Reden über Weltenbau: Brauchen wir drumherum?


Wir Fans wollen irgendwie doch immer mehr über “unsere” Welt erfahren. Gebt uns mehr Star Wars Bücher, Serien und Spiele! Wir brauchen mehr Geschichten rund um Shepard! Doch ist das viele drumherum wirklich sinnvoll? Nicht unbedingt.

In dieser Reihe unterhalte ich mich über die Grenzen dieser Website hinweg mit Michael von Weltenbau Wissen über allgemeine Fragen im Design von fiktiven Welten, was falsch lief und läuft und wie man manches vielleicht besser machen könnte. Wir wollen euch dabei zum Nachdenken anregen. Diese Beiträge sollen dabei als Diskussionsgrundlage dienen, sowohl für Michael und mich als auch für euch.

In seinem letzten Beitrag hat Michael vor allem den Kanon einer Welt und die Schwierigkeiten dahinter aufgezeigt. Ein aktuelles Beispiel ist dabei Star Wars, das seit dem Besitzerwechsel einige viele Bücher und Spiele aus dem Kanon gestrichen hat. Doch braucht es wirklich so viel Begleitmaterial?

Meiner Meinung nach: Ja und Nein. Wenn die Welt, sei es nun Star Wars, DC Comics oder auch Fallout, groß und lebendig wirken soll, dann kommt ein “Erschaffer” nicht drumherum, mehr über die Welt preiszugeben, als in den eigentlichen Werken steht. Das Problem bei besonders großen Universen ist dann, dass Fehler gemacht werden.

Anschlussfehler dank Fans vermeiden

Bei dem Einen passt vielleicht ein Anschluss nicht mehr. Es kommt durchaus vor, dass ein Charakter plötzlich aus einem anderen Ort kommt, wenn der Autor ihn sehr lange nicht mehr hat auftreten lassen. So erzählte auch Bernhard Hennen, Autor von Die Elfen, dass er regelmäßig in das von Fans gemachte Wiki reinschaut, damit er auch ja keinen Anschlussfehler macht. Denn vermutlich führt kaum ein Autor, der eine Reihe über mehrere Bücher, Spiele oder Filme erstellt, genau Buch über alle Charaktere und Orte, die einmal vorkamen. Zum Glück machen es die Fans.

Dennoch sind diese Fehler meist unbedeutender und wirken sich nicht zu stark auf die weitere Geschichte aus. Trotzdem ärgern sich meist Fans darüber, weil “ihr” Autor “ihre” Geschichte versaut haben. Da ich selbst auch schreibe und Rollenspiele entwickle sowie Autoren zu meinem Freundeskreis zähle, sehe ich so etwas nicht ganz so kritisch. Gerade, wenn eine Reihe über mehrere Jahre fortgeführt wird und teils sogar nicht als siebenteiliges Werk gedacht war, rutscht schnell etwas durch. Manchmal wechseln dabei sogar die Autoren, so zumindest häufig bei Filmen und Büchern.

Ist es ein Topf? Ist es ein Wrestler? Nein, es ist Ironman!

Ist es ein Topf? Ist es ein Wrestler? Nein, es ist Ironman!

Andere Fehler sind übrigens erzählerischer Natur. So etwas passiert gerne bei den Comics. Auch ein Grund, weshalb sowohl DC  als auch Marvel regelmäßig ihr Universum rebooten. Es gibt Charaktere, die irgendwie doch nicht passen, Kräfte von Superhelden, die totaler Quatsch waren, und manchmal werden diese Geschichten von der Realität überholt. Schaut euch zum Beispiel mal den alten Ironman an, der war damals super futuristisch. Heute lachen wir darüber.

Man kann es auch übertreiben

Was mich aber wirklich beschäftigt, seit das Expanded Universe von Star Wars eingedampft wurde: Muss es wirklich so viel drumherum sein? Gerade Star Wars hat es schon fast übertrieben. Ja, ich habe Knights of the Old Republic gespielt, beide Teile… und das Onlinespiel The Old Republic streame ich aktuell immer wieder mit Alex. Auch einen Teil der Jedi Knight Reihe habe ich gespielt und ein paar Bücher gelesen, vor allem nach Rückkehr der Jediritter spielend. Dennoch waren es nur ein paar wenige Sachen, die mir komplett ausgereicht haben. Mehr brauchte ich nicht.

Jedi kämpfen gegen Sith... immer wieder.

Jedi kämpfen gegen Sith… immer wieder.

