Reden über Weltenbau: Inspiration, Remix, neue Ansätze


Wir sind uns wohl alle einig, dass Fantasy-Welten ruhig etwas mehr Abstand zu den inzwischen recht kanonischen Settings unserer Zeit nehmen sollten. Tolkien wird hier ja oft als “Vater” genannt. Dennoch sollten wir auf bereits Vorhandenes blicken und es kritisch hinterfragen, um auch künftig Innovatives schaffen zu können.

In dieser Reihe unterhalte ich mich über die Grenzen dieser Website hinweg mit Michael von Weltenbau Wissen über allgemeine Fragen im Design von fiktiven Welten, was falsch lief und läuft und wie man manches vielleicht besser machen könnte. Wir wollen euch dabei zum Nachdenken anregen. Diese Beiträge sollen dabei als Diskussionsgrundlage dienen, sowohl für Michael und mich als auch für euch.

In seinem letzten Beitrag hat Michael fünf Rezepte vorgestellt, um einem Fantasy-Setting die gewisse Würze zu verleihen. Insbesondere der “Remix!” hat es mir besonders angetan. Ja, auch ich greife gerne auf dieses Mittel zurück. Hierbei ist es jedoch stets ratsam, sich auch mit der geistigen Arbeit anderer Weltenbauer, Autoren und Gamedesigner vertraut zu machen, um daraus etwas Neues zu erschaffen. Selbst ein Blick auf unsereWeltgeschichte ist nie verkehrt.

Wenn ihr nämlich wirklich einmal schaut, was schon alles produziert wurde, erkennt ihr, dass Michaels Rezepte eins bis vier schon mehrfach umgesetzt wurden, nur eben gerne abseits des Mainstreams. Oder aber diese Ideen wurden nur bedingt aufgenommen beziehungsweise nicht konsequent genug fortgeführt. So mag ich beispielsweise den Perspektivenwechsel in der Albae-Reihe von Markus Heitz sehr gerne: Heitz stellt hierbei die “Bösewichte” in den Fokus, wodurch wir mehr über ihre Wünsche und ihren Antrieb lernen. Damit sind die Albae als Gegenspieler deutlich überzeugender als beispielsweise “Das Böse” in Form von Sauron.

Nun könnte man jene Albae mit einem uralten Volk kombinieren, welches ausnahmsweise mal nicht nach der absoluten Macht strebt. Schon habt ihr ein Dunkelelfen-Volk, das nicht einfach nur “Das Böse” darstellt. Doch noch gibt es zu viele Lücken. Warum hat dieses Volk denn jetzt einen allesverzehrenden Hass auf die Elfen? Einfach nur, weil es in ihrer Natur liegt, sich mit den Baumschmusern bis auf den Tod zu bekämpfen? Viel zu oberflächlich!

Greifen wir uns hier doch mal eine Idee der Seite Goblin Punch heraus: “Elves will tell you that they live in harmony with their environment, but this is not true.  In reality, elves undertake huge engineering projects to re-arrange the crystals around their caverns, or divert rivers to make better waterfalls.  Or that they send their slaves out to paint rocks more pleasing colors.”

Weil vielleicht diese eine Eiche genau da einen unsäglich blöden Schatten wirft, manipulieren Elfen ihre Umwelt wie es ihnen beliebt. Das klingt mir nicht unbedingt nach dem respektablem und naturverbundenem Volk, als das Elfen für gewöhnlich dargestellt werden. Und schon hätten wir einen Grund dafür, warum Dunkelelfen das verwandte Volk verabscheuen könnten. Denn sonst merkt kaum jemand etwas von jenen längerfristigen Umstrukturieren, die die Elfen vornehmen. Wer lebt schließlich sonst so lange?

Und schon haben wir innerhalb kurzer Zeit mit einem Blick auf bereits bestehende Konzepte und Ideen anderer Weltenbauer und Autoren ein Volk knapp umrissen und ein weiteres bereits angedeutet. Das alles nur, indem wir uns Michaels Rezept “Remix” bedient haben. So könnte eine ganze Welt entstehen, Stück für Stück.

Ihr habt Bock auf etwas steampunkige Technologie in eurer Fantasy-Welt? Dann schaut doch mal, wie andere das gelöst haben. In dieser Hinsicht ist beispielsweise Dragon Commander ein Blick wert: Hier rüstete sich einst eine ganze Fantasywelt mit atemberaubenden Technologien aus, welche letztendlich im großen Krieg aufeinanderprallten und in der finsteren Folgezeit verloren gingen. Eine gänzlich andere Situation thematisiert hingegen das Buch Drachenschiffe über Kenlyn, in dem eine außerirdische Rasse den Menschen ihre Technologie überlassen hat, die keiner gänzlich versteht oder gar nachzubauen vermag.

Insgesamt hilft es ungemein, viele verschiedene und interessant wirkende Konzepte des Weltenbaus selbst zu erleben, sei es durch ein Spiel, ein Buch oder einen Film. Sei das Szenario auch noch so schlecht, irgendetwas könnt ihr da immer herausnehmen und vielleicht mit etwas anderem kombinieren. Dabei braucht ihr kein ein schlechtes Gewissen zu haben: Ihr kopiert nicht. Ihr nutzt Bestehendes lediglich als Inspirationsquelle und erfindet dadurch etwas Neues.

Wagt also den Blick zurück, um beim Blick nach vorne eine eigene und ganz besondere Welt für euer eigenes Projekt sehen zu können.

Die Reihe bis hierhin

Reden über Weltenbau: Postapokalypse (NonPlayableCharacters)
Hat Fallout 4 ein Realismusproblem? (Weltenbau Wissen)
Reden über Weltenbau: Die Welt öffnen (NonPlayableCharacters)
„Dieser Retcon ist für mich nicht Kanon!“ (Weltenbau Wissen)
Reden über Weltenbau: Brauchen wir drumherum? (NonPlayableCharacters)
Wie viel Weltenbau braucht meine Geschichte? (Weltenbau Wissen)
Reden über Weltenbau: Kreatives Pen&Paper (NonPlayableCharacters)
Die Fantasie, mein Komplize (Weltenbau Wissen)
Reden über Weltenbau: Mittelerde nur Mittelmaß? (NonPlayableCharacters)
Fluch und Segen von Tolkiens Erbe (Weltenbau Wissen)
Reden über Weltenbau: Ein neuer Blick auf die Dinge (NonPlayableCharacters)
5 Rezepte für originellere Fantasy-Zivilisationen (Weltenbau Wissen)

Felix Mohring

Mit 11 Jahren aus Versehen in die Rollenspielrunde des großen Bruders gerutscht und seither nicht mehr von dem Hobby losgekommen. Gründer und Marketing-Äffchen, Moderator und Formatentwickler der NonPlayableCharacters.
Hauptthemen: Pen&Paper

Gefällt dir der Artikel? Dann teile ihn mit deinen Freunden