Die Gruppe: Gesinnungscheck


Jeder Rollenspieler weiß: Wenn die Wahrnehmungsprobe mal klappt, passiert nie etwas Schlimmes. So war das doch, oder?

Nach einer ganzen Reihe falscher Entscheidung, an erster Stelle jene, aus dem Bett zu steigen und eine Reise ohne Morgenkaffee anzutreten, hat die Gruppe sich getrennt. Natürlich nur um das vermeintliche Ziel schneller zu erreichen und als gefeierte Helden beim Vault empfangen zu werden. Nachdem der ungeschickte Mason beinahe zerquetscht wurde, bleibt aber nur noch wenig Zeit für Heldentum, und wenn nicht bald ein Arzt gefunden wird, oder ein speziell geschulter Kampfroboter, sieht es düster aus.

“Cleves. Ignatius! Wo ist der verfluchte Kerl, wenn man ihn mal braucht“, schimpfte Björnson als er die Mensa erreichte. Ein Loch in der Wand gab den Blick frei auf einen Raum mit umgestürzten, rostigen Tischen aus Metall, verstreutem Plastikbesteck und noch mehr Schutt – sowie zahlreichen Fußspuren im Staub. Durch schmale, vergitterte Fenster drang ein wenig Licht. Nicht einmal zu besten Zeiten hätte dieser Raum einen freundlichen Eindruck gemacht. Was für eine Schule war das, wo man die Fenster vergittern musste? Klar, letztendlich ging es um Kinder und Björnsons Wissen zu dem Thema war etwas vage. Er erinnerte sich an kleine, schreiende Biester, deren Eltern versuchten, sie möglichst weit von sich zu strecken und deren Speichel in seine Geräte tropfte.

Er war kein Fan. Im Techniklabor galt die Regel: keine Kinder und keine Katzen. Sicher, beide Spezies können aus der Ferne ganz nett sein, aber wenn ihnen langweilig wird, ist der Schaden garantiert. Und ihnen ist immer langweilig. Also waren die abgesicherten Fenster vielleicht doch eine völlig angemessene Sicherheitsmaßnahme. Mason stöhnte. Auf dem ganzen Weg hatte er nicht viel mehr getan als zu stöhnen und von Sternzeichen zu fabulieren, was zugegebenermaßen ganz angenehm war. So war sich Björnson nun fast sicher, das er im chinesischen ein Drache war und Drachen waren schon ziemlich großartig, fast so gut wie Roboter. Klar, alles kommunistischer Quatsch, aber immerhin Quatsch, der seinem Selbstbewusstsein diente.

Das war allerdings längst nicht alles in der Mensa. Jemand hatte sich die Mühe gemacht, den hinteren Bereich des Speisesaales etwas aufzuräumen. Der Staub lag dort nicht ganz so dicht, die Fliesen waren fast sauber und auf einem Tisch stand ein Teller, der glänzte. Nur ein paar Krümel zeugten davon, dass hier jemand gegessen hatte. Hatte Cleves also die Mensa früher erreicht und sich bereits häuslich eingenistet? Es sah ihm nicht ähnlich, sauber zu machen, aber immerhin war es beruhigend, in diese Richtung weiter zu denken.

„Cleves? Ich könnte deine Hilfe gerade gut gebrauchen. Hier ist eine ganze Menge Blut, und obwohl es nicht meins ist, sieht in der Hinsicht für Mason gar nicht gut aus. Ich bin mir fast vollkommen sicher, dass sein System eher früher als später zusammenbricht.“ Björnson überlegte, was er dann tun sollte. Noch stand Mason zwar, aber in dem Moment, wo er das Bewusstsein verlieren sollte, bereitete sich in Magnus schon eine ausgewachsene Panik vor, hinter dem zaghaften Schimmer der Hoffnung hervorzuspringen und laut zu brüllen. Dann wäre er schließlich allein, und obwohl die zaghafte Stimme der Moral sagte, dass das nicht der einzige Grund sein sollte, betroffen zu sein, hatte Björnson gerade keine Zeit zuzuhören.

Das Rascheln wurde lauter. Er hatte es bereits vorher gehört und konnte ungefähr ausmachen, aus welcher Richtung es kam. Am anderen Ende der Mensa, dem er sich mit Mason langsam näherte, befand sich eine halb geöffnete Tür, die zur Küche führen musste und dahinter, ja dahinter sollte sich das Lager befinden. Mit etwas Glück gab es dort auch noch einen Erste-Hilfe-Kasten und mit noch viel mehr Glück ein Stimpack und selbst Björnson, der kein Arzt war, sollte in der Lage sein ein Stimpack richtig einzusetzen, dachte er bei sich. Das Rascheln und das Ausbleiben einer Antwort verunsicherte ihn allerdings immer mehr. War da nicht gerade ein leises Stöhnen? Das Rascheln hatte urplötzlich aufgehört und die Tür quietschte, als sie sich langsam öffnete. Björnson konnte eine Silhouette erkennen, eine Gestalt, die menschengroß war. Mason quietschte vor Schmerz, da Magnus seine Fingernägel in dessen Schultern gebohrt hatte. Eine Stressreaktion. Der eher wuchtige Mann löste den Druck etwas und zielte mit dem schmalen Lichstrahl seiner Lampe auf die Gestalt. Es war nicht Cleves.

