichtige Punkte zu vergessen.

Natürlich kommt es immer wieder  vor, dass ich aus gegebenem Anlass das Feintuning nochmal überarbeite und andere Dinge steigere als ursprünglich geplant. Aber auch dies ist dank der Langzeitplanung kein Problem. In seltenen Fällen werfe ich aber auch mal die eigentliche Strategie über Bord und erstelle eine neue.

Dennoch denke ich, dass Charaktere, die sich wild entwickeln, niemals eine solche Effizienz haben können, wie jene, die bereits ab Start für mehrere Jahre Spielzeit durchgeplant wurden. Ich muss allerdings auch offen zugeben, dass ihr Gefahr lauft, eine Menge Zeit auf die Planung eines Charakters zu verschwenden, den ihr niemals so weit entwickeln werdet. Da mir die Charaktererschaffung aber sehr viel Spaß bereitet und ich durch die langfristige Planung sehr viel über das System lerne, nehme ich dieses Risiko gerne in Kauf.

Etappenplanung: Die Langzeitplanung beinhaltet aber auch bestimmte Meilensteine. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass nach dem Meilenstein theoretisch die Langzeitplanung geändert werden kann, ohne dadurch das Hauptziel der bisherigen Charakterentwicklung komplett neu zu überlegen. Ich setze mir dabei zum Beispiel das Ziel, eine bestimmte Fähigkeit oder einen bestimmten Wert zu erlangen, und richte die komplette Charakterentwicklung bis zur Erreichung dieser Etappe darauf aus. Spätestens kurz bevor ich diese erreiche, überlege ich mir einen neuen Meilenstein, also eine Fähigkeit, die den Charakter weiter abrunden soll, und beginne mit der Planung. 

Munchkintum: Wer sich so stark mit dem Chartakterbau beschäftigt, wird zwangsweise über (Regel-)Lücken stolpern. Ihr werdet auch üble Kombinationen aus (Prestige-)Classes und Spezialaktionen entdecken, wenn ihr einen Charakter bis zum Ende durchplant – und das schneller als eure Mitspieler. Wer seinen Helden so durchplant, wird schnell als Munchkin und MinMaxer betitelt. Aber was ist so verkehrt daran, das Beste aus dem Charakter herausholen zu wollen?

Ohne eine ausführliche Planung werdet ihr kaum mit ungewöhnlichen Kombinationen einen vielseitigen und gleichzeitig starken Helden erschaffen können. Ein Munchkin oder MinMaxer ist in meinen Augen jemand, der NUR auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist, und versucht, den Rest der Gruppe in den Schatten zu stellen. Ich hingegen würde von mir behaupten, dass ich nur das Beste für die Gruppe herausholen will. Was bringt der Gruppe ein stylischer aber schwächlicher und unfähiger Charakter, den man ständig an die Hand nehmen muss? Eben. 

Darum schere ich mich nicht um die Blicke der anderen und gebe ihnen Tipps, wie ich ihre Helden ausbauen würde, um das Beste aus ihnen herauszuholen. Diese Ratschläge kommen allerdings nicht immer an und einige fühlen sich davon auf den Schlipps getreten. Sie nehmen lieber unpassende Fähigkeiten und wundern sich anschließend, wenn ihr Plan nicht aufgeht und mein Alleskönner auf ihrem Spezialgebiet genauso gut ist wie ihr Charakter. Warum jemand so etwas macht ist mir schleierhaft, aber jedem das seine. 

Persönlichkeitsentwicklung: Keine Ahnung wie es euch geht, aber trotz – oder gerade aufgrund – meiner ausführlichen Planung, entwickelt der Charakter schnell ein Eigenleben. Ich fühle mich recht schnell so sehr in den Helden ein, dass ich instinktiv weiß, was der Charakter in welcher Situation tun will. Teilweise handle ich dabei sogar gegen den gesunden Menschenverstand, weil sich diese Handlung besser anfühlt, als jenes was man eigentlich tun sollte.

Meist entsteht das Eigenleben bereits in der ersten Spielesession und ändert sich anschließend nur noch geringfügig. Ich habe aber auch schon Charaktere gespielt, die durch ein besonderes Ereignis einen kompletten Sinneswandel erfahren haben, aber dies ist doch eher die Ausnahme gewesen. Andere wiederum waren von vorneherein zwiegespalten aufgestellt und haben sich anders gegeben als sie tatsächlich waren, um im richtigen Moment die Maske fallen zu lassen.

