Die Macht ist wieder erwacht


Um es direkt vorwegzunehmen, hier wird es keine großartigen Spoiler geben. Alle konkreten Infos fußen auf den ersten 5 Minuten des neuen Films. Diese Kritik bezieht sich also auf den Film an sich, seine Umsetzung, sein Wirken und eine kleine Aussicht was uns wahrscheinlich in Episode Acht und Neun erwarten könnte. Leider haben die Drehbuchautoren komplett auf das Erweiterte Universum verzichtet, aber das hatten sie bereits angekündigt.

Pressevorführung war im Cinedom um 10 Uhr morgens (wer sich das ausgedacht hat…). Der Film wurde in englischer Originalsprache präsentiert. Am 17.12. erscheint er auch in deutscher Sprache in den deutschen Kinos.

Jetzt entspannen wir mal alle und legen die Hände hinter den Kopf (©2014 Lucasfilm Ltd.)

Jetzt entspannen wir mal alle und legen die Hände hinter den Kopf (©2014 Lucasfilm Ltd.)

Es beginnt klassisch: Star Wars… Episode 7… In dem Fließtext wird die Situation der Galaxis erläutert: Die Überbleibsel des Imperiums sind jetzt die First Order, die Rebellion ist jetzt die Resistance. Erste wird von dem Sith Kylo Ren angeführt und zweite von Leia Organa. Bereits am Anfang ist es klar, um was es geht: Die Suche nach Luke Skywalker. Sein Verschwinden hat ein Vakuum in der Galaxis hinterlassen, die die First Order zu füllen versucht. Mehr gibt es von meiner Seite aus nicht zu der Story.

Alte Gefühle kommen hoch

Nach Episode 1 bis 3 war bei vielen Star Wars Fans die Befürchtung, dass auch die neuen Teile eine mit Effekten überladene Kiste werden könnte. Abgesehen davon, dass ich persönlich Episode 1 und 2 ok und Episode 3 gut fand, hat der neue Star Wars Teil mehr mit den klassischen Filmen gemein. Gedreht wurde auf 35 mm Kodak-Film und im 65mm IMAX-Format, was dem Film einen klassischen und wohltuenden Analog-Look verleiht. Ebenso wurde an den Anschluss gedacht: Die Frisuren der Nebendarsteller erinnern an den 70er Jahre Style von Episode 4 und so manch andere Details passen einfach als Fortsetzung zum letzten Film der klassischen Trilogie.

Allgemein hat Abrams sehr viel Wert auf Details gelegt: Egal in welche Ecke des Bildes ihr schaut, es gibt immer etwas zu entdecken. Die Gegenstände sehen realistisch aus, weil sie am Set real waren. Zwar gab es auch in den Episoden 1 bis 3 zahlreiche Modelle, aber hier fühlt sich alles deutlich echter und authentischer an.

Vermisst hier jemand einen rollenden Droiden? (© 2015 Lucasfilm Ltd.)

Vermisst hier jemand einen rollenden Droiden? (© 2015 Lucasfilm Ltd.)

Es wurde häufiger auf Handpuppen zurückgegriffen denn auf CGI-Monster, was dem Film deutlich mehr Charme verleiht. Beispielsweise schaut ein kleines Wüstenmonster dem umher rollenden Droiden BB-8 hinterher und lässt die Wüste dadurch lebendig erscheinen.

Die Macht ist in diesem Film keine Wissenschaft, sondern wieder das mystische und zu entdeckende Unbekannte. So werden die Midi-Chlorianer beiseitegelassen und der Film konzentriert sich auf den Kampf zwischen gut und böse. 

In mir kam während des Films immer wieder das klassische, das alte, Star Wars Feeling auf. Aber leider war es nie ganz durchgängig. Dies lag insbesondere an dem neuen und eigenen Stil von Abrams, den ich nicht als schlecht oder gegensätzlich zu den anderen Teilen beschreiben möchte, sondern eben als eigen oder neu.

Wenn ich hier jetzt eine der sechs Episoden nennen müsste, die Star Wars: Das Erwachen der Macht am nächsten kommt, so wäre es definitiv Eine neue Hoffnung. Ihr werdet das spätestens dann verstehen, wenn ihr den Film selbst gesehen habt.

Realistischere Kameraführung

Die Kameraführung erinnert natürlich mehr an andere Abrams-Werke, denn an die Filme unter Aufsicht von George Lucas. Anamorphe Lense-Flairs, Ransprünge und rasante Kamerafahrten fehlen natürlich nicht in diesem Machwerk. Ebenso die geringe Tiefenschärfe, auf die Abrams gerne zurückgreift, ist in den alten Filmen nicht so krass eingesetzt worden.

