Laufbahn eines Rollenspielers: Nukolar


Das letzte Mal war für die Gruppe Neustart angesagt. Neue Charaktere und alles auf Zufall. Nunja, das war, bevor ich einer fiesen Krankheit anheimgefallen bin, die am 10. November ihren Anfang nahm. Aus gegebenen Anlass geht’s jetzt etwas verstrahlter zu. Also Pip-Boys anschalten und Nuka Colas kaltstellen. Bei der Gruppe geht es heute postapokalyptisch zu.

Wir stellen uns den Klang einer Westerngitarre vor. Metallsaiten, schlecht gestimmt und zu wenige – es sind nur noch drei. Eine Kombination aus Kunstfertigkeit und Rhythmusgefühl könnte selbst unter diesen Voraussetzungen noch eine fröhliche Melodie zustande bekommen, aber Magnus Björnson besaß weder das eine noch das andere.

„Würde er endlich damit aufhören?“, fragte Cleves sichtlich genervt.
Cleves war ein hagerer Mann mit Halbglatze, ungefähr Mitte 30 und hatte sich gerade bis zum Rand des Felsvorsprunges vorgearbeitet, um besser sehen zu können, als er sich umdrehte und nach hinten zischte. Sein weißer Kittel war völlig verdreckt und die Begegnung mit der Natur hatte noch andere Spuren hinterlassen. Es steckten noch immer zwei lange Kaktusnadeln in seinem Rücken. Als sich eine weitere Saite mit einem Suuuurrr-Pliiing verabschiedete und dabei Magnus schmerzhaft gegen die Finger klatschte, entschied sich dieser nichts zu sagen.

„Immerhin stehen die Sterne günstig“, merkte eine besserwisserische Stimme von der Seite an. Es war Mason, der Jüngste aus der Runde. „Der Löwe steht im Transzendent vom Widder.“
„Ich bin mir sicher, das heißt Aszendent und selbst dann ergibt es keinen Sinn“, fluchte Magnus.

„Moment Mark, wir müssen darüber reden. Ich bin mir ganz sicher, dass ich Astronomie gesagt hatte, als ich den Charakter mit dir erstellt habe“, merkte Thorsten zum sicherlich hundersten Mal an. „Wer würde schon Astrologie studieren? Ich wollte etwas mit Aliens zu tun haben, Planeten, Sternen und nicht mit Kartenlegen und Wahrsagerei.“
„Sorry, hier steht es schwarz auf weiß“, Mark wedelte mit einem Schmierzettel. “Ich habe dich dreimal gefragt, ob du mit den Werten einverstanden bist. Jetzt gibt es kein zurück mehr. Es wäre gut, wenn du dich mit dem Thema auseinandersetzt. Also gut, weiter im Text. Ihr ward also gerade dabei das alte Schulgelände der North High zu beobachten…“ „Es ist nichts zu erkennen. Viel zu dunkel. Es ist ein Rätsel, wie sie gerade euch ganz ohne vernünftige Ausrüstung meinem Team zur Nahrungsbeschaffung unterstellen konnten. Das ist schließlich eine wichtige Aufgabe“, murrte Cleves.

„Oh, Herr Doktor. Niemand hat auch nur mit einem Wort erwähnt, dass wir in dieser Aufgabe nicht absolut gleichwertig wären“, meinte Björnson schnippisch. “Aber seltsam ist es schon, dass sie uns nicht einmal ein Funkgerät zur Verfügung gestellt haben.“

„Na, weil die gerade alle in der Werkstatt gewartet werden mussten. Außerdem soll sich eins in der alten Schule befinden. Sobald wir wissen, dass es dort sicher ist, geben wir Bescheid und kehren zurück“, sagte Magnus mit ungebrochenem Optimismus. “Schließlich brauchen sie uns doch. Meine wissenschaftliche Arbeit ist von großem Nutzen für die Gemeinschaft.“

