Die Bestie von Gévaudan


Jeder hat eins – das erste Buch, welches man von einem bestimmten Autor gelesen hat. Die Qualität dieses literarische Werks entscheidet zumeist darüber, ob und wie wir den Urheber in Erinnerung behalten. Ritus war damals mein erster Roman von Markus Heitz, den ich zwischen die Finger bekam.

Noch heute nimmt der Roman einen Ehrenplatz zwischen meinen Studienbüchern nahe meines Bettes ein.

Fakt und Fiktion

Bestie_von_Gévaudan5

Die Bestie von Gévaudan: Nachweisbare Tatsachen vermischten sich mit Mythen.

Es gab eine Zeit, in der mein Abendprogramm – oder besser gesagt mein Nachtprogramm – von den öffentlich rechtlichen Sendern gestaltet wurde. Der Film Die Bestie der alten Berge und die darauffolgende Doku über die Bestie von Gévaudan führten bei mir zu einem neuen Interessengebiet. Zwei Jahre später fiel dann mein Blick während eines Routine-Einkaufs auf ein schwarzes Buch mit roten Lettern.

Ein weiterer Blick in den Klappentext mit den Worten Frankreich im Jahre 1764 und Jean Chastel sorgten dafür, dass der Roman im Einkaufswagen landete.

Noch in derselben Nacht, unter der Decke mit einer Taschenlampe ausgerüstet, verschlang ich das Buch. Seitdem habe ich den Roman immer wieder zur Hand genommen. Die Seiten sind inzwischen abgegriffen und der Umschlag droht sich zu lösen. In der Konsequenz zählte Markus Heitz  aber fortan zu meinen Lieblingsautoren.

Ritus erzählt zwei Geschichten, deren Verbindung aber erst im zweiten Band Sanctum gänzlich geklärt werden. Die Handlungsstränge wechseln sich dabei kapitelweise ab. Eine Handlung spielt in Frankreich im Jahre 1764 und hält sich zum Großteil an die historischen Ereignisse rund um die Bestie von Gévaudan. Mittlerweile gibt es zahllose, mehr oder minder wissenschaftliche Theorien zu jener Bestie. Heitz bedient sich jedoch fantastischer Elemente und präsentiert eine Werwolfgeschichte, welche die historisch überlieferten Todesfälle aufgreift.

Der Historiker in Markus Heitz hat dabei gute Arbeit geleistet, indem er jene Geschehnisse geschickt mit dem sagenhaften Wesen verbindet. Protagonist des Ganzen ist der Jäger Jean Chastel, dessen tatsächliche Rolle aus den historischen Quellen jedoch nicht eindeutig hervorgeht. Einige behaupten sogar, er habe die Bestie selbst aus einem Wolf und einem Hund gezüchtet. Im Roman ist Jean Chastel aber klar als Held deklariert, auch wenn er sich den Anschuldigungen der Dorfbewohner stellen muss.

Geschickt webt Heitz immer wieder gängige Theorien zur Bestie von Gévaudan ein, ohne das dabei der Werwolfmythos an Bedeutung verliert. Insbesondere da der Leser von Beginn an weiß, dass der Loup Garou nicht nur eine Legende ist. Bereits im ersten Kapitel trifft der Wildhüter Jean mit seinen beiden Söhnen Antoine und Pierre auf zwei recht erschreckende Kreaturen. Zu dritt schaffen sie es zwar eine zu erlegen, aber beide Söhne werden bei der Konfrontation schwer verletzt. Zu diesem Zeitpunkt befinden sie sich im Gebiet eines befreundeten Wildhüters, der Jean um Mithilfe bei der Erlegung eines mordlustigen Wolfs bat. Nach diesem Ereignis folgen die bestialischen Angriffe der Familie Chastel. Jean vermutet, dass sich die noch lebende weibliche Bestie für den Tod ihres Gefährten rächen will.

Im Dorf ist die Familie Chastel nicht sonderlich beliebt: Jean gilt als Gotteslästerer. Antoine hat eine ungesunde Vorliebe für sehr junge Mädchen und Knaben. Pierre, der Umgänglichste von ihnen, fängt nach dem Ereignis mit den Wandelwesen an sich zu verändern. Er leidet an Fieber und Gedächtnisstörung.

Neben der Familie Chastel gehört die Äbtissin des Klosters Saint-Grégoire, Gregoria, und ihr Mündel Florence zu den wichtigeren Figuren. Gregoria trifft im Verlauf der Handlung immer wieder auf Jean. Sie sieht in ihm eine Prüfung Gottes und möchte ihn daher zurück in die Gemeinschaft der Gläubigen führen. Florence hat hingegen dem älteren Sohn Pierre gehörig den Kopf verdreht und so schleicht sich eine kleine Liebesgeschichte in den Roman ein.

