Laufbahn eines Rollenspielers: und eine Hand voll Kronkorken


Eine unterwartete Mission brachte drei Vault-Bewohner näher zusammen, die sich nun das erste Mal selbst durch das Ödland schlagen müssen, um dringend benötigte Nahrungsmittel aufzutreiben und vielleicht die eine oder andere Schuld zu begleichen.

„Was siehst du?“, quengelte Mason.

Von Weitem sah das ehemalige Schulgelände verlassen aus. Auf dem Parkplatz standen noch immer die Gerippe einiger Autos, die Zeit überdauernd. Sie rosteten vor sich hin, während sie immer noch einen bessern Anblick lieferten, als das Gebäude selbst. Die Fenster waren zerschlagen, die Türen hingen in den Angeln oder lagen gleich zersplittert auf dem Boden. Zwar war weit und breit kein Mensch zu sehen, aber Plünderer waren offensichtlich hier gewesen und hatten vermutlich mitgenommen, was nicht niet- und nagelfest war. Cleves biss sich auf die Lippen und zog scharf Luft ein, als er das sah, und drehte sich zu den anderen um.

„Wenn die Herren einmal still sein würden, dann können wir den Umstand vermeiden, dass meine Wenigkeit sich bei der Erörterung der Details wiederholen muss“, keifte Cleves und erzählte dann, was er von seiner Position aus gesehen hatte. Mit dem einzigen Fernglas in seinem Besitz sparte er die Details der Plünderung aus und dachte sich seinen Teil. Wenn er heil zurückkehren wollte, durfte er es nicht zulassen, dass die Stimmung noch weiter in den Keller getrieben wurde. Magnus und Mason waren die Werkzeuge, die ihm zur Verfügung standen, und er musste damit auskommen. Würden sie denken, dass sich da unten Raider oder Schlimmeres aufhalten könnte, kämen sie keinen Schritt weiter.

„Die Befehle sind eindeutig. Wir extrahieren die konservierten Nahrungsmittel aus der Mensa und verschwinden von hier. Dann kehren wir… würde er das bitte unterlassen?“

Björnson stach ihm mit dem verkabelten Schlagstock in die Seite, mehrmals. „Ah, ich dachte, ich könnte mit den richtigen Materialien unsere einzig zur Verfügung stehende Waffe ein bisschen aufmotzen, aber mir fehlt die Energiezelle, wie schade“, sagte Björnson betrübt. „Mit einer einfachen Mark-2 Fusionszelle wäre das Ergebnis sicher spektakulär.“
„Ja, spektakulär schon, aber ich habe keine Lust, zwei Leichen wieder nach Hause zu schleppen. Ich glaube, du solltest den Griff isolieren, bevor du überhaupt darüber nachdenkst, eine Mark-2 als Energiequelle zu verwenden“, merkte Mason an, der etwas vergrätzt wirkte.

„Wer kennt sich hier mit Technik aus? Während ich die Computer auf den neuesten Stand gebracht habe, warst du doch mit Kartenlegen beschäftigt. Uh, Hokuspokus“.
„Was soll das bitte heißen? Wenn du so blöd bist, einen eindeutigen Fehler zu übersehen, dann..!“
Und schon kabbelten die beiden wieder los und Cleves seufzte, während seine Schultern herab sanken.

„Ich glaube, meine Herren, ich habe etwas gehört“, wagte er einen Versuch. Sofort wurde es einigermaßen ruhig und die Aufmerksamkeit verschob sich ein Stück weit aufs Wesentliche.
„Was? Noch ein Riesenskorpion?“, kam es panisch von Mason. Cleves wollte im ersten Augenblick widersprechen, schließlich glaubte er nicht an mutierte Kreaturen und die Spinnereien mit denen Händler versuchten die Leute aus dem Vault über den Tisch zu ziehen.

Ammenmärchen und Gruselgeschichten waren das, die sich sicherlich bei näherer Betrachtung eines Fachmannes, wie er selbst einer war, ganz leicht erklären ließen. Nur Rauch und Spiegel. Vermutlich war das Biest, von dem er selbst nicht besonders viel gesehen hatte, da zu dem Zeitpunkt sein Gesäß Bekanntschaft mit einem Kaktus machte, irgendein Bär gewesen oder vielleicht auch nur ein Hund. Es ließ sich aber nicht vom Tisch weisen, dass Mason und Björnson viel folgsamer waren, wenn er sie in dem Irrglauben ließ, also nickte er nur sacht und nahm mit versteckter Freude zur Kenntnis, dass die Beiden anbissen. Sofort waren sie mucksmäuschenstill und das würde er ausnutzen.