„Achja?“, kam es wie aus einem Mund. Sowohl Björnson als auch Cleves hatten daran ihre Zweifel.
„Nichtsdestoweniger ist es wichtig, dsas meine Wenigkeit das Sagen hat. Eine klare Führungsstruktur ist erforderlich, um in Notfällen schnell reagieren zu können. Das sind militärische Grundlagen, welche ich in meinem Sicherheitstraining studiert habe.“

„Sicherheitstraining? Fawkes hat dir einmal im Vault einen Schnellkurs in Erster Hilfe gegeben und damit gibst du jetzt schon seit Tagen ununterbrochen an“, entfuhr es Björnson. „Ich glaube, du hast keine Ahnung, wovon du sprichst. Hat er dir auch gezeigt, wie man mit einer Waffe umgeht? Oder erzählst du das nur, damit wir uns besser fühlen.“
„Immerhin hat er mir eine gegeben und euch nicht. Das zeigt deutlich, wem hier das Vertrauen gilt.“, ereiferte sich Cleves. 

„Wenn ich hier ein Robco Terminal hätte und daran ein Robco MK1 Geschützturm angeschlossen wäre, dann könnte ich dir zeigen, wer hier mit Waffen umgehen kann“, plusterte sich Magnus Björnson auf. „ER weiß doch nicht einmal, wie man mit der Robco Systemoberfläche arbeitet. Hat er mir nicht neulich erzählt, der beste Weg, Zugriff auf ein gesichertes Terminal zu erlangen, wäre den Hauptspeicher zu resetten? Wir haben ja gesehen wie gut das funktioniert, als er über sein Terminal ein paar zusätzliche Rationen umleiten wollte und plötzlich die ganze Rationierung im Eimer war.“
„Es hätte funktioniert, wenn…“ 

„Leute, Leute!“, schrie Mason. „Was war das mit Waffe? Wieso erzählt mir keiner davon, dass Cleves eine Waffe hat.“

„Ja, genau, warum erzählt der verehrte Dr. Ignatius Cleves nichts von seiner Waffe?“
„Ich meine, als ich vor dem riesigen Skorpion weggelaufen bin, da hätte Cleves ihn theoretisch die ganze Zeit über erledigen können?“
„Wäre er nicht vor Schreck den Abhang hinunter gefallen und in die Kakteen gerollt.“
„Und als wir diesen Raider getroffen haben…“
„Der sich als Händler herausstellte, dem ich meine signierte Vault Tec Armbanduhr für drei leere Nuka Cola verkauft habe, was ich übrigens immer noch für ein schlechtes Geschäft halte, auf das ich nur unter Protest eingegangen bin, weil dieser Händler mit einer Pistole auf mein sehr, sehr empfindliches Gesicht gezielt hat….“
“Hatte Cleves die Situation also im Prinzip die ganze Zeit über unter Kontrolle?”
„Ja, nun, also im Prinzip schon“, stotterte Ignatius Cleves.
„Besonders groß kann sie ja nicht sein. Also vermutlich kein Gewehr, denn das wäre uns aufgefallen.“
„Vielleicht eine dieser abgefahrenen Laserpistolen, die im Depot gelagert werden. Das wäre nur angemessen“, murmelte Mason.
„Nun zeig schon. Schließlich müssen wir wissen, mit was uns unser Vault ausstattet, wenn wir mit den Gefahren der Außenwelt konfrontiert werden.“

Cleves wusste, dass die Beiden keine Ruhe geben würden, zog die schmale Waffe aus seinem Rucksack und legte sie vorsichtig auf den Boden.
„Das sieht mir ein wenig nach einem Schlagstock aus“, sagte Björnson leicht zweifelnd.
„Vielleicht so eine Art High Tech Plasma Schlagstock, der die Kreaturen des Ödlandes in eine klebrige Masse verwandelt, sobald man einen Knopf drückt“, mutmaßte Mason hoffnungsvoll.
„Nein, nein, nein, nein, ich bin mir ziemlich sicher es ist ein ganz gewöhnlicher Schlagstock. Warte mal“, Magnus Björnson griff nach dem vermeintlichen Schlagstock und schlug Cleves mit einer ausholenden Bewegung auf den Arm, dann hielt er sich die Augen zu.