Stattdessen war es mal jemand gewesen, der nun nicht mehr in der Lage hätte sein dürfen, eine Tür zu öffnen. Eine ausgetrocknete Parodie eines Körpers, der in einem Forschungskittel steckte. Die Gesichtszüge eines Toten und die Kuhle, wo einst die Nase gewesen sein musste, richteten sich auf Björnson und versuchten ein Wort zu artikulieren. „Hallo?“, sagte die Kreatur.

„….“, machte Björnson, ließ Mason von seiner Seite rutschen und auf den Boden fallen und rannte los. Wie fremdgesteuert sprang er über einen Tisch, während seine Arme wild ruderten. Sein rechter Fuß verfing sich in einem Gewirr aus Metallsträngen, die aus dem Boden ragten und er fiel unsanft hin. Der Sturz hatte ihm die Luft genommen und schwer atmend richtete er sich wieder auf. Wo war die verdammte Waffe? Er konnte sie nicht finden und griff nach dem Gehäuse der kleinen Lampe. Der Gegenstand lag gut in seinen Händen und vielleicht konnte Björnson den Überraschungsmoment nutzen.

„Es ist nicht besonders höflich, jemanden einfach so fallen zu lassen. Dabei kann man sich leicht verletzen“, ließ sich eine Stimme vernehmen, der man unbewusst ein Glas Wasser reichen wollte. Die Stimme eines Toten. „Ich möchte meine Aussage revidieren. Nachdem ganzen Blut zur urteilen, ist das bereits geschehen und es ist ebenso unhöflich, mein zu Hause vollzubluten.“

Magnus Björnson hatte sich ein Stück weit beruhigt. Die Kreatur war zwar offensichtlich kein Mensch, aber sie hatte sich ihm auch nicht weiter genähert und versuchte nun sogar ein Gespräch anzufangen. Er hielt seine improvisierte Waffe zwar immer noch fest umschlossen, aber es gelang ihm, sich aufzurichten und umzudrehen. Seine Augen versuchten nur den Kittel der Gestalt anzusehen, da ihn ein Blick in sein Gesicht nur wieder in Panik versetzen würde. Er atmete tief durch. Es musste sich um einen Ghul handeln. Er hatte noch nie einen gesehen, aber Gerüchte gehört. Menschen, die sich durch die Strahlung verändert hatten und die in Ruinen lebten, so wie diese hier. Er hatte nicht damit gerechnet, je einen zu sehen. Besser gesagt, er hatte es gehofft, denn die Erzählungen waren nicht unbedingt angenehm.

Es hieß das Ghule wild und gefährlich waren und Menschen fraßen. Das Exemplar, das ihm gegenüberstand, war wohl gerade nicht hungrig und wenn doch, dann gab es ja schließlich noch Mason als Vorspeise. Bis Magnus dran war, würde ihm schon etwas einfallen.
Der Kittel sah sehr gepflegt aus und ein Namensschild verkündete fröhlich: „Hi, mein Name ist Dillon :).“ Darunter war ein Firmenlogo:“Robco & Fun.“

Der Ghul hatte sich nun zu Mason gebeugt und begutachtete dessen Verletzungen. Mason ließ das still über sich ergehen. Er war ohnmächtig geworden und damit ein ganzes Stück besser dran, als Magnus. Die Kreatur namens Dillon machte dabei einen durchaus fachmännischen Eindruck. „Ich glaube, ich habe hier irgendwo noch etwas Verbandszeug. Nadel und Faden habe ich auf jeden Fall und das sieht mir aus, als müsste es genäht werden und damit kenne ich mich aus. Wenn man ab und an einen Finger verliert, wird man ganz gut in diesen Sachen. Da mir dein Freund allerdings gerade nicht erzählen kann, was ihn hier hergeführt hat, kannst du mir da vielleicht auf die Sprünge helfen. Schließlich ist das hier Ghulterritorium und ich bin auf Raider nicht sehr gut zu sprechen. Das ihr Beide noch am Leben seid, liegt nur daran, dass ihr nicht wie gewöhnliche Diebe ausseht und ich hoffe, mein Blick hat mich da nicht getäuscht. Meine Augen sind vielleicht nicht mehr so gut, wie sie mal waren.“

„Wir sind keine Diebe“, erwiderte Björnson vorsichtig. Jedenfalls noch nicht, dachte er bei sich und wollte sich nicht ausmalen, was Dillon tun würde, wenn er erfuhr, dass die Gruppe hier war, um die Vorräte aus dem Lager zu stehlen. Seine Gedanken wurden je unterbrochen.

„Sieh mal einer an“, sagte eine vertraute Stimme und Magnus drehte sich um. Cleves stand in der Tür, die Hände in den Taschen und sah sich misstrauisch um. „Zwar seid ihr vor mir angekommen, und wie ich sehe, habt ihr schon Freundschaft mit dem lokalen Gesindel geschlossen, aber ich habe auch etwas schönes gefunden.“ Cleves zog eine Pistole aus seiner Tasche und zielte damit auf den Ghul, dann schwenkte er sie plötzlich zu Björnson.

Lukas Kebel

Lukas Kebel

Hat sich schon in früher Kindheit mit Rollenspiel infiziert und gilt als Überträger der Stufe 12. Sammelt nun EP in der Prestigeklasse Artikelknecht.
Hauptthemen: Pen&Paper, Games

Gefällt dir der Artikel? Dann teile ihn mit deinen Freunden