Reden über Weltenbau: Ein neuer Blick auf die Dinge


Viele blicken auf Tolkien als den Großmeister und versuchen, ihn zu kopieren. Aber aus heutiger Sicht ist das Tolkien Szenario ein einziger Haufen von Klischees. Ein schlechtes Vorbild also?

In dieser Reihe unterhalte ich mich über die Grenzen dieser Website hinweg mit Michael von Weltenbau Wissen über allgemeine Fragen im Design von fiktiven Welten, was falsch lief und läuft und wie man manches vielleicht besser machen könnte. Wir wollen euch dabei zum Nachdenken anregen. Diese Beiträge sollen dabei als Diskussionsgrundlage dienen, sowohl für Michael und mich als auch für euch.

Gut gegen Böse, Elfen, Zwerge, Orks (oder ähnliches) und ein mittelalterliches Szenario. Klingt nicht nur nach Tolkiens Werk, sondern nach vielem, was danach passierte. Selbst die größeren Rollenspiele setzten anfangs darauf und sind zum Teil noch immer in diese Richtung fokussiert. Zwar hat sich beispielsweise DSA mittlerweile auch etwas weiterbewegt, das Grundszenario ist aber dennoch ähnlich.

So spielen wir eigentlich immer Helden, die gegen beispielsweise Orks (da sind sie wieder), finstere Priester des Namenlosen Gottes oder andere Kreaturen mit finsteren Absichten antreten. Ich vermute, das Bild kommt vielen bekannt vor. Das liegt nicht allein an den Spielleitern, sondern war und ist den Kaufabenteuern geschuldet.

Alles also klischeehaft, vor allem Tolkiens Werke. Doch darf man nicht vergessen, dass sie seinerzeit bahnbrechend waren, wie auch Michael feststellt. Unser Leser Paul merkte zudem bei meinem letzten Artikel an, „dass du [also ich] eine ästhetische, konstruierte mit einer schlecht gebauten Welt gleichsetzt. Ich weiß, du legst sehr viel Wert auf Realismus, aber ich finde durchaus Gefallen an Tolkiens Mystik.“

Eine unrealistische Welt muss nicht gleichzeitig eine schlechte sein, das stimmt, solange eine Erklärung für den “Unrealismus” gefunden wird. Sei es nur Magie, mystische Kräfte oder Götter, auch wenn das meist ein zu einfacher Fluchtweg ist, den Tolkien übrigens nur selten bis gar nicht geht. Es mögen zwar einige Fragen nicht wirklich erklärt sein – erinnern wir uns an meine Frage zur Logik von Minas Tirith – doch im Großen und Ganzen ist die Welt schlüssig.

Was bedeutet Tolkiens Erbe nun für Fantasy, Weltenbauer und Rollenspieler? Es ist der Anstoß zu mehr. Immerhin hat Tolkien einen Stein ins Rollen gebracht, der bis heute immer mehr Fans zur Phantastik treibt. Wobei dieses Bild vielleicht etwas zu brutal wirkt, aber belassen wir es dabei. Auch die Entwicklung des Rollenspiels wäre ohne Tolkien so nicht möglich gewesen und wir würden alle vielleicht anderen Hobbies nachgehen.

Für Weltenbauer selbst ist Tolkien nach wie vor ein Vorbild. Aus heutiger Sicht mag seine Welt klischeebeladen ohne Ende sein, aber wie er an sein Werk herangegangen ist, zeigt eine Detailverliebtheit, die vielen Weltenerschaffern und Autoren heutzutage wirklich gut tun würde.

Gerade auch im Rollenspiel solltet ihr euch von Tolkien inspirieren lassen. Vergesst seine Welt und macht euch sein Handwerk zunutze. Erschafft etwas frei von vorgefertigten „Zwängen“. Michael fordert Fantasy mit anderen Einflüssen als aus Mitteleuropa und gerne auch Fortschritt in Technik oder Philosophie.

Tatsächlich müsst ihr noch nicht einmal so weit gehen. Wie wäre es einmal statt der typischen High Fantasy eine andere (bestehende) Art auszuprobieren: Low Fantasy, in der Magie eher furchteinflößend und selten ist denn mächtige Waffe. Dark Fantasy, weil es doch langweilig ist, immer nur die Guten zu spielen. Oder einfach mal eine andere Zeitrechnung als Vorbild nehmen. Mittelalterlich ist doch auf Dauer auch nicht immer spannend. Wie wäre es also mit einem modernen Setting, der Imperialzeit oder gar der Antike?

Es gibt so viele verschiedene kleine Stellschrauben, an denen ihr drehen könnt, um nicht in die Klischees zu verfallen, die nach Tolkien immer wieder genutzt werden. Macht euch also frei und erschafft etwas eigenes, abseits des typischen Mainstreams. Werdet “Indie”!

Die Reihe bis hierhin

Reden über Weltenbau: Postapokalypse (NonPlayableCharacters)
Hat Fallout 4 ein Realismusproblem? (Weltenbau Wissen)
Reden über Weltenbau: Die Welt öffnen (NonPlayableCharacters)
„Dieser Retcon ist für mich nicht Kanon!“ (Weltenbau Wissen)
Reden über Weltenbau: Brauchen wir drumherum? (NonPlayableCharacters)
Wie viel Weltenbau braucht meine Geschichte? (Weltenbau Wissen)
Reden über Weltenbau: Kreatives Pen&Paper (NonPlayableCharacters)
Die Fantasie, mein Komplize (Weltenbau Wissen)
Reden über Weltenbau: Mittelerde nur Mittelmaß? (NonPlayableCharacters)
Fluch und Segen von Tolkiens Erbe (Weltenbau Wissen)

Felix Mohring

Mit 11 Jahren aus Versehen in die Rollenspielrunde des großen Bruders gerutscht und seither nicht mehr von dem Hobby losgekommen. Gründer und Marketing-Äffchen, Moderator und Formatentwickler der NonPlayableCharacters.
Hauptthemen: Pen&Paper

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