„A man is not dead while his name is still spoken.“ (T. Pratchett, Going Postal)


Immer mal wieder treffe ich auf Menschen, die mir die willkommene Gelegenheit geben, ihren unvoreingenommenen Geist mit Terry Pratchett zu konfrontieren. Oft geschieht das in dem Moment, in dem sie meine Zimmertür öffnen und sich vor einem altarhaften Bücherregal wiederfinden, das auf den ersten Blick nur Scheibenweltromane enthält.

Auf die Frage: „Die hast du alle gelesen?“ antworte ich stolz angesichts der verwunderten Blicke gerne: „Die meisten schon unzählige Male!“ und muss mich dann in den meisten Fällen erklären.

Als ich anfing, auf der Scheibenwelt zu leben und zu träumen, war es ein Sprung ins kalte Wasser – ich fand mich mitten im Geschehen, an einem sonnigen Tag in Ankh-Morpork, nachdem ich zunächst mit ein paar wirklich wichtigen philosophischen Fragen konfrontiert worden war.

Ankh-Morpork! Die verruchteste Stadt der Scheibenwelt: voll von Helden und Schurken, Abenteuern und Zauberei, immer eine Reise wert.

Ich wollte diese Welt verschlingen, mit all ihren faszinierenden Bewohnern, Städten, Ländern… ihren Träumen und Ideen, Mentalitäten und Glauben. Ein Teil von ihr werden. Die Magie der Scheibenwelt verschlang mich ihrerseits, ich war ihr sofort verfallen.

Was ich damit sagen will: Ich hoffe, dich packt es auch.“

Habe ich Interesse geweckt, folgen Lobpreisungen auf Pratchetts komplexen Stil, fantastische Welt und lebendige Charaktere. Den wenigen Standhaften, in deren Augen ich Begeisterung blitzen sehe, liegt immer die gleiche Frage auf der Zunge:

„Okay. Und womit fange ich jetzt an?“

Darauf gibt es keine allgemeingültige Antwort. Ich rate davon ab, die Bücher in der Reihenfolge ihrer Veröffentlichung zu lesen: Pratchetts Stil hat sich über die Jahre stark verändert.

pratchett_345Für mich zunächst eine deutliche Verbesserung im Vergleich zu späteren Romanen scheinen die frühen Werke „unreif“, das Potenzial nicht voll ausgeschöpft. Ist auch logisch, wenn man bedenkt, dass ich mit jedem neuen Scheibenweltroman höhere Ansprüche an den Nächsten hatte. Meine Lesereihenfolge wurde anfangs durch das bestimmt, was im Buchladen meines Vertrauens zufällig im Regal stand. Später, welcher Titel meiner Laune gerade am meisten zusagte.

 

Wenn jemand das Gesamtwerk kennt und bei Neugierigen höchste Erwartungen weckt, könnte es also zu Enttäuschung führen, Pratchetts Stilentwicklung in Erscheinungsreihenfolge zu verfolgen.

Ähnliches gilt übrigens auch für die zuletzt erschienenen Romane – Pratchetts Werdegang ähnelt einer Glockenkurve, deren Abfallen wohl seinem späteren Gesundheitszustand zuzuschreiben ist. Dennoch: Ich bin dankbar für jedes Wort, das er uns hinterlassen hat.

Eine andere Möglichkeit wäre, chronologisch und sinnvoll aufeinander aufbauend zu lesen. Diese Herangehensweise kann das Lesevergnügen für manche Handlungsstränge sicherlich steigern – es gibt tatsächlich viele, die sich über mehrere Romane in einer klaren zeitlichen Abfolge verteilen. Zwingend erforderlich für das Verständnis sind solche Zuordnungen nicht. Jede Geschichte ist auf ihre Art in sich geschlossen und kann alleinstehend betrachtet werden. Später kann man sich trotzdem über Aha-Effekte, bekannte Gesichter und inhaltliche Ergänzungen freuen. Im zweiten Durchgang kann man die wachsende Sammlung dann ja immer noch sortiert lesen. Wer besonderen Wert auf eine sinnvolle Reihenfolge legt, findet im Netz Hilfestellungen und Schaubilder, mit denen sich die Qual der Wahl mindern lässt. (Zum Beispiel hier: http://www.lspace.de/dafp/reihenfolge.html)

Ich rate meinen für Fantasy aufgeschlossenen Freunden dann meistens, sich ein Themengebiet auszusuchen: unkonventionelle Hexen, vertrottelte Zauberer, Großstadtprobleme, klassische Abenteuer oder doch etwas zum Nachdenken? Was ist denn am besten?“ fragen sie.Alles“, antworte ich nach kurzer Bedenkzeit.