Der zweite Handlungsstrang spielt im Jahr 2004. Es weilen noch immer Lycanthropen unter den Menschen. Daher hat es sich Eric von Kastell zu seiner Aufgabe gemacht, diese zu jagen. Lernten wir Jean Chastel in einem Wald kennen, begegnet uns Eric das erste Mal bei einer Vernissage. Er befindet sich auf der Jagd, und zwar nach einer Frau. Denn neben der Jagd auf Wandelwesen erobert Eric gerne gut riechende Damen. Kaum hat er das Objekt seiner Begierde um den Finger gewickelt und zu einem Liebesabenteuer verführt, klingelt sein Handy. Ein neues Ziel wartet auf ihn: Dieses Mal handelt es sich jedoch um einen Werschakal.

Im Laufe seiner Jagd stirbt Erics Vater, sodass Eric das Familiengeschäft alleine fortführen muss. Trotz des väterlichen Verlusts ballert Eric weiter im weißen Lackmantel Werwesen um, verführt Frauen und fährt mit seinem bevorzugten Auto durch die Gegend. Im weiteren Verlauf der Geschichte wird Eric Lena, eine Wolfsforscherin, als weibliche Begleiterin zur Seite gestellt.

Ein Werk aus Kontrasten

Ritus Cover

Im schlichten Schwarz präsentiert sich das Cover von Ritus.

Ritus besteht aus Kontrasten. Die beiden Protagonisten könnten unterschiedlicher nicht sein: Jean Chastel ist ein alter, ruhiger und grummeliger Wildhüter. Dagegen ist Eric von Kastell ein Macho und Aufreißer wie er im Buche steht. Während es für mich kein Problem war zum Wildhüter eine Verbindung aufzubauen, insbesondere da seine Abwendung von Gott sehr realistisch dargestellt wurde und er im tiefsten Inneren einen guten Kern hat, wirkt Eric sehr künstlich. Es fällt mir schwer dem Charakter etwas Positives abzugewinnen, geschweige denn sympathisch zu finden. Insgesamt scheint die Handlung in Frankreich liebevoller ausgearbeitet zu sein.

Sprachlich nehmen sich die beiden Handlungsstränge nicht viel. Dennoch bietet mir gerade der erste Teil mit seiner Atmosphäre und den glaubwürdigeren Figuren ein gewisse Gänsehaut-Feeling. Die Bestie ist 1764 eben eine echte Bedrohung. Außerdem handelt es sich hier eindeutig um eine Horrorgeschichte, die einem den einen oder anderen kalten Schauer über den Rücken laufen lässt.

Der Kontrast zwischen den religiösen Ansichten von Jean Chastel und Gregoria sowie die daraus entstehende Spannung trägt ebenfalls zur Unterhaltung bei.

Ganz anders ist es bei der Handlung um Eric: Von meiner persönlichen Abneigung gegenüber dem Charakter mal abgesehen, fällt es mir abermals sichtlich schwer, seine Passagen ernst zu nehmen. Nicht nur Eric ist überzeichnet, sondern auch seine Situation. Letztere erinnert eher an einen Aktionfilm, der mehr “Boom” machen will als alles andere. Positiv finde ich daran jedoch, dass nicht nur der typische Werwolf auftritt, sondern auch andere Werwesen.

Die “erotischen” Szenen, die sich durch Erics sexuelle Triebhaftigkeit vermehrt im zweiten Handlungsstrang finden, sind nicht unbedingt genießbar. Sie wirken leider recht billig und genau wie der Rest der neuzeitlichen Begebenheiten eben sehr gestellt.

Fazit

Trotz einer eher schwachen Umsetzung des Werwolfmythos in der Moderne ist die Geschichte, die um die Bestie von Gévaudan konzipiert und erweitert wurde, einfach grandios umgesetzt. Wer keine fantastischen Interpretationen von ungeklärten historischen Ereignissen scheut, wird seine Freude mit Ritus haben. Damit ist es eine klare Kaufempfehlung.

Was bedeutet diese Wertung? Lest hier!

 
Ritus
Autor: Markus Heitz
Verlag: Knaur
Taschenbuch: 528 Seiten
 

Ritus: Roman (Pakt der Dunkelheit, Band 1)

Price: EUR 10,99

3.7 von 5 Sternen (194 customer reviews)

58 used & new available from EUR 0,71

 

Jasmin Dahler

Jasmin Dahler

Lebt in der Welt der Superhelden. Gut eigentlich in der Welt der Superschurken. Egal ob Comics, Games oder Filme, alles wird leidenschaftlich konsumiert.
Hauptthemen: Comics, Hörspiele, Games

Gefällt dir der Artikel? Dann teile ihn mit deinen Freunden