Weltenbau in Buch, Kurzgeschichte und TV-Serie


Erschafft man eine fiktionale Welt für einen Roman, eine Kurzgeschichte oder eine professionelle Fernsehserie, dann hat man es, was die Einführung des Lesers oder Zuschauer angeht, relativ einfach. Warum? Da gibt es diverse Ansätze. Stefan Holzhauer von Ætherangelegenheiten schlüsselt die verschiedenen Bedingungen auf.

Der Roman

In einem Roman habe ich genug Platz. Als Autor baue ich mir eine komplette Welt oder nur einige zentrale Rahmenbedingungen (beide Varianten haben ihre Vor- und Nachteile), und das nutze ich dann im Buch und führe den Leser im besten Fall nach und nach in die Welt ein. Das ist einfacher bei Umgebungen, die der Leser bereits kennt. Meiner Ansicht nach ein Grund, warum beispielsweise Urban Fantasy so gut ankommt: der Hintergrund ist bekannt – unsere Welt – und man kann sich auf die phantastische Erweiterung freuen – Worldbuilding für ein solches Szenario ist relativ einfach.

Bei Science Fiction oder Fantasy wird das schon schwerer, bei Fantasy insbesondere dann, wenn ich mich von den üblichen Klischees Elfen, Orks und Zwerge abwenden und eine tatsächlich originelle, neue Welt vor dem Leser ausbreiten möchte. Aber, und ich wiederhole mich: In einem Roman oder sogar einem Mehrteiler ist mehr als genug Platz, den Leser an eine auch komplexe Welt heran zu führen.

Die Kurzgeschichte

Bei einer Kurzgeschichte sieht das etwas anders aus, denn der Platz ist hier begrenzt. Ich muss nicht nur eine kurzweilige Story erzählen oder eine, die zum Nachdenken anregt. Ich habe zudem das Problem, dass ich dem Leser möglicherweise dabei auch noch einen Weltenhintergrund beibringen muss. Es gibt Autoren, die machen das nicht, werfen die Leser ins Setting – das kann attraktiv sein, muss man aber gut hinbekommen.

Überhäuft man seine Leser mit zu vielen unbekannten Begriffen, Konzepten oder Spezies, ist der überfordert und gibt auf. Man lässt also beispielsweise Informationen zum Hintergrund in Nebensätzen oder in die Handlung eingewoben einfließen. Komprimiert. Eine vollständige Welt kann man damit andeuten, sie aber nicht detailliert vor dem Leser ausbreiten. Das kann aber gehen, wenn man eine ganze Reihe von aufeinander aufbauenden Kurzgeschichten vor demselben Weltenhintergrund verfasst.

Die Fernsehserie

Bei professionellen Fernsehserien mit einer Laufzeit von 45 oder 60 Minuten ist es üblicherweise so, dass die Rahmenbedingungen in einer Pilotepisode vorgestellt werden. Damit werden die Grundlagen für die Welt (wenn man denn welche benötigt) umrissen. Bei Serien, die in unserem bekannten Umfeld spielen, muss man sich nicht mit dem Vorstellen des Universums abgeben, denn dies kennen die Zuschauer. Da kann man sich auf die Vorstellung der Charaktere und der Rahmenbedingungen beschränken.

Bei Fantasy-, Science Fiction- oder sogar Superhelden-Serien sieht das ein wenig anders aus. Da muss der Autor die Charaktere und Rahmenbedingungen ebenfalls einführen, hat aber zudem das Problem, dass auch die Paramneter der Welt und des Universums vorgestellt werden müssen. Natürlich nicht alle, aber die grundlegenden und wichtigen, ohne die diese Welt einfach nicht funktioniert (damit wird übrigens oft auch gleichzeitig die Grundlage für die entstehenden Konflikte gelegt).

Sind die Eckdaten klar, was am Ende des Piloten üblicherweise erledigt ist, kann die Serie im weiteren Verlauf darauf aufbauen und das Universum, das in diesem Fall durch einen Showrunner mit Hilfe von ausführenden Produzenten, “Creative Consultants” und Autoren vorher erschaffen wurde, ausbauen. Manchmal geht man einen anderen Weg, deutet nur an, und der Weg, rauszufinden, wie die Welt funktioniert, ist ein zentraler Punkt der Serienhandlung. Der Zuschauer lernt in dem Fall oft mit den Protagonisten. Akte X wäre ein Beispiel dafür, wie so etwas erfolgreich gehen kann.

