Reden über Weltenbau: Die Welt öffnen


Michael stellte in seinem Beitrag die Frage, ob Fallout ein Realismusproblem hat. Tatsächlich sind die angesprochenen Punkte nicht zu verachten, aber bei weitem nicht nur beim neuesten Ableger der Spieleserie zu betrachten.

In dieser Reihe unterhalte ich mich über die Grenzen dieser Website hinweg mit Michael von Weltenbau Wissen über allgemeine Fragen im Design von fiktiven Welten, was falsch lief und läuft und wie man manches vielleicht besser machen könnte. Wir wollen euch dabei zum Nachdenken anregen. Diese Beiträge sollen dabei als Diskussionsgrundlage dienen, sowohl für Michael und mich als auch für euch.

Michael hat nun in seiner ersten Antwort mein Beispiel von Fallout aufgegriffen, welches ich aufgeführt habe, um die teils nicht durchdachten postapokalyptischen Welten in der Unterhaltungsindustrie aufzuzeigen. Tatsächlich hat er Fallout und die Probleme des Szenarios sehr eingehend aufgezeigt und das Weltdesign berechtigterweise auseinandergenommen. Besonders wichtig fand ich die Frage nach dem Realismus. Dieses Problem lies mich nicht los.

Nachdem übrigens auch andere erfahrenere Spieler diesen Punkt kritisieren, wie die Kollegen bei Rock Paper Shotgun, muss wohl etwas dran sein. So findet Alex Wiltshire in seiner Spielrunde in einem zum Laden umgebauten Diner ein Skelett. Seltsamer Dekogeschmack, aber jedem das seine. Bei diesem Skelett macht er allerdings eine interessante Entdeckung:

Back to the skeleton in that diner, judging by the rolled-up pre-war newspaper in front of it, it’s a casualty of the Great War. If we’re in 2287 and it all kicked off in 2077, there it’s been sprawled, half on the seat, half off, for 210 years. 210 years ago from now is 1805. The year Napoleon claimed the crown of Italy, and the start of Thomas Jefferson’s second term as US president.

Kurz nachgedacht: Wie viele Schriftstücke auf Papier gibt es, die 210 Jahren noch einfach so rumliegen? Noch dazu Zeitungen, die nun wirklich nicht für die Ewigkeit gemacht worden sind.

Ist Realismus das große Problem?

Doch meiner Meinung nach ist der Realismus gar nicht das größte Problem von Fallout. Vielmehr halte ich den Umgang von Bethesda mit seinen kritischen Fans für den größeren Fehler.

Wer sich nicht einmal auf eine Diskussion einlässt, hat meiner Meinung nach schon verloren. Zwar bringt Pete Hines immerhin ein Argument an (Das ist eine fiktive Welt, da ist das halt so!), das aber meiner Meinung nach alles andere als tragfähig ist. So etwas kann und darf niemals als Grund angeführt werden, außer eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema ist nicht gewünscht. Congratulations Bethesda for being dicks!

Uns ist das aber egal und Michael stellt die Inkonsequenz von Bethesda in der eigenen Welt sehr gut dar – und auch der Artikel von Rock Paper Shotgun bietet euch da wohl genügend Beispiele, dass die Welt absolut nicht in sich geschlossen ist. Gerade Details und Kleinigkeiten machen hier einfach doch viel aus.

Andere Welten, ähnliche Probleme

Aber, das ist nicht nur ein Problem von Fallout. Lassen wir die Auf-Fallout-Rumhackerei also einfach mal bleiben und schauen in ein anderes Universum, das ebenfalls fanatische Fans und zahlreiche Anhänger aufzuweisen hat (und natürlich brandaktuell ist): STAR WARS!!!

“Oh nein, jetzt meckert er an Star Wars rum!” Da sind wir einfach schonungslos, aber die Sternensaga ist auch ein gutes Beispiel für Fehler im Worldbuilding und wie man damit umgehen könnte. Viel wird in dieser Welt durch Technik und Magie, also der Macht, erklärt. Das schließt viele Lücken. Gerade Magie wird übrigens in Fantasy-Settings sehr häufig genutzt, um Logiklücken zu schließen, reißt aber gerne auch neue auf.