Und auch wenn es nett war, eigentlich interessierte mich nicht wirklich, was in den letzten 25.000 Jahren im Star Wars Universum alles passiert ist. Mir reichte der Anfang der Jediritter beziehungsweise die Hochzeit der Laserschwertschwinger. Doch letztlich hat sich die Geschichte dann immer wieder wiederholt: Ein großer böser Sith kam, drängte die Jedi an den Abgrund, die Jedi kämpften sich zurück und das Gute jubelte wieder über das Böse. Ich weiß, dass es hier und da noch mehr Details gibt, aber grundsätzlich ging es in der Geschichte von Star Wars immer nur hin und her.

Das Problem, das ich dabei sehe, sind die verschiedenen Autoren. Jeder wollte was dazu beitragen und ein Teil der Autoren sind ja auch wirklich gut. Wie gesagt, ich habe selbst ein paar der Bücher gelesen und das nicht nur, weil ich Star Wars mag. Dennoch sieht eine erweiterte Welt doch immer etwas anders aus, wenn nur einer oder sehr wenige daran rumtüfteln.

Ich greife hier auch gerne Michaels Erwähnung von J. R. R. Tolkien auf. Tolkien hat immerhin mehrere Jahrhunderte von Mittelerde abgedeckt und ist mit seinem Silmarillion schon sehr weit in die Zeit vor Der Hobbit und Herr der Ringe gegangen. Aber er hat es größtenteils nicht übertrieben. Es sind vier Bücher und nicht gefühlte 4.000.

Kleine Geschichten fallen ab

Wenn Bücher ausreichen und die Autorin dennoch mehr erzählen will: Reckless von Cornelia Funke.

Wenn Bücher ausreichen und die Autorin dennoch mehr erzählen will: Reckless von Cornelia Funke.

Ein jüngeres Beispiel aus der Literatur ist Cornelia Funke mit ihrer Reihe Reckless. Ich habe selbst nun vor kurzem angefangen, die Bücher zu lesen und die Welt gefällt mir ausgesprochen gut. Kurz zusammengefasst: Wir befinden uns sozusagen in einer alternativen Erde ungefähr zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert. Allerdings sind hier sämtliche Fabelwesen und Märchen wahr, nur in der Regel viel brutaler. So ist unser Protagonist Jacob Reckless ein Schatzjäger und verdient viel Geld mit dem Aufspüren von zum Beispiel einem gläsernen Schuh.

Innerhalb der Bücher ist die Welt in sich geschlossen, auch wenn es mir immer wieder so ging, dass ich gerne hier und da andere Pfade erkundet hätte. Ähnlich muss es Cornelia Funke selbst auch gegangen sein. In der iOS App Spiegelwelt hat sie kurze Geschichten, Anekdoten, Bilder und Gegenstände gesammelt, die mehr über die Welt preisgeben, ohne dass man alles wirklich für die Bücher braucht. Tatsächlich finde ich dies eine schöne Erweiterung und würde mir durchaus mehr wünschen. Notwendig ist es allerdings nicht.

Kurzum: Gerade bei der Erweiterung der Welt abseits der eigentlichen Werke, sollten Autoren aufpassen. Es sollte eine Ergänzung sein, jedoch nicht notwendig. Fans sollten sich darüber freuen, jedoch nicht das Hauptwerk unter anderen Veröffentlichungen begraben. Auch muss man darauf aufpassen, dass die Erweiterung wirklich noch passt und nicht aus versehen etwas geschaffen wird, das dann in die eigentliche Geschichte mit aufgenommen werden muss.

Frank Schätzing hat einmal einen Kurzgeschichtenband mit einer Erzählung eröffnet, die ich hier sehr passend finde und die ich kurz zusammenfasse: Ein Bildhauer hat einmal gesagt, dass die Figuren bereits im Stein seien und er nur alles weghauen müsse, was nicht dazu gehört. Dennoch bewahrte er einen Teil der abgehauenen Brocken auf. Denn eines Tages würde auch daraus eine Figur entstehen, die nur darauf gewartet hat, frei zu werden.

Ähnlich sollte es mit erweiternden Geschichten zu einer Welt sein. Es fällt etwas vom großen Ganzen ab. Einen neuen Stein zu beginnen, damit der eigentliche Stein größer erscheint, ist dabei nur selten klug.

Die Reihe bis hierhin

Reden über Weltenbau: Postapokalypse (NonPlayableCharacters)
Hat Fallout 4 ein Realismusproblem? (Weltenbau Wissen)
Reden über Weltenbau: Die Welt öffnen (NonPlayableCharacters)
“Dieser Retcon ist für mich nicht Kanon!” (Weltenbau Wissen)

Felix Mohring

Jahrelanger Pen&Paper-Spieler und -Leiter. War mal in der Gamesbranche tätig. Leitet als Chefredakteur NonPlayableCharacters inhaltlich.
Hauptthemen: Games, Pen&Paper

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