The Long Dark: Tagebuch eines Überlebenden


Wie ist es, tagelang durch die Wildnis zu stapfen, immer mit der Angst im Nacken, im nächsten Moment tot zu sein? The Long Dark versucht dieses Gefühl zu vermitteln und greift dabei unter anderem auf einen Permadeath zurück. Speicherstände werden also gelöscht, wenn ihr sterbt. Uns wurde ein Tagebuch zugespielt von einem, der es geschafft hat.

Tag 1: The Long Dark startet nach überraschend kurzer Installationszeit. Mein namenloser Protagonist beginnt das Spiel an einem verschneiten Abhang. „Egoperspektive, WASD zum Bewegen, alles klar!“ Während ich ins Tal hinabgehe, lausche ich einer Handvoll Krähen in den Baumwipfeln. Am Horizont entdecke ich drei Hütten und ein paar Baumstämme: ein Holzfällerlager.

Nach dem ersten Plünderdurchgang ist klar: hier ist niemand außer mir. Im Inventar stecken nun Energieriegel, Trockenfleisch und ein paar Sodadosen. Glück gehabt, immerhin sollen die Gegenstände zufällig verteilt werden.  Hinter einem der Häuser finde ich dann eine gefrorene Leiche. Dezente Musik setzt ein und ich ertappe mich dabei, wie ich das grobe 3D-Modell etwas zu lange anstarre. „Wer der wohl gewesen ist?“ Egal, erst mal schlafen. Mit einem Klick auf das Bett stelle ich die Uhrzeit zum Aufstehen ein, ganz wie in Skyrim.

Wildnis, Schnee und Einsamkeit.

Wildnis, Schnee und Einsamkeit.

 

„Überleben ist nicht so einfach“

Tag 2: Gerade ausgeschlafen, schon blinken wir Warnanzeigen entgegen: Hunger und Durst, na klar. Ich bediene mich aus meinem Rucksack und beschließe, die nächste interessante Location zu suchen. An einem gefrorenen See beobachte ich zwei Rehe, bevor diese vor mir fliehen. Mit einer Waffe hätte ich sie sicher schießen können. Dann wird das Wetter schlechter und eine neue Anzeige blinkt auf: Unterkühlt. Die Soda ist auch alle.

Die Kanadische Wildnis kann mich mal! Im Laufschritt versuche ich zurück zum Holzfällerlager zu finden, habe mich aber hoffnungslos verirrt. „Muss ich etwa erfrieren?!“ Da entdecke ich ein Geländer! Mit letzter Kraft schleppe ich mich einen Hügel hinauf zu einer Jagdhütte. Nach drei kläglichen Versuchen schaffe ich es sogar, im Ofen Feuer zu machen. Dass dabei mein Feuermachen-Skill um ein Prozent steigt, nehme ich kaum noch wahr. Stattdessen esse ich meinen letzten Energieriegel und trinke geschmolzenen Schnee. „Überleben ist wohl doch nicht so einfach.“

Home Sweet Home!

Home Sweet Home!

 

„Die Kälte ist der wahre Feind hier.“

Tag 3: Richtige Planung ist alles und die Jagdhütte gibt einiges her: Mit genug Schmelzwasser, ein paar Hundefutterdosen und  Büchsenöffner beschließe ich weiterzuziehen. Per Axt werden vorher noch Holzkisten zu Brennmaterial verarbeitet und vom höchsten Punkt aus, die Landschaft ausgespäht. „Jetzt fühle ich mich, wie ein richtiger Überlebender!“ In welche Richtung ich eigentlich Laufe, weiß ich immer noch nicht – ist ja auch klar, ohne Kompass.

Auf einem Papier skizziere ich unterwegs Landschaftsmerkmale. Rast mache ich mittags an einem Hochsitz und feiere den Fund einer alten Dose Tomatensuppe wie einen Schatz. Auch der Tag der Wanderschaft zieht sich und das Wetter schlägt wieder zu. „Die Kälte ist der wahre Feind hier.“ Kurz vor Sonnenuntergang finde ich dann endlich eine kleine Fallensteller-Hütte auf einer Anhöhe über einem Tal. Es dringt sogar Rauch aus dem Kamin! Doch es ist auch hier niemand zuhause. Noch beim Plündern überfällt mich dann endgültig die Müdigkeit und ich schlafe erschöpft ein …

Ein heimeliges Heim oder doch eher gruselig?

Ein heimeliges Heim oder doch eher gruselig?

 

„So kann es nicht enden!“

Tag 4: „Eigentlich ist diese Hütte so gut, wie jede andere auch.“ Zwei Gräber samt gefrorener Leiche im Tal erklären, was mit den vorherigen Besitzern passiert ist und mich beschleicht ein merkwürdiges Gefühl von Einsamkeit. Ich möchte in die Landschaft brüllen und beschließe stattdessen trotzig, hier meine Basis aufzuschlagen und die Umgebung auszukundschaften. Dabei sammele ich jeden Stock, jeden Pilz und jede Flechte ein und schlachte ein totes Reh aus. Die Gedärme lassen sich trocknen und weiterverarbeiten. Das Fleisch brate ich zum Mittagessen und zähle die Streichhölzer ab.

„Das reicht erst mal für ein paar Tage, wenn ich mit dem Feuer sparsam bin.“ Später werde ich aus Metallschrott und Rabenfedern Pfeile machen und auf die Jagd gehen. Abends stelle ich die ersten Tierfallen auf, wo ich am Tag die Rehe gesehen habe. Da bemerke ich eine Bewegung im Dämmerlicht. Das Tier hat gelbe Augen! „Ein Wolf! Shit!“ Die Fackeln habe ich natürlich in der Hütte gelassen. Ich versuche vor ihm wegzurennen, aber er erwischt mich am Arm. Da ist sogar noch einer! So kann es nicht enden! Ich muss nur zurück zur sicheren Tür kommen. Warum habe ich auch keine Waffe gefunden? Warum …“

Mein Herz rast, bis mir wieder klar wird, dass ich nur vor einem Computerbildschirm sitze.

Fazit

The Long Dark ist ein First-Person Open-World-Survival-Spiel für Windows PC und X-Box One vom Entwicklerstudio Hinterland. Es spielt in der Kanadischen Wildnis nach einem Flugzeugabsturz. Bisher gibt es das Spiel als sehr stabile Alpha-Version mit drei Sandbox-Umgebungen; später soll ein Story-Modus hinzukommen. Drei Schwierigkeitsgrade stellen die eigene Überlebenserfahrung ein, ein Tod im Spiel löscht aber immer das Savefile (Permadeath). Doch gerade das und der Verzicht auf Komfortfunktionen wie Minikarte macht The Long Dark zu einem intensiven Spielerlebnis für Spieler, die auf Levelups und Leuchteffekte verzichten können. Ich jedenfalls kämpfe mich deutlich lieber durch diese authentische Wildnis, als gegen die nächste gröhlende Zombiehorde. In meinen Augen macht Hinterland bisher alles richtig und liefert mit The Long Dark einen Survival-Klassiker ab, der mich noch lange beschäftigen wird. Klare Empfehlung meinerseits.

Was bedeutet diese Bewertung? Findet es heraus mit nur einem Klick.

Dirk Walbrühl

Dirk Walbrühl

Spielleiter aus Leidenschaft. Sichtet Trends und neues Zeug. Kümmert sich um die Social Media-Kanäle. Schreibt noch für diverse andere Seiten.
Hauptthemen: Social Media

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