Wytches


Eine verunsicherte Teenagerin, ein vermeintlicher Neuanfang und ein entsetzliches Erbe. Die jüngst beim Splitter-Verlag erschienene Graphic Novel Wytches aus der Feder Scott Snyders und Jocks (a.k.a. Mark Simpson) verspricht einen aufwendig inszenierten Auftakt für eine neue Horrorreihe. Doch kann uns der ans englische Wort für Hexen (“witches”) anlehnende Titel tatsächlich in seinen Bann ziehen oder verpufft der Spuk bereits nach den ersten Seiten?

Eine trügerische Idylle

sailor und annie

Sailor hat keine Chance gegen die fiese Annie. Doch das ist nicht ihr einziges Problem… (© Splitter)

Am ersten Tag an ihrer neuen Schule entsinnt sich die junge Sailor Brooks schlagartig an jenen verhängnisvollen Abend zurück: Der langwierigen Schikanen überdrüssig, stellt sie sich mutig ihrer grobschlächtigen Peinigerin Annie. Als ihr abermals eine demütigende Niederlage droht, müssen beide feststellen, dass ihnen bereits etwas unersättlich Uraltes in der Verborgenheit des Waldes auflauert. Und Annie ist das nächste Opfer…

Nachdem die polizeilichen Ermittlungen zu Annies unerklärlichem Verschwinden zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis führen, wird Sailor auf Schritt und Tritt von übler Nachrede begleitet. Daher beschließt die Familie Brooks, in der Abgeschiedenheit New Hampshires einen Neuanfang zu wagen. Nichtsdestotrotz häufen sich auch hier die dunklen Omen.  Als die Teenagerin dann spurlos verschwindet, setzt ihr Vater Charles alle Hebel in Bewegung, um seine Tochter zu retten.

In Anbetracht der sich etappenweise entwickelnden Erzählung bin ich wirklich froh, dass sich die Macher mit knapp 160 Bildseiten genügend Zeit genommen haben, glaubhaften Tiefgang zu entwickeln. Dies wird zum Teil mit zahlreichen Flashbacks erreicht, die mir zwar sinnvolle oder gar notwendige Zusatzinformationen liefern, mir aber auch oftmals den daran anknüpfenden Wiedereinstieg ins eigentliche Geschehen erschweren.  

Vom Unglück verfolgt

Sailor

Sailor fürchtet aufgrund von Annies Verschwinden um ihren Ruf an der neuen Schule. (© Splitter)

Sailor ist ein junges, aufgeschlossenes Mädchen, das ihrem Alter entsprechend zu impulsivem Verhalten neigt. Aufgrund ihrer kreativen und einst witzigen Art habe ich sie sofort in mein Herz geschlossen. So bin ich jedes Mal ergriffen, wenn sie abermals von Unsicherheit geplagt wird oder in alptraumhaften Situationen ihren ganzen Mut zusammennehmen muss. Auch bewundere ich ihre kämpferische Natur, ohne die sie zweifelsohne bereits an ihrem harten Schicksal zerbrochen wäre.  

Ihr Vater Charles bemüht sich sehr um seine Tochter. Wenngleich sein übermäßiger Alkoholkonsum das Familienglück in der Vergangenheit zu kippen drohte, hat er sich inzwischen wieder gefangen. Nun arbeitet er hart daran, für Sailor der fürsorgliche Vater zu sein, den sie verdient. Mit seiner ebenfalls sehr kreativen und aufmunternden Art scheint ihm dies auch eine Zeit lang zu gelingen. Letztendlich zwingen ihn aber die Geschehnisse dazu, im Kampf um seine Tochter allen Gefahren zu trotzen und über sich selbst hinauszuwachsen.

Sailors im Rollstuhl sitzende Mutter Lucy liebt Charles über alles, stand sie ihm doch auch in schwierigen Lebenslagen zur Seite. Als Ärztin kümmert sie sich zudem sorgsam um Sailors Bruder Dylan, der infolge eines (angeblichen) Verkehrsunfalls mit Fahrerflucht schwer verletzt im Krankenhaus liegt. Aufmerksamen Beobachtern wird aber nicht entgehen, dass sie tendenziell etwas zu verbergen scheint. Aber auch Dylan erweckt den Eindruck, dass er bereits ahnt, wie es um das Schicksal seiner Familie bestellt ist.

