(c) 2016 capelight pictures

Hardcore – der Name ist Programm


Der welterste First-Person-Actionfilm ist da. Nach längerer Produktionsphase inklusive einer gerade-so-eben erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne kommt Hardcore (russischer Originaltitel: Хардкор – viel Übersetzung war da nicht nötig) am 14. April hierzulande in die Kinos.

Ich habe ihn mir mal angesehen, um für Euch die Fragen zu beantworten, ob einem dabei schlecht wird, sich der Besuch lohnt und wie gut das Format insgesamt ins Kino passt. In eckigen Klammern habe ich Auszüge aus den Notizen eingestreut, die ich während der Vorführung vor mich hingekrakelt habe.

Der Dreh des Films hatte wohl nie mehr als einen Kameramann zur Zeit. (c) 2016 capelight pictures

Der Dreh des Films hatte wohl nie mehr als einen Kameramann gleichzeitig. © 2016 capelight pictures

Das Projekt des russischen Regisseurs Iljya Naishuller ist in zweierlei Hinsicht ein Erstling: Naishuller hat bisher nur Musikvideos seiner Band gedreht. Und die Technik, einen ganzen Film aus der Perspektive des Protagonisten zu drehen, ist ebenfalls recht neu. Einzelne Sequenzen in Filmen wie Strange Days waren ihrerzeit sehr aufwendig, heutzutage reicht es offenbar, einem Stuntman [Star: Kameramann] ein Gestell mit zwei GoPros um den Kopf zu schnallen und dann komplexe Setpieces umzusetzen.

Die Titelsequenz [sehr cool] ist der einzige Teil von Hardcore, der nicht aus der Sicht des Protagonisten gezeigt wird. Darin sehen wir in Zeitlupe, wie einem Menschen furchtbare Gewalt angetan wird: Glasscherben werden durch Haut gezogen, Kugeln in den Torso gefeuert, ein Baseballschläger kommt zum Einsatz. Mit dem Erwachen des Protagonisten Henry als Cyborg beginnt dann der eigentliche Film – und es wird schnell klar, dass das Opfer aus dem Intro unser Held war, dessen Körper nun mehr Maschine als Mensch ist.

Was folgt, ist ein verdammt wilder Ritt: Actionszene reiht sich an Actionszene, während sich eine wilde Hetzjagd durch das Moskau der nahen Zukunft abspielt. Selbst kritische Nachfragen bezüglich der Story, die das Großhirn ab und zu stellen möchte, erhalten nach und nach halbwegs kohärente Antworten – der Film ist äußerst kompetent gemacht, von der Kameraführung über die Stuntkoordination und die Ideen der Kampf- und Verfolgungsszenen bis hin zur Geschichte des Skripts. Nach anderthalb Stunden taumelt der Rezensent zurück auf die Straße und denkt „Fuck Yeah!“.

Details? Hier kommen sie

Akan könnte ein Anime-Fiesling sein. (c) 2016 capelight pictures

Akan könnte ein Anime-Fiesling sein. © 2016 capelight pictures

Auch nach etwas Zeit zum Sacken ist Hardcore noch immer ein brillanter Film. Der namenlose Stuntman mit Kamera und das Skript haben dazu ebenso viel Beitrag geleistet, wie die dreieinhalb Darsteller mit relevanten Sprechrollen. Allen voran natürlich mein Liebling Sharlto Copley [Copley! SO wünsch ich mir das], bekannt aus District 9, Elysium und anderen Filmen, der hier als Comic Relief [Haha Musical], Buddy [Awesome!] und Deus ex Machina fungiert. Haley Bennett macht ihre Sache als weibliche Hauptrolle ebenfalls sehr gut und Bösewicht Danila Koslowski stiehlt jede Szene, in der er als Mischung aus Psycho Mantis und Viserys Targaryen direkt aus einem Anime zu kommen scheint.