„Das hätte mich umbringen können“, fluchte Cleves entrüstet.
„Ja, wenn es nicht nur ein dämlicher Schlagstock sein würde, der in den Händen von uns drei in Muskelmasse völlig unterentwickelten Individuen so hilfreich ist, wie ein Kropf oder unser Herr Astrologe hier“, fluchte Björnson, der die Hand wieder runter genommen hatte.

Fortsetzung folgt…

Cast of Characters

Dr. Magnus Björnson aka Björn: Dr. Magnus Fachgebiet ist seiner Meinung nach alles, was mit Robco Industries zu tun hat. Egal ob Computer, Roboter oder Dinge, die Strahlen schießen. An dieser Behauptung hält er eisern fest, auch wenn er vor allem durch seine Spielereien mit den Vault-Rationierungssystemen und der internen Kommunikation eine Art Karriere eingeschlagen hat. Dass schließlich jemand echten Schaden erleiden würde, hatte er sicher nie geplant, aber nun muss er sich der Verantwortung stellen. Im richtigen Leben ist er absoluter Rollenspielnerd und kennt die meisten Welten seit der ersten Edition.

Dr. Igantius Cleves aka Kevin ist vor allem im Kräutergarten des Vaults aktiv. Als erfahrener Biologe kennt er sich praktisch nur mit dem Mikrokosmos aus, den er im Bunker vorfindet. Da sich mit Gerüchten aus der Außenwelt schlecht arbeiten lässt, hält er vieles davon für Humbug (vor allem zweiköpfige Kühe, Mutanten, Ghule und Kartoffeltomaten). Seine Realitätsferne sorgt für angespannte Stimmung bei seinen Kollegen und viele sehen in ihm nicht die Koryphäe, für die er sich hält – vor allem seit die Nahrung im Vault knapp wird und Cleves Forschung noch immer keine Lösung für dieses Problem in Aussicht stellt. Im richtigen Leben ist er, was Rollenspiel betrifft, noch immer etwas grün hinter den Ohren, behaupten zumindest die anderen.

(Dr.) Mason aka Thorsten ist studierter Astrologe oder so etwas. Zumindest ist er überzeugt, dass jede Krise vorbei geht, wenn nur die Sterne richtig stehen, und dass es völlig in Ordnung, ist in Panik auszubrechen, wenn sie falsch stehen. Da er jedoch kein Blatt vor den Mund nimmt und seine mysteriösen Andeutungen schon mehrmals Hysterie ausgelöst haben, war die Vault-Aufseherin der Meinung, dass ihm etwas frische Luft gut tun würde oder eher gesagt: Das strahlende Klima des Ödlandes. (Thorsten:”Ich möchte noch einmal ganz deutlich sagen, dass ich Astronomie meinte!”) Im richtigen Leben blüht Thorsten langsam auf, vielleicht liegt’s aber auch nur an der neuen Pizzalieferantin.

Mark, der Spielleiter. Sichtlich genervt von den Eskapaden der Gruppe und vor allem den immer gleichen Absprachen hat er dieses Mal konsequent eingegriffen. Die Charaktere wurden erstellt, ohne dass vorher bekannt war, was die anderen spielen. Schließlich wird irgendwer schon die Rolle der Kampfsau übernehmen, nicht wahr?

Lukas Kebel

Lukas Kebel

Hat sich schon in früher Kindheit mit Rollenspiel infiziert und gilt als Überträger der Stufe 12. Sammelt nun EP in der Prestigeklasse Artikelknecht.
Hauptthemen: Pen&Paper, Games

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