Trotzdem hat Star Wars ebenfalls ein Realismusproblem. WAS? Ja, gibt es, und ich biete euch ein paar Beispiele dafür. Ihr erinnert euch sicherlich daran, dass Qui Gon Jinn nach kurzer Zeit erkennt, dass Anakin Skywalker ein machtbegabter Junge ist. Klar, man erkennt die Schwingungen oder ähnliches, wenn man dafür empfänglich ist. Nun stellt sich aber eine Frage: Warum zum Geier kann Yoda, der vermutlich mächtigste Jedi seiner Zeit, nicht erkennen, dass Palpatine, der vermutlich mächtigste Sith seiner Zeit, fähig ist, die Macht zu gebrauchen? Ok, hier könnte man tatsächlich die Macht als Erklärung gelten lassen. Verschleierung durch die Macht oder ähnliches.

Denkt hier überhaupt jemand mit?

Dann ein anderer Logikfehler: Es ist im Laufe von Episode zwei bereits bekannt, dass Anakin Skywalker und der Kanzler Palpatine eine immer engere Bindung entwickeln. In der dritten Episode ist Anakin als eine Art treuer Gefolgsmann von Palpatine platziert. Im selben Film kommt Mace Windu und hat den Kanzler enttarnt (und dies niemandem gesagt, was bereits nicht besonders logisch ist, aber sei’s drum).

Viel unlogischer dabei ist jedoch, dass keiner, noch nicht einmal der angeblich so kluge und weise Mace Windu, Anakin beachtet, als Palpatine gestellt wird. Zumindest einer sollte den treu ergebenen Jedi im Blick behalten, wenn auch nur irgendeiner wirklich nachgedacht hätte. Also, warum achtet niemand auf den künftigen Schrecken der Galaxis?

Alles beides sind nun natürlich Beispiele der neuen – nicht richtigen – Trilogie, die ohnehin keinen so guten Ruf unter “echten” Star Wars Fans genießt. Denn in der Originalreihe war natürlich alles besser, oder?

Wie wäre es also mit einem Beispiel, das sich durch die ganze Star Wars Welt zieht und sicher auch in den ganz neuen Filmen wieder vorkommt: Die Rüstung der Sturmtruppler. Warum trägt man nochmal eine Panzerung? Genau, um sich vor einem Angriff zu schützen. Natürlich hält diese nicht alles ab, aber der Schutzanzug der imperialen Soldaten bringt ungefähr so viel, wie eine Schicht aus Servietten. Zumindest hat das in den Filmen den Anschein, da so ziemlich jeder Schuss sofort tödlich ist. Warum tragen sie die Panzerung dann überhaupt?

Redet miteinander, verdammt nochmal!

Ich möchte dabei übrigens nicht einfach Star Wars schlecht machen. Mir geht es vielmehr darum, dass so ziemlich alle fiktiven Settings mindestens kleinere Logik- und Realismusprobleme innerhalb der Welt haben, nicht nur Fallout. Wichtig dabei ist aber, wie schon oben erwähnt, der Umgang damit. Darauf hinweisen, dass es sich um eine fiktive Welt handelt und wir uns deshalb alles gefallen müssen, ist der falsche Weg, weil so Lücken offen bleiben, die ihr als Leser, Zuschauer oder Spieler merkt. Mir geht es dann so, dass ich mich betrogen fühle, je größer und häufiger die Lücken sind. Es fehlt einfach etwas.

Beide Beispiele, sowohl Star Wars als auch Fallout, haben dennoch riesige Fanbases. Warum? Weil beides trotz allem interessante Welten sind, die grundsätzlich Platz für so viel mehr bieten. Interessanterweise schließen Fans sehr gerne Lücken und entwickeln ihre eigenen Theorien, die meist sogar irgendwie in die Welt passen. So mögen Sturmtruppler vielleicht scheinbar schlecht zu treffen, aber irgendwie kann das doch alles durch einen großen Plan erklärt werden. Selbst die Theorie, dass Jar Jar Binks als der große Sith Lord hinter allem steckt, klingt gar nicht so abwegig und schließt zahlreiche Logiklücken der Filme.

Schade, dass Bethesda mit so unbedachten Äußerungen wie der obigen solche Mutmaßungen von Fans direkt unterbinden oder zumindest stark ausbremsen. Denn manchmal entstehen gerade durch Fans die interessantesten und wildesten Theorien, die allerdings eine Welt auch erweitern können. Die kreativen Köpfe hinter solchen Werken sollten dies nutzen, egal in welchem Genre.

Felix Mohring

Jahrelanger Pen&Paper-Spieler und -Leiter. War mal in der Gamesbranche tätig. Leitet als Chefredakteur NonPlayableCharacters inhaltlich.
Hauptthemen: Games, Pen&Paper

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