Der Sturmtruppler in der silbernen Rüstung (Captain Phasma), muss besonders sein.  (©Lucasfilm 2015)

Der Sturmtruppler in der silbernen Rüstung (Captain Phasma), muss besonders sein.
(©Lucasfilm 2015)

Pointen passieren häufig beiläufig und werden nicht derart übertrieben in Szene gesetzt wie zum Beispiel in den Episoden 1 bis 3. So fliegt zum Beispiel bei der Rettung des Kanzlers in Episode 3 das Raumschiff bis kurz vor die Kamera. Ihr seht dort überdeutlich, wie die drei Helden wegen des abrupten Anhaltens des Schiffes eine Ruckbewegung machen. Oder das energische „Ja!“ von Palpatine als Anakin die Oberhand gegenüber Dooku gewinnt. So etwas werdet ihr in diesem Film nicht sehen.

Ebenso wirkt Erwachen der Macht etwas „realistischer“. Schlachten werden so gezeigt, wie sie in der Realität ablaufen könnten: Uniformen sind schmutzig und bei Verletzten ist Blut zu sehen. Ich habe mich gerade am Anfang immer wieder an die Endgefecht der Neuverfilmung von Miami Vice erinnert gefühlt. Gottseidank ist Abrams weit weg von der „Michse jetzt General“-Schlacht aus Episode 1.

Gedreht wurde in den Pinewood Studios, Island, Irland und Abu Dhabi. Die Locations sehen atemberaubend aus, gerade wenn man im Nachhinein sich noch einmal die Set-Fotos anschaut. Natürlich wirkt Jakku etwas von Tatooine abgekupfert, aber die anderen beiden neuen Planeten sind sehr authentisch und passen gut in das Star Wars Universum. Besonders hat mir der Planet, der an der irischen Küste gedreht wurde, gefallen. Die schroffen Klippen und gleichzeitig das grüne Moos der Berge sind ein guter Kontrast zu der Stimmung der entsprechenden Szene.

Dynamik und Schnelligkeit im Schnitt

Rasante Schlachten zwischen dem Falcon und Tie-Fightern dürfen natürlich nicht fehlen. (© 2015 Lucasfilm Ltd.)

Rasante Schlachten zwischen dem Falcon und Tie-Fightern dürfen natürlich nicht fehlen. (© 2015 Lucasfilm Ltd.)

Der Schnittrythmus ist deutlich dynamischer als in allen anderen Teilen. Man merkt deutlich, dass Abrams seinen eigenen Stil mitbringt. Er versucht nicht, Lucas zu imitieren, und das ist auch gut so! Es gab nicht eine Sekunde, in der ich mich gelangweilt habe. Von Anfang an war Action angesagt. Die ruhigen Szenen mit langsameren Schnittfrequenzen sind gefühlt in der Minderheit: Beispielsweise in einer Bar-Szene, bei der ein längerer, aber wichtiger, Dialog folgt. Dennoch wird es nicht langweilig und diese Sequenzen passen sich gut in den Film ein.

In dem Trailer konntet ihr bereits einen Eindruck der rasanten Schnittfrequenz erleben, zum Beispiel bei der Luftschlacht zwischen dem Millenium Falcon und den beiden Tie-Fightern: Die Kamera ist in der Verfolgerperspektive des Falcon, plötzlich macht er einen Looping und alles ist auf dem Kopf. Eine andere interessante Einstellung ist der Ransprung an den Falcon, als dieser sich vor den Tie-Fightern in ein Sternenzerstörerwrack rettet.

Wiederum an anderen hektischen Stellen nutzt Abrams auch andere Mittel, um die Geschichte spannend fortzuführen. Zum Beispiel begleitet die Kamera über zehn Sekunden die Blickrichtung von Finn, der einen speziellen X-Wing am Himmel verfolgt. So bekommt diese Schlachtsituation einen “Point of View”-Touch.

Imperial March needs good sound

Rumstehen für die First Order. (© Lucas Film Ltd.)

Rumstehen für die First Order. (© Lucas Film Ltd.)

Die Soundmischung war hervorragend. Abgesehen davon, dass jedes Kino jeden einzelnen Kanal noch einmal nachregeln kann, war beim Cinedom in Köln alles stimmig. Die Stimmen waren klar zu verstehen, auch realistische Lautheit bei wechselnden Sprechrichtungen wurde eingepflegt. Effekte waren deutlich lauter, aber nie als Effekthascherei, sondern immer der Situation angemessen.

Schön war auch wieder der Einsatz der unterschiedlichen englischen Dialekte. Allgemein waren die alten Star Wars Teile davon durchzogen und gaben jedem Charakter noch einmal einen eigenen Charme und charakterliche Tiefe. So auch hier. Wie es in der deutschen Synchro sein wird, kann ich noch nicht sagen.

Erneut wurde die Musik von John Williams komponiert, dieses Mal aber nicht vom London Symphony Orchestra eingespielt.

Um wen geht es eigentlich?

Rey

Die Stars: Rey, der Droide BB-8, Finn und Explosionen. (© Lucas Film Ltd.)

Die Stars: Rey, der Droide BB-8, Finn und Explosionen. (© Lucas Film Ltd.)