Da die Geschichte von der recht mitreißenden Vater-Tochter-Beziehung lebt, ist es meines Erachtens legitim, dass andere Familienmitglieder und Nebenfiguren trotz ihres Potenzials meist nur notdürftig beleuchtet werden. Jedoch kann ich mir gut vorstellen, dass wir die ein oder andere Person nicht zum letzten Mal gesehen haben.

Konturen, Kompositionen und Klekse

auto

Farbklekse unterstreichen die verregnete Autofahrt von Lucy und Charles. (© Splitter)

Wie in Comics häufig üblich sind die Figuren scharfkantig umrissen und in der Regel deutlich konturiert. Dabei erzeugt der Zeichner Räumlichkeit und Detailreichtum vor allem durch den dramatischen Kontrast zwischen Licht und Schatten: Satte Farben konkurrieren häufig mit schwarzen Schattierungen und manövrieren meine Blicke somit gekonnt durch die zuweilen spektakulär überladenen Bildseiten.

Die Bildfelder sind klar strukturiert und in der Folge für mich leicht lesbar. Bemerkenswert ist jedoch, dass gerade in den spannungsgeladenen Szenen die regelmäßige Bildfolge bewusst aufgelöst wird und flächiges Schwarz dominiert.

Auf diese Weise muss ich mich in den düsteren Settings stets neu orientieren, bin verwirrt und fühle mich unbehaglich. Ich werde also parallel zum jeweiligen Protagonisten gezielt in die passende Stimmungslage hineinkatapultiert, um dem weiteren Geschehen gespannt zu folgen.

Zusätzlich sind alle Bildseiten mit durchsichtigen Farbkleksen übersät und verleihen dem Comic einen recht speziellen Look. Die Farbflächen der einzelnen Bildfelder sind außerdem mit einer regelmäßigen Pigmentierung versehen, die die Oberfläche von rauem Papier simulieren soll.

Vom Schreiben und Kolorieren

Die in den USA bisher kapitelweise erschienenen Comichefte wurden für den deutschen Markt komfortabel im ersten Buch der Reihe zusammengebunden und in einen soliden Einband gehüllt. Schön ist hierbei, dass die begleitenden Autorenkommentare zu Scott Snyders Umgang mit seinen Ängsten und Sorgen ebenfalls im Anhang beiliegen. Dadurch erhält der Sammelband eine sehr persönliche Note.

Noch spannender finde ich hingegen, dass die künstlerische Ausgestaltung des Comics von der ersten Zeichnung bis zum finalen Kolorat schrittweise erklärt wird. Als Fan künstlerischen Schaffens vermisse ich derlei Zusatzmaterial bei anderen Werken leider viel zu oft. 

Zudem arbeiten die Macher bereits eifrig an einer Fortsetzung der Geschichte. Eine Verfilmung durch Brad Pitts Produktionsfirma Plan B Entertainment ist ebenfalls in Vorbereitung.

Fazit

Zugebenermaßen hatte ich anfänglich tatsächlich meine Zweifel, ob mir insbesondere die experimentell wirkende Aufmachung zusagen würde. Nachdem ich mich aber wider Erwarten recht schnell darauf einstimmen konnte, entfaltete sich mir eine sehr atmosphärische und spannende Geschichte. Deshalb kann ich Wytches jedem empfehlen, der in einem ruhigen Moment gern einmal zu schaurig düsterer Lektüre greift. Dennoch solltet ihr nach Möglichkeit vor dem Erwerb prüfen, ob euch die künstlerische Ausgestaltung auch wirklich gefällt.   

Was bedeutet diese Wertung? Klickt hier und findet es heraus.

 

Wytches – Buch 1
Autor: Scott Snyder
Zeichner: Jock, Matt Hollingsworth
Verlag: Splitter
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
 

Wytches: Band 1.

Price: EUR 24,80

5.0 von 5 Sternen (1 customer reviews)

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Marco Schugk

Marco Schugk

Tauscht gern Schwert und Rüstung gegen Federkiel und Tinte, um den Geschichten und Erzählungen seiner Kameraden gelehrsam Ausdruck zu verleihen.
Hauptthemen: Lektor, Games, Brettspiele.

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