Gruppenentwicklung: Neben der Charakterentwicklung müsst ihr aber auch die Entwicklung der Heldentruppe im Auge behalten. Manchmal ist es meiner Meinung nach nötig den Charakter an die Bedürfnisse der Gruppe abzustimmen. So hat sich ein ursprünglich auf Kampf ausgelegter Barbar schließlich zum Schurken weiterentwickelt, um die Lücke der Gruppe zu füllen. Da ich ihn ohnehin auf Geschicklichkeit und nicht auf Stärke ausgerichtet hatte, war diese Planänderung ohne Probleme zu meistern und hat den Charakter einzigartig gemacht. Wie weit dies möglich und nötig ist, kommt aber auf die Gruppe und den Spielleiter an. Manchmal ist es besser eine bestehende Lücke durch einen NSC zu füllen, als diese mit Gewalt selbst schließen zu wollen. Wenn es aber um elementare Fähigkeiten geht bin ich der Meinung, dass diese durch die Heldengruppe abgedeckt sein sollte.

Marten

Wie so oft tendiere ich hier mehr in Richtung Felix, allerdings mit einigen Einschränkungen. Ein guter Charakter ist für mich, offenbar im Gegensatz Thomas, kein Konstrukt aus Regeln, die möglichst viel Schaden in der Runde austeilen, sondern einer, den ich gerne spiele. Entsprechend entwickelt sich ein Charakter bei mir normalerweise auf zwei Arten weiter: Als Persönlichkeit kommen organisch im Spielverlauf Dinge hinzu, die den Charakter verändern und weiterentwickeln. Dabei gibt es auch bei mir zwar selten 180-Grad-Wendungen, bei denen einer meiner Charaktere durchdreht und sich völlig verändert – Momente, in denen ich Entscheidungen treffe, können und sollen aber durchaus von vorherigen Sitzungen beeinflusst werden. Dass dies ab und zu im Tod der ganzen Gruppe enden kann, nehme ich dabei in Kauf – zum einen bleibe ich (genau wie Thomas) in-character und versuche, Metagaming fernzuhalten, zum anderen ist es better to burn out than to fade away.

Mechanisch gibt es schon Dinge, die Ihr vor allem in kampflastigen Runden in Kauf nehmen und einplanen solltet. Bin ich im Gegensatz zum Rest der Gruppe vollkommen nutzlos, ist dies schon okay – wenn es ins Charakterkonzept passt. Bin ich aber der Dandy Highwayman aus meinen früheren Beispielen, dann sollte ich in einem Pistolenduell meinen Beitrag leisten können und entsprechen Fähigkeiten haben. Eventuell wird so aus einem Großmaul mit nichts dahinter irgendwann ein arroganter aber fähiger Kämpfer – ein lohnendes Ziel! Überlegt also in den entsprechenden Systemen gerne vorher, was Ihr machen solltet, haltet den Planungshorizont aber nicht zu fern: Vielleicht gibt es Entwicklungen, auf die Ihr auch mechanisch noch reagieren müsst. Darauf solltet Ihr immer gefasst sein.

So langsam sollte es doch ausreichen mit der Vorbereitung! So oder ähnlich werdet ihr nun vielleicht denken. Und tatsächlich. Im nächsten und letzten Teil unserer Reihe geht es darum, wie ihr euren Charakter nun in den Spielrunden umsetzt.

Vorangegangene Teile

Tipps für Spieler Teil 1: Wie finde ich den passenden Charakter?
Tipps für Spieler Teil 2: Charakterkonzept Ausarbeitung
Tipps für Spieler Teil 3: Umsetzung des Konzepts
Tipps für Spieler Teil 4: Waffen, Rüstung und was man sonst so braucht
Tipps für Spieler Teil 5: Hintergrundgeschichte oder einfach drauf los?

Marten Zabel

Marten Zabel

Bewertet Dich anhand Deiner Spiele, Serien und Rechtschreibung, wenn er nicht gerade selbst Spiele designt oder von größeren Dingen träumt.
Hauptthemen: Pen & Paper, Games, Brettspiele

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