Einige Kritiker im Netz berichten davon, dass ihnen in Hardcore übel oder schwindelig geworden sei. Das ist mir nicht passiert und ich muss sagen: Das Format sorgt bei mir als altem Gamer für eine unglaubliche Immersion. Es war hinterher beim Erzählen der Story zu Hause schwierig, von den Taten des Protagonisten in der dritten Person zu berichten. Es war eher, als ob man ein Videospiel oder einen Traum erzählt. Nicht Henry, hat etwas, getan, sondern „Du“ oder gar „ich“.

Stealth Kill! (c) 2016 capelight pictures

Stealth Kill! © 2016 capelight pictures

Entsprechend sorgt der Film mit seinen zuverlässig alle fünf Minuten im Crank-auf-Koks-Stil auftauchenden Actionszenen für einen steten Adrenalinpegel, der bis zum Schluss durchhält. Sogar Bosskämpfe gegen andere Cyborgs [Cyborg Arcade Battle!], Supersöldner [Achja: Bombe] und natürlich den Oberschurken [Three Stage Bossfight!] kommen darin vor. Und die ganze Zeit ist man als Zuschauer tatsächlich mittendrin, statt nur dabei. Am Anfang habe ich zudem beinahe ein Tutorial erwartet, während die Wissenschaftler Henrys Körper kalibrieren. Auch Quick-Time-Events wären an einigen Stellen fast angebracht gewesen [Press ‘E’ to smack some sense into Sharlto].

Kritik am Immersionsbruch

Ein paar kleinere Kritikpunkte bleiben dennoch an Hardcore haften. Die wenigen Stellen, an denen Musik im Film auftaucht, sind ebenso irritierend, wie die Untertitel, wenn Leute Russisch sprechen, da sie aus der Immersion herausreißen. Alles, was wir im Film sehen [Haha! Auge kaputt], nimmt der Protagonist ebenso wahr, da wirken diese typischen Filmelemente wie deplatzierte Fremdkörper. Zumal abgesehen von einem visuellen Gag, der definitiv eine Hommage an Crank ist, die Untertitel der Geschichte nicht viel Vortrieb verleihen – alle wichtigen Dialoge sind in der englischen Muttersprache des Protagonisten. Ansonsten kann man sich natürlich über die Horden namenloser Söldner aufregen, die das Zeitliche segnen. Das habe ich aber anders als sonst häufig nicht getan. Hardcore konnte mich durch Stilpunkte über Schwächen im Plot ablenken. Luc Besson wäre stolz. Abgesehen davon hätte der Film meiner Ansicht nach zehn Sekunden früher aufhören können – aber das ist Ansichtssache.

Fazit

Hardcore ist nichts für zartbesaitete Zuschauer. Laut Pressematerial ist eine FSK ab 16 Jahren beantragt, die der Film in der Form, die ich gesehen habe, nicht einmal für seine Titelsequenz bekommen dürfte. Die brutale Gewalt findet dabei natürlich immer aus nächster Nähe statt – weggeschnitten oder von Weitem betrachtet wird hier gemäß der Natur der Sache gar nichts. Wer sich damit anfreunden kann – und ich bin selbst kein Fan sinnloser Gewalt – der erhält einen der heißesten und direktesten Actionfilm aller Zeiten.

Ich denke, der Name Naishuller wird in den kommenden Jahren noch Kultstatus erreichen. Daher ein Pflichtbesuch für alle Fans von Actionfilmen. Ich für meinen Teil habe nach zehn Minuten angefangen zu grinsen – und damit bis zum Ende nicht mehr aufgehört.

Was bedeutet diese Bewertung? Lest es hier.

Marten Zabel

Marten Zabel

Bewertet Dich anhand Deiner Spiele, Serien und Rechtschreibung, wenn er nicht gerade selbst Spiele designt oder von größeren Dingen träumt.
Hauptthemen: Pen & Paper, Games, Brettspiele

Gefällt dir der Artikel? Dann teile ihn mit deinen Freunden