Rey wird in diesem Film von Daisy Ridley gespielt. Ihr Charakter ist schwer zu erfassen, da sie sich im Film immer wieder sprunghaft entwickelt, was an so mancher Stelle eher unglaubwürdig denn interessant wirkt. Abgesehen von diesem Kritikpunkt ist sie ein eher sympathischer Charakter, der in den kommenden Teilen die weibliche Hauptrolle übernehmen wird. 

Ihre Karriere beginnt als Schrottsammlerin auf Jakku und sie muss damit ihr tägliches Überleben meistern. Natürlich beginnt auch hier die klassische Helden-Saga, in der ein Ereignis von Außen sie dazu zwingt, ihre gewohnte Umgebung zu verlassen und sich auf den Weg in ein Abenteuer zu machen.

In Gefechtssituationen beweist sie sich als gute Nahkämpferin, die allerdings kaum Erfahrungen mit Fernwaffen hat. Ihren guten Charakter beweist sie gleich in mehreren Situationen und steht auch zu ihren Entscheidungen – mit allen Konsequenzen.

Finn

John Boyega verkörpert in Erwachen der Macht die Rolle des Finn. Er ist Soldat der First Order und eher ein schüchterner Charakter. Verschiedene Ereignisse treiben ihn zu gewissen Entscheidungen – genauer gesagt lässt er sich immer wieder vor diesen hertreiben. In Episode 7 denkt Finn immer wieder, seine Probleme durch Weglaufen lösen zu können. Nachdem er ein dramatisches Ereignis mit der First Order hatte, flüchtet er, um sich vor ihr zu verstecken.

Dies wirkt aber durchaus authentisch und John Boyega spielt eine sehr überzeugende Rolle, die ihren Mut erst noch entwickeln muss.

Kylo Ren

Auftritt des badass Badguys: Kylo Ren (©Lucas Film Ltd. 2015)

Auftritt des badass Badguys: Kylo Ren (©Lucas Film Ltd. 2015)

Kylo Ren wird in diesem Teil von Adam Driver gespielt. Er ist der Anführer der First Order. Auch sein Charakter ist sehr durchwachsen. Ihr erhaltet zuerst den Eindruck, dass er der harte Sith ist, der mit der Macht sehr gut umgehen kann. Hierzu gehören zum Beispiel, Schüsse in der Luft „einfrieren“ zu lassen, oder das Gedankenlesen. Auf der anderen Seite ist er ein sehr emotionaler Charakter, der sich kaum im Griff hat oder dem auch einmal die Tränen in die Augen steigen.

Alles in allem stören aber die negativen Eigenschaften der Charaktere nicht. Ihr dürft auch nicht vergessen, dass seit der Vernichtung des Imperiums nicht so viel Zeit vergangen ist, dass massig Jedi oder Sith realistisch wären. Mit Palpatine, Vader, Yoda und Kenobi starben nun einmal fast alle aus, die voll in der Macht ausgebildet waren. Natürlich folgen hiernach wieder massig Fehler und Stümpereien der Neulinge.

Weitere Charakter lasse ich hier einmal außen vor, da die Spoiler-Gefahr zu groß ist. Die Episoden 8 und 9 werden die Entwicklung dieser drei Charakter behandeln. Vermutlich wird auch weiterhin erklärt, wie First Order so mächtig werden konnte und dass die Resistance-Seite ihr Einhalt gebieten muss.

Fazit

Seitdem ich ein kleines Kind bin begleitet mich das Star Wars Universum. Die Geschichte fesselte mich viele Male draußen im nachgestellten Schwertkampf oder vor der Konsole mit den diversen guten Star Wars Spielen. Dann kamen die Episoden 1 bis 3, die natürlich den immens hohen Erwartungen nicht gerecht werden konnten – aber dennoch gut sind. Seit fast zehn Jahren gibt es keinen Nachschub mehr an Star Wars Filmen. Ich bin also mit großen Erwartungen ins Kino gegangen.

Mein Kopf kreiste um die diversen, vorher gelesenen Verschwörungstheorien rund um Episode 7 – ist Luke Skywalker Kylo Ren? Wenn nicht, warum war er nicht im Trailer/Plakat zu sehen? Und auch noch einige mehr. Ich glaube, dass ich noch nie in meiner Kinogeschichte so verwirrt und unwissend in einen Film gegangen bin.

Meine Erwartungen wurden erfüllt: Dramatische Schlachten, spannende Entwicklungen und das immer wieder aufkommende Star Wars Feeling. Die noch offenen Fragen am Ende des Films werden mich dazu veranlassen, diesen Film noch öfters im Kino zu sehen. Vor allem die Fans, die sich von den neueren Filmen so sehr enttäuscht gefühlt haben, lege ich den Kinobesuch nahe. Wobei ich eigentlich allen den Kinobesuch nahe lege und deshalb sage: Star Wars: Das Erwachen der Macht ist ein Pflichtbesuch!

Artikel geschrieben von Phil Ramcke

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