Ich bin der festen Überzeugung, dass für jeden etwas dabei ist: Finde die eine Geschichte, die dich packt und bis zur vollständigen Einbürgerung auf der Scheibenwelt nicht mehr loslässt.

Eine thematisch auf mein Gegenüber zugeschnittene Auswahl an Empfehlungen gebe ich gerne – auf ein spezielles Buch beschränken kann und will ich mich allerdings nicht. Meistens läuft es darauf hinaus, dass meine Ratschläge spätestens im Buchladen mangels Verfügbarkeit ohnehin über Bord geworfen werden. Es wird dann das bunteste Cover, der lustigste Titel oder schlicht „das Einzige, was sie hatten“ gekauft.

Was solls – ein Einstieg ist ein Einstieg.

Meine uneingeschränkte Empfehlung: Lest Terry Pratchett!

Fangt irgendwo an und hört nicht mehr auf!

Pflichtkauf nur deshalb nicht, da es sich hier nicht um ein Einzelwerk handelt, sondern um eine ganze Welt, die man mit der Zeit aufbauen kann – aber nicht muss. 

pratchett_345_2Was in keinem Bücherregal fehlen darf, ist eine vollkommen zerlesene, badewannengeschädigte, eselsohrige Ausgabe von Ein gutes Omen (engl.: Good Omens).

Hat überhaupt nichts mit der Scheibenwelt zu tun und entstand in Zusammenarbeit mit dem ebenfalls hervorragenden Neil Gaiman.

Worum es geht? Die letzte Schlacht, die Apokalypse – eine stimmungs- und humorvolle bis klischeehafte, zeitlose und selbsternannt akkurate Beschreibung der Ereignisse von jetzt bis zum Ende des ewigen Streits zwischen Gut und Böse.

Für unverfälschten Pratchett-Genuss versteht sich von selbst, dass das Original der Übersetzung vorzuziehen ist.

Pratchetts ureigener Stil und Wortwitz gehen einige Male in umständlichen Formulierungen verloren und wer den Vergleich hat, kann das den Übersetzern in manchen Fällen nur schwer verzeihen.

Einige Abwandlungen verdienen hingegen ihre eigene Anerkennung, insofern rate ich dazu, nach Möglichkeit einfach beides zu lesen.

Lasst euch von Terry Pratchetts Wortakrobatik, besonderem Stil und weitreichendem Spektrum an Parodien mitreißen und lernt dabei eine fantastisch-authentische Welt voller liebevoll konstruierter und doch so natürlich wirkender Charaktere kennen.

Also: Einfach loslegen.

Für echte Bücherwürmer sehe ich hier eine schier unerschöpfliche Nahrungsquelle und für Gelegenheits-Leseratten eine Chance, unvergessliche Abenteuer zu erleben.

Trefft eure Wahl nach Bauchgefühl. Unwahrscheinlich, damit völlig danebenzugreifen.

A man is not dead while his name is still spoken.“ – In diesem Sinne werde ich Terry Pratchetts Werk in Ehren halten und immer auf der Suche nach Unwissenden sein, die es zu bekehren gilt.

Die Schildkröte bewegt sich!

Vanessa Barth

Vanessa Barth

Liest, schreibt und zockt in ihrer Freizeit; bereist dabei am liebsten Fantasy- & ScienceFiction-Welten und würde gerne auf die Scheibenwelt auswandern oder mit der Tardis das Universum erkunden.
Hauptthema: Bücher

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  • Ich finde sehr viele Bücher von Pratchett einfach großartig! Auch ich habe sie in der “Was grad im Buchladen da war”-Reihenfolge gelesen und teile was das angeht auch Deine EInschätzungen bezüglich der Chronologie.

    Allerdings – und jetzt kommt es – finde ich die “Ein gutes Omen”-Geschichte völlig überflüssig. Insgesamt bin ich der Meinung, dass keines seiner Bücher an die Geschichten von der Scheibenwelt herankommt, aber beim Omen war ich regelrecht enttäuscht, nachdem ich nach langer Qual endlich die letzte Seite erreicht hatte.

    Wem Terry Pratchett gar nichts sagt und nur mal einen Eindruck vom Schreibstil und Humor bekommen möchte, dem würde ich “Rollende Steine” ans Herz legen.

    • Vanessa Barth

      Wow, das hat mich jetzt echt umgehauen. Ich find auch Neil Gaiman so fantastisch, dass ich mir kaum ein besseres Team vorstellen kann, von Ian Stewart und Jack Cohen mal abgesehen. Richtig, richtig unnötig war die Lange Erde – Reihe, ich hab das letzte noch nichtmal gelesen.