Die Gruppe: Split up


Die unaufhaltsame Gruppe war in die Schule vorgedrungen, um Vorräte an sich zu bringen und eine Schuld zu begleichen. Dabei kam es zum Unvermeidlichen: Die Gefährten gehen getrennte Wege.

Vor Jahren mochte es ein bequemer Gang gewesen sein, aber nun mussten sich Björnson und Mason quetschen, wenn sie nebeneinander laufen wollten und das wollten sie, denn es wurde zunehmend düsterer. Das Licht von Draußen warf im Gebäude unheimliche Schatten auf die Trümmer, die im Weg lagen und es gab nur eine Lampe, die für das Gefühl von Sicherheit sorgte.
„Dieses Gebäude muss einen kräftigen Stoß abbekommen haben. Vielleicht die Folge einer Explosion. Im Krieg sollen zahlreiche Bomben gefallen sein. Hoffentlich hat keine die Vorratskammer erwischt.“
„Kann ja laut unserem glorreichen Anführer gar nicht sein. Es gibt Teile seiner Persönlichkeit, die ich unausstehlich finde.“
„Alle?“

Ein schemenhaftes Nicken. Björnson stieg über einen weiteren Schrank. Es sah aus, als wäre dieser mit großer Kraft aus der Wand gerissen worden. Das Metall war verbogen, die rostigen Schrauben eine Gefahr für die Füße und der IT-Spezialist hoffte, sich keine Verletzung zuzufügen, denn er wollte Cleves die Genugtuung nicht gönnen. Das war aber bei all den scharfen Kanten und rostigen Teilen nicht so einfach. Daher kamen sie nur langsam voran.
„Warte, sieh dir das an“, sagte Mason und zeigte in eine Richtung, die der Lichtstrahl der Taschenlampe gerade abgewandert hatte.
Björnson lenkte den Lichtkegel in die Richtung. „Das sind Fußspuren. Vielleicht hatte Cleves doch recht“, sagte er und konnte die Besorgnis in seiner Stimme nicht ganz verbergen. Etwas an den Abdrücken kam ihm seltsam vor, aber er konnte es nicht wirklich einordnen.

Ein Bücherregal versperrte ihnen den Weg. Es war ein Monstrum von besonders unhandlicher Art, welches mitten im Gang stand. Spitze Steine, Schutt und Scherben ließen die Idee, darunter durch zu kriechen, als nicht besonders klug erscheinen, also sahen beide Möchtegernabenteurer davon ab.
„Wenn du an die andere Seite gehst, können wir es vielleicht ein Stück verschieben. Ich kriege meine Finger hier gerade so durch“, sagte Mason, der versuchsweise am Regal rüttelte.
„Vermutlich ein Hindernis um unsere Kooperation zu testen. Wollen wir sie also nicht enttäuschen“, ließ sich Björnson vernehmen.
Er bekam seine Finger gerade so zwischen Mauerwerk und die Seite des Regals. Das Metall bohrte sich unangenehm in seine Haut, als er zog. Es bewegte sich tatsächlich.
 
„Sollten wir es nicht eher von uns weg drücken?“
„Vorsichtig. Gleich haben wir’s.

„So eine Stärkeprobe scheint mir nicht sehr fair zu sein.“
„Das geht schon in Ordnung, ihr könnt ja zusammenarbeiten. Dann ist es auch gleich viel leichter. Das ist etwa eine 50/50 Chance, dass es klappt und selbst wenn es nicht klappt, solange keiner die Probe verpatzt…“
„Oh Mist.“

Das massive Bücherregal blieb von den vereinten Bemühungen im unteren Teil völlig unbeeindruckt, gab aber schließlich im mittleren Teil nach, besann sich auf die Schwerkraft und kippte um. Dabei wirbelte es eine Menge Staub auf und knallte scheppernd auf den Boden. Björnson bekam einen Schlag in die Seite und sah für einen Moment glitzernde Lichter, bevor er sich wieder aufrappeln konnte. Der Staub machte es schwer, etwas zu sehen und er tastete sich durch die Trümmer und versuchte den Schmerz zu ignorieren. Das würde einen üblen blauen Fleck geben, aber ansonsten schien er unversehrt zu sein.
„Fast hätte es uns erwischt, was?“
Es blieb still.
Er hievte ein Metallstück von seinem Körper und sah sich um. Mason lag noch auf dem Boden und rührte sich nicht. Von plötzlicher Panik ergriffen, befreite sich Björnson von den Trümmern und näherte sich dem reglosen Körper. Das schwere Regal hatte beim Sturz den Brustkorb von Mason zerquetscht. Er würde nicht mehr antworten. 

„Moment, Moment. Ich glaube, ich habe da einen Fehler gemacht.“
„Was für einen Fehler? Du hast alle Lebenspunkte verloren, bist unter die kritische Schwelle gekommen. Dein Charakter ist tot.“
„Ja, also eigentlich schon, aber ich glaube, ich habe mich bei der Ausdauer verrechnet. Hier, von diesem Talent bekomme ich noch einen zusätzlichen Punkt, wenn ich mich nicht täusche.“
„Na gut, das sieht richtig aus. Ausnahmsweise.“

Björnson schaffte es, Masons Körper vom Schutt zu befreien und fühlte prüfend nach dem Puls. Der Astrologe war am Leben, verlor allerdings eine Menge Blut. Jedenfalls schätzte Björnson, dass es sich dabei um eine Menge Blut handelte, da sich auf der Kleidung des Gefährten ein roter Fleck gebildet hatte, der stetig größer wurde. Björnson atmete tief durch, um nicht das Bewusstsein zu verlieren.

Mit Blut hatte er es nicht so, was einer der Gründe war, warum er sich für Computer interessierte. Die waren immer eine saubere Sache. Kein bluten, keine Körperflüssigkeiten und bei einem Fehler wechselte man einfach die entsprechenden Teile aus und alles lief wieder. Bei Menschen war das komplizierter.

Er fühlte sich überfordert und half Mason auf die Beine, der glücklicherweise noch bei Bewusstsein war. Dieser brabbelte etwas undifferenziert, aber das war ja nicht weiter ungewöhnlich.
„Löwe, starke Persönlichkeit, steht gerne im Rampenlicht und ist irgendwie blau.“
„Ich bin eher ein Dezemberkind. Wir sollten einfach weiter gehen, hier gibt es bestimmt irgendwo medizinische Vorräte und ansonsten haben wir ja noch einen Arzt dabei. Ich glaube, ich kann ihn schon hören.“
„Nein, nicht dieser Arzt.“
 
Es war noch nicht einmal gelogen. Björnson hörte tatsächlich Geräusche aus dem Gang vor sich. Es klang so, als würde jemand auf sie zukommen und er hoffte inständig, dass es sich dabei um einen Freund handelte, oder wenigstens um den unausstehlichen Cleves.
Lukas Kebel

Lukas Kebel

Hat sich schon in früher Kindheit mit Rollenspiel infiziert und gilt als Überträger der Stufe 12. Sammelt nun EP in der Prestigeklasse Artikelknecht.
Hauptthemen: Pen&Paper, Games

Gefällt dir der Artikel? Dann teile ihn mit deinen Freunden