„Und du weißt schon, dass wir dir nur zuhören, weil dein Charakter die besten Wahrnehmungswerte hat. Ich dachte ja, du würdest auf jeden Fall ein Waffentalent nehmen, sowie du auch sonst fast immer einen Barbaren oder Krieger spielst, aber nein, stattdessen haben wir einen Biologen mit Fernglas, der unsere Charaktere verarscht“.
„Wenn alle Stricke reißen, müssen wir eben improvisieren oder uns auf das Würfelglück verlassen“.
„Das ist ja auch noch nie schief gegangen“.
„Es wäre gut, ihr würdet euch auf das Szenario konzentrieren. Also gut, die Gruppe war gerade dabei, den geschlungenen Weg nach unten zurückzulegen, als…“
Klapper. Würfelrollen.
„Hm, nichts passiert. Ihr kommt tatsächlich heil unten an.“, sprach Mark leicht verdutzt.
„Siehst du. Alles wird gut.“
„Klar. Wie immer eben.“
 
„Ich muss mich wohl verhört haben, aber zur Sicherheit sollten wir alle leise bleiben, während wir uns dem Gelände nähern“, zischte Cleves den anderen zu. Diese sahen sich verstohlen um und Magnus hielt den Schlagstock fest mit beiden Händen umklammert. Es war nicht sicher zu sagen, ob er wie ein Berserker auf die nächste Kreatur, die sie trafen einschlagen oder bei erster Gelegenheit die Flucht ergreifen würde, aber sein Nervenkostüm war deutlich angegriffen. Dass es langsam dunkler wurde, da es zum späteren Nachmittag hin ging, machte es nicht besser, obwohl man ihnen wenigstens Lampen mitgegeben hatte. Orginale Vault-Tec Lampen mit eingebauter Kurbel, für den Notfall. Angeblich vollgeladen. Björnsons Vertrauen in solche Aussagen war aber rapide gesunken, als er der einzigen Waffe ansichtig wurde, die er fest in seinen schwitzigen Händen hielt.

„Nur um das klar zu stellen. Wir werden uns nicht aufteilen, auf gar keinen Fall. Egal wie viele Eingänge diese Schule hat und egal wie viele Gänge es auch geben sollte“, sagte Mason mit leicht zittriger Stimme.

„Das wird unsere Aufgabe aber mit Sicherheit in die Länge ziehen“, merkte Cleves mit gespielter Enttäuschung an. In Wirklichkeit war er sehr froh darüber, die anderen nicht aus den Augen zu verlieren. Sein Vertrauen in deren Fähigkeiten war nicht besonders groß, aber noch weniger wollte er plötzlich alleine dastehen, wenn es Ärger gab. Sollten sie doch ihre Köpfe hinhalten und ihm Zeit verschaffen, lebend hier wieder heraus zu kommen. Man hatte ihm die Waffe ursprünglich anvertraut und damit auch die Verantwortung für diese Mission. Dessen war er sich sicher. Es gab zwar nichts Offizielles dazu, aber das war dann auch gar nicht mehr nötig gewesen.

Sie hatten sich über dem Hof der Haupteingangstür genähert und standen nun direkt davor. Die alten Autowracks waren nicht weiter interessant, obwohl Björnson sie gerne näher inspiziert hätte, vielleicht auf der Suche nach einer vergessenen Mark 2 Zelle, aber Cleves ließ nicht locker.
 
Er sprach von den Gefahren, die auf einen lauerten, wenn man sich zu lange ungeschützt draußen aufhielt. Strahlen, Riesenskorpione und weiteren biologischen Nonsens. Björnson war sich fast sicher, dass die Hälfte davon erlogen war, hatte aber auch keine große Lust alleine zurückzubleiben, um durch die verrosteten Kofferräume zu wühlen. Im besten Fall schnitt er sich dabei nur in den Finger und zog sich eine Blutvergiftung zu und da Cleves der einzige weit und breit war, der so etwas Ähnliches wie ein Arzt war, würde Björnson bei der Behandlung vermutlich sterben. Dieses Schicksal wollte er vermeiden.
 
Schließlich betraten die drei vom Schicksal Erwählten die staubige Eingangshalle…
Lukas Kebel

Lukas Kebel

Hat sich schon in früher Kindheit mit Rollenspiel infiziert und gilt als Überträger der Stufe 12. Sammelt nun EP in der Prestigeklasse Artikelknecht.
Hauptthemen: Pen&Paper, Games

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