Früher ging man das auch gern mal anders an. Star Trek beispielsweise hatte nur die Prämisse, dass da Leute mit einem Raumschiff rumfliegen, fremde Planeten besuchen und komische andere Leute treffen. Die sind Teil einer Sternenflotte und die gehört zur Vereinigten Föderation der Planeten. Damit sind die SF-Fans sofort abgeholt, denn mit dieser winzigen Umschreibung wurde eine Welt erschaffen, die man später mit Details und Leben füllen kann. Es ist nämlich gar nicht immer notwendig, eine Welt mit allen Facetten gleich von Anfang an vorliegen zu haben. Die kann sich mit den Protagonisten und ihren Abenteuern entwickeln.

Aber ich merke, wie ich anfange, abzuschweifen. Alles in allem ist es bei einer professionellen TV-Serie in der Regel so, dass die Kernelemente der Welt in der Pilotepisode vorgestellt werden. Anschließend baut man darauf auf.

Und bei Webserien?

Webserien, die nicht von Vollprofis gemacht werden, sondern von Enthusiasten mit meist geringen finanziellen Mitteln, und die nicht einfach in unserer normalen Welt spielen, haben oft ein Problem: keine epische Breite zur Verfügung, fünf oder 15 Minuten Zeit für die Geschichte pro Folge und die ersten Minuten werden vermutlich darüber entscheiden, ob die Zuschauer sich das weiter ansehen oder wegklicken.

Es handelt sich wie beim Kurzfilm um ein überaus komprimiertes Format. Wie stellt man da eine komplexe Welt vor? So ähnlich wie in einer Kurzgeschichte, denn etliche Voraussetzungen sind vergleichbar. Und damit kommen wir zu Ætherangelegenheiten.

Zum einen haben wir einen Vorteil: Der Zuschauer kennt die Welt “so halbwegs”. Deutschland 1910. Da kann sich jeder zumindest so ungefähr etwas vorstellen. Zu unserem großen Vorteil aber oft nichts Genaues (auch wenn es Personen gibt, die Dir genau sagen können, warum die Uniform jetzt nicht grün sein sollte, aber die kann man üblicherweise mit dem Hinweis “Parallelwelt” an die Kette legen).

Mit der Aussage “Das spielt so ungefähr zur ausgehenden Kaiserzeit”, ist der Rahmen also gesteckt. Dann muss noch angerissen werden, was anders ist. In unserem Fall, dass seit 1900 eine neue, bis dato unbekannte Substanz namens Æther in Erscheinung getreten ist und dass diese letztendlich dazu führt, dass sich Mensch und Tier verändern, dass es sogenannte “Veränderte” gibt und dass Wesen aus Mythen und Legenden neu entstehen (können). Das kann man beispielsweise ganz gut über einen einführenden Text machen, der zu Beginn einer Episode gesprochen (und eingeblendet) wird und die Rahmenbedingungen kurz umreißt.

In unserem Fall: Aha, das spielt also zur Zeit des Kaiserreichs. Und irgendeine merkwürdige Substanz verändert Mensch und Tier. Damit hat man die Rahmenbedingung geschaffen, die dahinter liegende Welt kann jetzt fast beliebig komplex sein oder werden. Man kann die Zuschauer ab diesem Zeitpunkt mit auf die Reise nehmen. Die Vorarbeit hat Anja Bagus in ihren Büchern geleistet.

Sie hat eine über mehrere Romane bereits relativ komplex gewordene Welt erschaffen. Darauf können wir in der Webserie aufbauen und dank der (vermeintlich) bekannten Zeit und Umgebung, müssen wir auch keine allzu großen Klimmzüge machen, um den Zuschauer mit an Bord zu bekommen. Und ein weiterer Vorteil dabei ist natürlich, dass man Interessierten auch noch sagen kann: Lies doch einfach mal Anjas Romane, da steht noch mehr zum Hintergrund (und ihnen erklären muss, dass die Serie aber nur auf den Büchern basiert, sich der Welt bedient, die beiden Medien aber ansonsten voneinander unabhängig sind).

Halten wir abschließend fest: Wir haben einen Fundus an Ideen und eine Welt, die bereits existiert, aus denen wir schöpfen können. Das ist gut. Aber man muss das in einer Webserie überaus komprimiert auch an Unwissende transportieren können. Das ist schlecht. Aber machbar, insbesondere, wenn diese Welt eigentlich im Großen und Ganzen bekannt ist. Das Unbekannte ist dann der Bonus für die Zuschauer beim Ansehen.

Stefan Holzhauer von Ætherangelegenheiten

 

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